Schlachtunternehmen Tönnies führt Tierwohlbonus für Schweine ein
Privatwirtschaftliche Impulse statt staatlicher Strategie
Während die Bundesregierung beim Umbau der Tierhaltung mit großen Schritten rückwärts läuft, sendet die Privatwirtschaft neue Impulse – allen voran erneut der Schlachtkonzern Tönnies. Nachdem dieser im Herbst 2024 eine sogenannte „Ringelschwanz-Prämie“ für Schweine aus der Haltungsform 3 ausgelobt hatte, können künftig auch Haltungsform-2-Betriebe mit intakten Ringelschwänzen von der Ringelschwanz-Prämie profitieren. Zusätzlich führt Tönnies ein Bonus-Malus-System für angelieferte Schlachtschweine ein, welches die Tiergesundheit finanziell belohnt. Tönnies koppelt Teile der Bezahlung an konkrete Tiergesundheitsergebnisse. Damit werden Schweinegesundheit, ein vorgelagertes gutes Management und verbesserte Haltungsbedingungen konkret belohnt. Für Schweine ohne relative Befunde der Atemwege, Organe, Darm, Gelenke und Schwanz erhalten Landwirt:innen einen Bonus von 0,5 Cent je Kilogramm Schlachtgewicht. Der Bonus wird zum Dezember 2025 eingeführt. Im Februar 2026 folgt dann ein Malus (Abzug) für negative Befunde. In drei Befundkategorien mit jeweils 1 Cent Abzug können bis zu 3 Cent je Kilogramm abgezogen werden. Das Unternehmen erhofft sich durch dieses direkte Bonus-Malus-System eine positive Lenkungswirkung hin zu mehr Tierwohl. Denn die Tierhalter:innen bekämen direktes monetäres Feedback und könnten bei negativen Ergebnissen an diesen Stellschrauben drehen, um Ergebnisse zukünftig zu verbessern:
- Gelenksgesundheit: Entzündungen deuten auf Bewegungsmangel hin.
- Unversehrtheit von Schwanz und Ohren: Stressindikatoren, die durch ausreichende Hygiene und Platzbedarf minimiert werden können.
- Atemwegsgesundheit: Stallklima ist entscheidend zur Vermeidung von Atemwegserkrankungen.
- Darm- und Lebergesundheit: Ein gesunder Darm ist entscheidend für das Immunsystem; Leberbefunddaten helfen bei der Erkennung von Krankheiten. (Quelle: Tönnies Lebensmittel – Artgerechte Haltung)
Heute seien bereits 80 Prozent der angelieferten Schweine befundfrei, gute 11 Prozent neutral, so Tönnies. Bei fünf Prozent würde ein, bei 2,6 Prozent zwei und bei 0,9 Prozent drei Befunde festgestellt. Als Datengrundlage für die Bewertung dienen die amtlichen Überwachungsergebnisse, welche allerdings aufgrund regionaler unterschiedlicher Befundschlüssel wie auch (möglicher) subjektiver Beurteilung durch die jeweils zuständigen Kreis-Veterinärbehörden unterschiedlich ausfallen, erklärte Dr. Wilhelm Jäger, Leiter der Abteilung Landwirtschaft bei Tönnies. Zukünftig müssten KI-Lösungen her, um einheitliche Bewertungen zu gewährleisten.
Ab Februar 2026 wird zusätzlich für jedes spätestens eine Woche vor Anlieferung angemeldete Einzeltier mit intaktem Ringelschwanz aus der Haltungsform 2 eine Prämie von Tönnies in Höhe von zehn Euro ausgezahlt. Möglich macht dies ein KI-gesteuertes Erfassungssystem, welches die Schwänze „scannt“.
Wie Privatunternehmen den Tierschutz-Wandel fördern
Die Ringelschwanzprämie für Haltungsform-3-Schweine, wie auch das freiwillige Kennzeichnungssystem mit den Haltungsformen 1–4, getragen vom Lebensmitteleinzelhandel, haben in den vergangenen Jahren bereits erste gute monetäre Anreize für Landwirt:innen geschaffen, um Tierhaltungen zu verbessern. Tönnies dockt daran an. So erhalten Landwirt:innen in Haltungsform 2 echte ökonomische Anreize, Schritte in Richtung mehr Tierwohl zu gehen. Und für die Schweinhalter:innen wird gute und schlechte Tierhaltung am Ende auf dem Konto sichtbar. Das neue Preissystem von Tönnies setzt ein wichtiges Signal an die Branche: Tierwohl hat einen Preis – und wer es liefert, muss dafür bezahlt werden. Gleichzeitig wird schlechte Haltung indirekt bestraft. PROVIEH wird die Umsetzung und Wirksamkeit kritisch begleiten.
Bundesregierung gefragt
Schafft die Privatwirtschaft das, was die Politik nicht schafft? Während Unternehmen wie Tönnies privatwirtschaftlich Impulse setzen, bleibt die Bundesregierung beim Stallumbau gelinde gesagt unentschlossen. Ein Beschluss des Haushaltsausschusses fordert zwar das Bundesministerium für Landwirtschaft (BMLEH) auf, bis zum 15. Dezember Vorschläge für eine bürokratieärmere Förderung des Stallumbaus vorzulegen – mit dem Ziel, dass der Umbau der Tierhaltung „auch weiterhin in einem Bundesprogramm nach bundeseinheitlichen Kriterien“ gesichert wird. Doch die letztliche Umsetzung bleibt fraglich: Aus Bundestagskreisen heißt es, die Verbindlichkeit dieses Maßgabenbeschlusses sei unklar. Morgen, am 27. November, soll der Agrarhaushalt in zweiter Lesung verabschiedet werden – die konkreten Vorschläge des Ministeriums werden bis dahin noch nicht vorliegen. Inzwischen erheben sich immer mehr kritische Stimmen zur Rückzugspolitik in Bezug auf die Förderung von besseren Tierhaltungen und damit wegfallenden Zukunftsperspektiven für deutsche Landwirt:innen.
Fazit
PROVIEH fordert seitens des Bundeslandwirtschaftministeriums und der Bundesregierung einen Kurzwechsel und die Vorlage eines verlässlichen Konzepts, um den Umbau der Tierhaltung langfristig und tragfähig zu finanzieren – wie auch die Empfehlungen der Borchert-Kommission betonen. Ohne solche staatlichen Rahmenbedingungen bleiben privatwirtschaftliche Initiativen wie das Tönnies-Bonus-Malus-System für Schweine wertvolle Impulse, aber vermutlich keine tragfähige Lösung für eine flächendeckende Verbesserung des Tierwohls.
Kathrin Kofent
26.11.2025
Bonus/Malus-System Tönnies ab 2025/2026
| Bereich | Maßnahme | Start | Bedeutung |
| Tiergesundheit | +0,5 Cent/kg für Tiere ohne Befunde | 1.12.2025 | Belohnung für gute Tiergesundheit |
| Befundbelastete Tiere | –1 Cent/kg bei Lungen-, Brustfell-, Ohr-/Schwanzbefunden | 1.2.2026 | Abschläge bei Leiden oder Entzündungen |
| Ringelschwanz HF 3 | 10 € pro intaktem Ringelschwanz | laufend | Förderung kupierfreier Haltung |
| Ringelschwanz HF 2 | 10 € pro intaktem Ringelschwanz | ab 2/2026 | Anreiz für kupierfreie Haltung in HF 2 |
| Muskelfleischanteil | Basis von 59 % → 60 % | 1.1.2026 | Tiergesundheit im Vordergrund, aber ggf. Preisdruck für Betriebe |