Todesfalle Seeweg – Verbot von Langstrecken-Tiertransporten unausweichlich
Tausendfaches vermeidbares Leiden – und die Welt sieht tatenlos zu
Am 20. September 2025 verließ laut Presseinformationen das mit über 3.000 Rindern beladene Frachtschrift Spiridon II den Hafen von Montevideo mit dem Ziel Banırma/Türkei. Doch kurz vor dem Ziel endete die Reise am 22. Oktober vor der türkischen Küste. Aufgrund fehlender Papiere und Unregelmäßigkeiten bei einem Teil der Rinder, verweigerten die türkischen Behörden das Entladen. So vegetierten die Rinder wochenlang ohne ausreichende Versorgung und in schlimmster Enge an Bord. Viele Rinder sind trächtig an Bord gekommen. Berichten zufolge sollen mindestens 58 Rinder verstorben sein und es wurden ca. 140 Kälber unter widrigsten Bedingungengeboren. Es ist zudem zu vermuten, dass zahlreiche Kälber (bereits auf der Hinfahrt) über Bord geworfen wurden. Massive Proteste von Tierschutzverbänden zeigten nach wochenlangem Kampf endlich Wirkung. Ende letzter Woche wurde das Schiff kurz zur Nachladung von Futter und Wasser zugelassen und ist nun offenbar auf dem Wegzurück nach Uruguay. Es ist davon auszugehen, dass die Überlebenschancen für die bereits geschwächten Tiere sehr gering sind.
PROVIEH protestiert
Aktuell appelliert PROVIEH in einem Schreiben an die Weltorganisation für Tiergesundheit (WOAH) und fordert ein sofortiges Eingreifen angesichts der dramatischen Notlage auf dem Tiertransportschiff, das sich derzeit in europäischen Gewässern befindet. In dem Schreiben weist PROVIEH-Vorstandsmitglied Dr. Ricarda Dill auf die oben beschriebenen unhaltbaren Umstände hin. Sie zeigte sich besonders besorgt darüber, dass es keine verlässlichen Hinweise darauf gibt, dass das Schiff zuletzt ausreichend Futter, Wasser oder veterinärmedizinische Versorgung aufgenommen hat. Da der Frachter inzwischen wieder Kurs auf Uruguay genommen hat, droht eine Gesamtreisedauer von bis zu 87 Tagen – eine klar überschrittene Belastungsgrenze für die Rinder, die nach Auffassung von PROVIEH klar im Widerspruch zu internationalen Tierschutzleitlinien steht.
PROVIEH erinnert die WOAH daran, dass gemäß Kapitel 7.2 der WOAH-Leitlinien zum Seetransport der Exportstaat Uruguay die Verantwortung für das Wohlergehen der Tiere während des gesamten Transports trägt – auch bei unvorhergesehenen Verzögerungen oder Notsituationen. Auch zahlreiche NGOs, Tierärzt:innen und Journalist:innen haben diesen Umstand bereits bemängelt und versucht die WOAH zum Handeln zu bewegen.
In dem Briefappel fordert PROVIEH daher:
- Eine sofortige öffentliche Klarstellung der WOAH, dass Uruguay weiterhin für das Wohlergehen der Tiere verantwortlich ist.
- Die umgehende Kontaktaufnahme der WOAH mit griechischen und weiteren EU-Behörden, solange das Schiff europäische Gewässer passiert.
- Die Aktivierung der Krisenmechanismen der WOAH, um weitere Todesfälle sowie eine mögliche illegale Entsorgung von Tierkörpern auf See zu verhindern.
- Eine deutliche Aufforderung an die EU-Mitgliedstaaten, eine Hafeninspektion oder zumindest eine Notversorgung mit Futter, Wasser und tierärztlicher Hilfe zu ermöglichen.
