Geflügelpest zeigt Systemversagen – Warum wir endlich über Ursachen sprechen müssen

PROVIEH fordert Kurswechsel in der Geflügelhaltung

Seit Anfang Oktober 2025 überschlagen sich die Meldungen: Die hochpathogene Aviäre Influenza (HPAI) – besser bekannt als Geflügelpest – breitet sich in Deutschland erneut in rasanter Geschwindigkeit aus. Während die niedrig pathogene Variante (LPAI) inzwischen nahezu flächendeckend bei Wildvögeln nachgewiesen wird, gilt die hochpathogene Form als Ergebnis und Begleiterscheinung der intensiven Geflügelhaltung. Der Erreger des Subtyps H5N1kostete dieses Jahr bereits über 1,5 Millionen Enten-, Hühner-, Gänse- und Putenleben (Stand 13.11.2025). Eine Infektion mit der hochpathogenen Form endet für unzählig Vogelarten innerhalb weniger Tage tödlich. Betroffen sind auch Wildvögel, in diesem Jahr auffällig viele Kraniche.   

Zwischen Anspruch und Realität – Massenkeulungen als Standardpraxis 

Im Falle eines HPAI-Ausbruchs wird der gesamte Bestand an landwirtschaftlich gehaltenem Geflügel eines Hofes oder innerhalb einer Zone gekeult (getötet). Häufig betrifft dies auf einen Schlag zehntausende Tiere, die innerhalb kürzester Zeit mittels Kohlendioxids getötet werden. Dieses Verfahren ist mit erheblichen tierschutzrelevanten Belastungen verbunden: Die Tiere zeigen vor dem Bewusstseinsverlust Stress- und Erstickungssymptome, hinzu kommt eine erhöhte Verletzungsgefahr bei der hastigen Handhabung. Besonders problematisch ist, dass nicht nur nachweislich infizierte Tiere, sondern regelmäßig auch gesunde Tiere getötet werden. Ein „Töten auf Verdacht“, das ethisch wie tierschutzrechtlich hochbedenklich ist. In der hochindustrialisierten Geflügelproduktion mit zehntausenden genetisch nahezu identischen Hochleistungstieren pro Betrieb stößt jeder tierschutzorientierte Ansatz an Grenzen – derAnspruch, das Leben jedes einzelnen Tieres zu schützen, bleibt zwangsläufig auf der Strecke. PROVIEH kritisiert das reflexhafte Keulen als ein Symptom fehlgeleiteter Tierhaltung. 

Systemische Ursachen als Treiber der Geflügelpest 

Die jahrelange Fixierung von Wissenschaft und Behörden auf die sogenannte „Wildvogelhypothese“ bei der Ursachenforschung hat das Verständnis des Infektionsgeschehens verzerrt. PROVIEH hat seit Beginn auf strukturelle Faktoren der Geflügelindustrie hingewiesen, auf Transportketten, Haltungsbedingungen, (Neben)Produkte und Bestandsgrößen. Inzwischen rücken zahlreiche Untersuchungen die industrielle Geflügelhaltung als zentralen Motor der Virusentwicklung und -verbreitung in den Fokus. Internationale Warenströme von Lebendtieren, Eintagsküken, Geflügelteilen oder Schlachtnebenerzeugnissen bilden ein globales Netzwerk, das den Vogelzug bei Weitem übertrifft und dem Virus effiziente Verbreitungswege öffnet.  

INFOBOX: Die Wildvogelhypothese beschreibt die Annahme, dass hochpathogene aviäre Influenzaviren vorwiegend durch ziehende Wildvögel nach Europa eingetragen werden. Wilde Wasservögel gelten dabei als natürliches Reservoir für geringpathogene Influenzaviren (LPAIV), die für sie meist harmlos sind. Nach dieser Sichtweise nehmen Wildvögel entweder bereits mutierte, hochpathogene Viren aus Regionen wie Asien oder Sibirien auf oder bringen LPAIV mit, die sich entlang ihrer Zugrouten weiterentwickeln können. Über direkten oder indirekten Kontakt – etwa über Kot, Futter oder Einstreu – gelangen – so die Hypothese – die Viren dann aus dem Freiland in Hausgeflügelbestände, wo sie Geflügelpestausbrüche auslösen. 

