Mastrinderhaltung endlich neu denken

Europaweit leiden Mastrinder in zweistelliger Millionenzahl unter unzureichenden nicht artgemäßen Haltungs- und Fütterungspraktiken. Zudem werden sie durch Zuchtpraktiken und Verstümmelungen „optimiert“, damit ihre Mast besonders gewinnbringend und arbeitssparend ist. Lange wurde das Leid dieser Tiergruppe wenig beachtet.  

Die EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) hat in den letzten Jahren zahlreiche Gutachten zur Haltung, Betäubungsverfahren und Schlachtung verschiedener “Nutztiere” veröffentlicht. Die wissenschaftlichen Bewertungen enthalten Empfehlungen zu Platzbedarf, Haltungssystemen und anderen Faktoren, die das Wohlbefinden der Tiere beeinflussen. Sie sollen als Basiswissen für die Überarbeitung der Tierschutzvorschriften der EU dienen. 

Ende Juli 2025 veröffentlichte die EFSA nun auch ein umfangreiches Gutachten, welches die derzeit gängigen Haltungspraktiken von Mastrindern kritisch beleuchtet.  

Auf fast 200 Seiten wird das Wohlbefinden von Fleischrindern mit dem Fokus auf Aspekte wie Bodenbeläge, Zugang zu Wasser, Ernährung und Fütterung, Temperaturbedingungen, fehlende Umweltreize, fehlender Zugang ins Freie, Platzverhältnisse, etc. bewertet. Darüber hinaus werden Risiken bei der Weidehaltung und in Feedlots, das frühe Absetzen der Kälber von ihren Müttern, Verstümmelungen wie Kastration, Enthornung, Schwanzkupieren sowie Zuchtpraktiken wie die Extrembemuskelung (Doppellender), Schwergeburten, Kaiserschnitte, Hornlosigkeit, mütterliche Leistungsfähigkeit und Temperament betrachtet. Im Zuge dieses Gutachtens wurden außerdem erhebliche Datenlücken sichtbar, etwa in Bezug auf die Messbarkeit von Problemen und der Tiergerechtheit von Haltungs- und Fütterungspraktiken im Bereich der Raufutteranteile, bei möglichen Auswirkungen von Verstümmelungen, der Transportfähigkeit sowie bei Schlachtbefunden.  

Als grundsätzliche EFSA-Empfehlungen lassen sich ableiten: 

  • Vergrößerung der Stallflächen  
  • Fütterung von mehr Raufutter  
  • Nutzung eingestreuter Massivböden an Stelle von Spaltenböden 
  • Bereitstellung von Beschäftigungsmaterial wie Kuhbürsten und Raufutter 
  • Schaffung von Liegebereichen im Freien  
  • Bereitstellung von Wasser in ausreichender Menge und frei zugänglich über offene Tränken  
  • Vermeidung der willkürlichen Zusammenstellung von Tiergruppen sowie das Anstreben stabiler Gruppen 
  • Vermeidung des frühen Absetzens der Kälber vor 6 Monaten 
  • Verzicht auf Doppellender-Tiere bei der Zucht 

Die EFSA hat ebenfalls eine Infografik zu dem Thema veröffentlicht:

Bundesministerium setzt mit Broschüre starke Impulse 

Noch vor den EFSA-Ergebnissen, Mitte November 2024, wurde auf der Landwirtschaftsmesse EuroTier die Broschüre „Gesamtbetriebliches Haltungskonzept Rind – Mastrinder“ offiziell vorgestellt. 

Eine Arbeitsgruppe von Rinderexpert:innen, federführend der Landesanstalten, Landesämter und Landwirtschaftskammern mit Unterstützung von Fachleuten der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft und des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft stellt hier ihre Ergebnisse einer Mastrinderhaltung der Zukunft vor. Ziel war es, wirtschaftlich tragbares und nachhaltiges Tierwohl in den deutschen Mastrinderställen zu etablieren. Einbezogen wurde die gesamte Wertschöpfungskette „vom Stall bis zur Ladentheke“, so dass vielfältige Anregungen und Impulse zusammengetragen wurden. 

PROVIEH erwartet mit Spannung, welche praktischen Folgen sich im Bereich der staatlichen Haltungskennzeichnung für Rindfleisch, der Förderungspolitik von Bund und Ländern sowie bei der Schaffung einer gesetzlichen Mindestanforderung durch die ausstehende Aufnahme in die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung aufgrund der Ausarbeitung tatsächlich ergeben werden. 

Unsere starken Argumente für eine Reform der Mastrinderhaltung und klare Forderungen in Bezug auf eine artgemäßere Mastrinderhaltung haben wir bereits im Sommer 2024 mit einem Positionspapier klargestellt, welches wir unter anderem an die Bund- und Länderministerien sowie an die Bund- und Landestierschutzbeauftragte(n) gesendet hatten. Sowohl das EFSA- wie auch das nationale Haltungskonzept spiegeln unsere Position wider.  

Wir hoffen sehr, dass die sehr eindeutigen Ergebnisse und Empfehlungen der EFSA endlich Wirkung zeigen und zusätzlichen Rückenwind für klare Verbesserungen auf EU- und nationaler Ebene bringen. Es darf nicht nur ein weiterer Papiertiger sein.  

Das Leiden der Mastrinder muss endlich gelindert werden. 

Kathrin Kofent 

Positionspapier:

Haltung von Mastrindern in der Landwirtschaft

12.08.2024

Hintergrundpapier:

Brennpunkt Mastrinderhaltung. Änderungsbedarf aus Sicht des Tierschutzes

12.08.2024


Mehr zum Thema, wie auch unser Positionspapier und das Hintergrundpapier finden Sie hier:   

Mastrinder – Steckbrief und Hintergrundtexte 

Mastrinderhaltung der Zukunft. Was ist nötig und was möglich? (Artikel erschienen im PROVIEH Magazin „respektiere leben.“ 01/2024)

31.07.2025

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