Rinder leiden für vermeintliches Premiumfleisch
Mercosur-Tierleid in Feedlots
Rindfleisch aus Südamerika gilt in Deutschland für viele Menschen als Delikatesse. Köchinnen und Köche nutzen es als besonderes Premiumfleisch, Verbraucherinnen und Verbraucher verbinden damit häufig das Bild von gesunden Rinderherden auf weitläufigen Weiden und den Viehtrieb zu Pferd. Leider entspricht diese Vorstellung zur Rinderhaltung in weiten Teilen nicht der Realität.
Ein von der Animal Welfare Foundation (AWF) initiierter offener Brief an Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche thematisiert die aufgedeckten, tierschutzrelevanten Zustände in zahlreichen Rindermastbetrieben in drei Mercosur-Staaten („Gemeinsamen Markt des Südens“ – portugiesisch/spanisch: Mercado Común del Sur). PROVIEH gehört neben weiteren Tierschutzorganisationen zu den Mitunterzeichnern des Schreibens, das am 18. August 2026 an die Bundesministerin versendet wurde. Darin fordern die Organisationen ein Importverbot für Rindfleisch aus tierquälerischer Feedlot-Haltung sowie verbindliche und durchsetzbare Tierschutzstandards für importierte tierische Erzeugnisse.
Anlass zu dem Brief sind Recherchen der AWF, die zwischen August 2025 und März 2026 in 21 Rindermastanlagen (sogenannten Feedlots) in Uruguay, Argentinien und Brasilien durchgeführt wurden. Die dabei entstandenen Aufnahmen dokumentieren unter anderem verletzte und kranke Tiere, starken Hitzestress, verschmutztes, für viele Tiere, insbesondere rangniedrige Tiere, schwer zugängliches Trinkwasser, eine kraftfutterbetonte Fütterung, die zu Erkrankungen und teilweise zum Tod führen kann, sowie Rinder, die nach Regenfällen über längere Zeit teilweise knietief in Schlamm und Exkrementen stehen. Für die unterzeichnenden Tierschutzorganisationen ist maßgeblich, dass die untersuchten Mastanlagen für den Export in die Europäische Union zugelassen sind.
Qualfleisch statt Weiderind

Die Filmaufnahmen der AWF zeigen große Freiland-Mastanlagen mit unbefestigtem, erdigem Untergrund. Kot und Urin werden nicht abgeleitet, sondern sammeln sich auf und im Boden. Tausende Rinder je Anlage stehen gruppenweise in rechteckigen Gehegen auf begrenztem Raum, ohne Zugang zu Ställen, Unterständen oder Weideland und ohne ausreichend strukturierte Funktionsbereiche. Die wenigsten Mastanlagen bieten Schutz vor der Sommerhitze. Wo Schatten vorhanden ist, handelt es sich häufig um behelfsmäßige Schattennetze, die nur einen Bruchteil der Tiere erreichen. In der südamerikanischen Sommerhitze bedeutet dies extremen Stress bis hin zum Tod.
Die Rinder verbringen in diesen Feedlots nach Angaben von AWF insbesondere die Zeit der Endmast (rund 100 bis 120 Tage). Ziel ist eine schnellstmögliche Gewichtszunahme von bis zu 1.500 Gramm am Tag. Dies kann nur mit sehr großen Mengen an Kraftfutter erreicht werden. Für bestimmtes als „High Quality Beef“ vermarktetes Rindfleisch schreibt die EU-Einfuhrregelung vor, dass die Tiere in den letzten 100 Tagen vor der Schlachtung mit einer Ration gefüttert wurden, die mindestens 62 Prozent Konzentrate und/oder Getreidefutter-Nebenprodukte enthält (Implementing regulation – 481/2012 – EN – EUR-Lex). Eine solche Regelung widerspricht den eigentlichen Bedürfnissen der Wiederkäuer nach einem sehr hohen Rohfaseranteil im Futter. Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) empfiehlt in ihrer wissenschaftlichen Bewertung zur Haltung von Mastrindern aus 2025, den Kraftfutteranteil zu reduzieren und stattdessen rohfaserreiches Futter anzubieten. Denn ein Überschuss an Kraftfutter bei gleichzeitig zu geringen Rohfaseranteilen kann unter anderem das Risiko einer mit Schmerzen und Leiden einhergehenden Übersäuerung des Pansens (PansenazidoseMercous) erhöhen. Diese ist laut AWF gemeinsam mit Atemwegserkrankungen aufgrund von Staub- und Ammoniakbelastung eine der Haupttodesursachen für Mastrinder in den Feedlots.
Mercosur fördert Qualfleisch

Das vieldiskutierte EU-Mercosur-Abkommen spielt hier eine kritische Rolle. Es eröffnet in Bezug auf Rindfleisch den Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay für bis zu 99.000 Tonnen Rindfleisch jährlich einen bevorzugten Zugang zum europäischen Markt: Für dieses Kontingent soll ein reduzierter Zollsatz von 7,5 Prozent gelten. Dieser wirtschaftliche Anreiz kann die Feedlot-Rindermast weiter ankurbeln. Denn auch wenn die EU auf geltende Vorgaben für Lebensmittelsicherheit, Tiergesundheit und den Tierschutz bei der Schlachtung hinweist, fehlt es im Abkommen aus Sicht der Tierschutzorganisationen an verbindlichen und zudem wirksam durchsetzbaren Tierschutzstandards. Während beispielsweise der zollbegünstigte Marktzugang bei Eiern an die Einhaltung bestimmter EU-Anforderungen zum Schutz von Legehennen geknüpft ist, fehlt eine vergleichbare Regelung für Rindfleisch.