Brutstätte industrielle Intensivtierhaltung 

In den Geflügelställen wirken mehrere Risikofaktoren zusammen: 

  • Genetische Homogenität: nahezu identische Tiere ohne robuste Abwehrmechanismen. 
  • Extrem hohe Besatzdichten: perfekte Inkubatoren für Viruserreger. 
  • Geschwächte Immunsysteme durch Stress, Hochleistungszucht und ungeeignete Haltungssysteme. 

Unter solchen Bedingungen verbreiten sich Erreger nicht nur besonders schnell, sondern aus LPAI-Stämmen entwickelt sich HPAI – wie auch das Friedrich-Loeffler-Institut bestätigt. Die industrielle Geflügelhaltung erzeugt also nicht nur hochgradig verletzliche Tierbestände, sondern trägt aktiv zur Entstehung und Ausbreitung hochriskanter Virusvarianten bei. 

Geflügelmist als unterschätzter Risikofaktor 

Ein weiterer blinder Fleck ist der Umgang mit Geflügelmist. In Deutschland darf dieser ungetestet und ohne Desinfektion beziehungsweise thermischer Behandlung direkt auf die Felder ausgebracht werden – obwohl bekannt ist, dassHPAI-Viren darin infektiös bleiben. 

Für viele Wildvögel, die auf offenen Feldern nach Nahrung suchen, wird dieser Mist zur Todesfalle. Weltweit beobachten Ornitholog:innen ein dramatisches Artensterben: Bereits über 400 Vogelarten sind von H5-Varianten betroffen, darunter streng geschützte wie Kraniche, Albatrosse und Geier. 

Die Geflügelpest ist längst kein isoliertes Nutztierthema mehr, sondern ein ökologisches Risiko internationaler Tragweite. 

Zoonotisches Risiko: Das System spielt mit dem Feuer 

Ein weiterer Grund, warum ganze Bestände schnell gekeult werden, ist das zoonotische Potential von HPAI. Das Robert Koch-Institut stuft das Risiko für die allgemeine Bevölkerung aktuell zwar als gering ein, doch weltweit gab es bereits Übertragungen auf Säugetiere – und in einigen Fällen auch auf den Menschen. 

Die schnelle, globale Ausbreitung und die hohe Mutationsrate der H5-Viren zeigen: Ein rein reaktiver Umgang mit der Geflügelpest schützt uns nicht. Die industrielle Tierhaltung schafft Bedingungen, unter denen aus Tierseuchen jederzeit ein reales Risiko für pandemische Entwicklungen entstehen kann. Es besteht dringender Handlungsbedarf.  

Stallpflicht für kleine Haltungen: Endlich Bewegung  

Kleinhaltungen spielen seit je her nur eine marginale Rolle bei der Verbreitung. Die jüngste teilweise Entbindung der Stallpflicht für Hobbyhaltungen in einigen Landkreisen ist daher ein wichtiger und überfälliger Schritt. Dennoch sollten Tierhalter:innen weiterhin vorsichtig sein: Freigang, besonders in Gewässernähe begrenzen, Ausläufe überdachen und Kontakte nach außen minimieren, um Infektionsrisiken gering zu halten. 

Was jetzt geschehen muss – PROVIEH fordert einen echten Kurswechsel 

Um die Geflügelpest einzudämmen und Tierleid substanziell zu reduzieren, fordert PROVIEH: 

  1. Deutliche Reduktion der zulässigen Tierbestände, Tierzahlen je Betrieb, die Begrenzung der Besatzdichten und insgesamt Verbesserung der Haltungsbedingungen. 
  1. Nutzung von robusten und langlebigen Rassen. 
  1. Verbot von Geflügel-Lebendtiertransporten über Ländergrenzen und Kontinente. 
  1. Sichere Nutzung von Geflügelmist – nur nach Desinfektion und mit Abstand zu Gewässern und Schutzgebieten. 
  1. Keulung nur bei Beachtung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit und unter Einsatz bestmöglicher Verfahren. 
  1. Regelmäßiges Monitoring aller Geflügelbetriebe (Ausnahme: Kleinhaltungen bis 50 Tiere). 

Stella-Maré Moritz und Kathrin Kofent 

21.11.2025 


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*Mehr Informationen zum Thema “Schützen statt Töten”

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