Zusätzlich zu dem enormen Tierleid droht das zu niedrigeren Kosten erzeugte Rindfleisch sich nachteilig auf Mastrinderbetriebe in Deutschland auszuwirken. Der Preisdruck könnte insbesondere die Betriebe schädigen, die bereits höhere Tierschutzstandards etabliert haben oder beispielsweise extensive Weidehaltung betreiben. Das gefährdet insbesondere jene Betriebe, die in mehr Platz, Weidegang, bessere Liegeflächen, tiergerechte Fütterung und höhere Umweltstandards investieren. Hier muss die Politik die Mindestvorgaben über die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung regeln beziehungsweise innerhalb der EU die Standards an die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse anpassen. Daraus könnten dann gleich hohe und überprüfbare Anforderungen für heimische wie für importierte tierische Produkte geschaffen werden.
Deutschland importiert bereits heute Rindfleisch aus intensiver Feedlot-Haltung in Mercosur-Staaten. Mit dem zusätzlichen Zollkontingent könnte dieser Import weiter zunehmen.
Tierschutzprobleme – auch im Inland
Auch in Deutschland gibt es zum Teil schwere Tierschutzprobleme, insbesondere in der intensiven Rindermast. Auf engstem Raum in kleinen Buchten auf Vollspaltenböden oder in Anbindehaltung meist ohne Weidegang werden die bewegungsfreudigen Tiere mit ebenfalls hohen Kraftfutteranteilen gemästet.
Die Folgen dieser Haltung sind fatal:
- Atemwegserkrankungen und ein geschwächtes Immunsystem
- Verletzungen, Hautentzündungen und Wunden
- Schwanzspitzennekrosen
- Klauenprobleme, Fehlstellungen, Sohlengeschwüre und Entzündungen
- Verletzungen durch Rangkämpfe, Aufreiten, Tritte und Stürze
- Unzureichender Zugang zu Futter, Wasser und Ausweichmöglichkeiten
- Pansenazidose und weitere Stoffwechselprobleme
- Bewegungs- und Verhaltensbeschränkungen
- Gestörtes Liegen, Aufstehen, Ruhen und Wiederkäuen
- Eingeschränktes Sozial-, Erkundungs- und Komfortverhalten
- Stress, Unruhe, Langeweile und Verhaltensstörungen
Die Probleme entstehen multifaktoriell durch das Zusammenwirken von Platzmangel, ungeeigneten Böden, fehlenden Rückzugs- und Beschäftigungsmöglichkeiten, intensiver Fütterung, Eingriffen sowie bestimmten Zuchtmerkmalen (beispielsweise dem Doppellender-Gen).
Bereits seit langem fordert PROVIEH für die Rindermast:
- Umfangreiche Verbesserung der Haltungsbedingungen durch mehr Platz, Funktionsbereiche und Auslaufflächen bzw. Weidehaltung
- Sicherstellung einer wiederkäuergerechten Fütterung mit ausreichend rohfaserreichem Raufutter
- Verhinderung von Eingriffen wie Enthornung und Schwanzspitzenamputation (wenn medizinisch erforderlich nur unter Betäubung und mit anschließender Schmerzbehandlung)
- Verbot von Qualzucht bei Rindern, insbesondere von Zuchtlinien mit übermäßiger Bemuskelung, Schwergeburten, Missbildungen und erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen: Zuchtziele und Zuchtmethoden müssen am Tierwohl und an der Gesundheit der Tiere ausgerichtet sein.
- Überführung der Empfehlungen des Europarates sowie bestehender Tierschutzleitlinien für Mastrinder in rechtsverbindliche Vorgaben (Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung)
(Mehr dazu: PROVIEH, Hintergrundpapier „Brennpunkt Mastrinderhaltung – Änderungsbedarf aus Sicht des Tierschutzes“, vom 12.08.2024.)
Diese Forderungen sollten ebenso für die Rinder gelten, dessen Fleisch in die EU/ Deutschland importiert werden. Denn Konsumenten wollen keinerlei Qualfleisch auf dem Teller.
Kathrin Kofent
19.08.2026
Quellen und weiterführende Informationen
PROVIEH
- EU-MERCOSUR Abkommen unterzeichnet – Gegenmaßnahmen für den Tierschutz erforderlich! | PROVIEH
- Zeit zum Umdenken – EU-Mercosur-Abkommen stoppen! (Gemeinsamer Aufruf, Juni 2020)
- Mastrinderhaltung endlich neu denken (11.09.2025)
- Mastrinder – Informationen und Forderungen von PROVIEH
- Mastrinderhaltung der Zukunft (18.11.2024)
- Steckbrief: Mastrinder (Stand: November 2023)
- Ausgabe 3/2023: PROVIEH-Magazin – Schwerpunkt Mastrinderhaltung
- Anbindehaltung von Rindern
- Rinder – Informationen zur Rinderhaltung in Deutschland
Animal Welfare Foundation (AWF)