PROVIEH betont in seinem Appell, dass Tausende Tiere in akuter Lebensgefahr seien und offenbar mehrere internationale Tierschutzstandards verletzt würden. Wir fordern deshalb die WOAH auf, unverzüglich und sichtbar zu handeln, um weiteres Leid zu verhindern.
Systemversagen zu Lasten von Lebewesen
Lebendtierexporte über den Seeweg sind kalkuliertes Leid und führen immer wieder zu schweren Tierschutzverstößen. Das Schicksal der fast 3000 Rinder ist ein weiterer, schockierender Beleg dafür, wie ein Schiff aufgrund von Profitgier, menschlichen Versagens und bürokratischer Unzulänglichkeiten zu einer Todesfalle für tausende Tiere wird. Kein Tierarzt, der Leiden mindern oder Tiere erlösen könnte, ist an Bord.
Und es scheint kein Ende in Sicht. Südamerika liefert zunehmend mehr lebende „Nutztiere“ in Richtung Naher Osten und Europa. Allein in Uruguay lagen die Einnahmen aus Lebendtierexporten 2024/25 im Bereich von mehreren hundert Millionen US-Dollar. Gleichzeitig importiert die Türkei große Mengen lebender Tiere aus Südamerika: 2024 wurden die Importe allein aus Uruguay mit rund 216,8 Millionen US-Dollar beziffert. Dabei fördern rein wirtschaftliche Interessen solche Lieferketten, die selbst tierschutzrechtliche Minimalstandards systematisch unterlaufen. Wenn Staaten Tiere als bloße Handelsware betrachten, sind solche Tierqualszenarien wie auf der Spiridon IIunvermeidbar.
Langstreckentiertransporte konsequent verbieten
Auch auf dem Landweg verursachen lange Tiertransporte in Drittländer unsagbar großes Leiden für die Tiere. Dies belegen zahlreiche Untersuchungen. Für die Türkei lässt sich zudem festhalten, dass Transportgenehmigungen grundsätzlich zu versagen sind, da aufgrund der gehäuft festgestellten Unwägbarkeiten während der Aufenthalte an der türkischen Einreisestelle in Kapıkule unkalkulierbare, extrem lange Wartezeiten möglich sind und gleichzeitig leidende Tiere nicht rechtskonform notversorgt oder sofern erforderlich notgetötet werden können.
Deshalb fordert PROVIEH ausdrücklich: Sämtliche Langzeit-Lebendexporte müssen beendet werden.
Stattdessen brauchen wir eine konsequente Förderung von regionaler Schlachtung vor Ort nach international anerkannten Standards, verbindliche Rückverfolgbarkeit der Tier-Herkünfte, eine sofortige Melde- und Eingreifpflicht bei Abweisungen und eine gesetzliche Garantie, dass bei langen (See-)transporten stets unabhängige Tierärzte und Kontrollen vorhanden sind. Wir dürfen nicht warten, bis die nächste Spiridon II vor Europas Küsten treibt. Ein sofortiges Verbot von Langstrecken-Lebendtiertransporten über See, wie auf dem Landweg, ist nicht nur ethisch geboten — es ist alternativlos.
Bundestierschutzbeauftragte bekräftigt Forderungen nach einem Verbot
Auch Silvia Breher sprach sich öffentlich „für ein Ende von Lebendtiertransporten in sogenannte Tierschutz-Hochrisikostaaten – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten EU“ aus. Chancen dafür sieht sie in der Verschärfung der EU-Tiertransportverordnung. PROVIEH ist hier verhalten optimistisch, denn die Reform der Verordnung wird seit längerem viel zu zäh diskutiert und Aussichten auf einen echten Paradigmenwechsel sind aktuell eher ernüchternd.
Bereits im Dezember 2023 hatte die Europäische Kommission einen Vorschlag für eine neue Verordnung vorgelegt, welcher kürzere Reisezeiten, Ruhepausen, mehr Platz, strengere Temperaturgrenzen, digitale Überwachung und erweiterte Kontrollen auch bei Exporten in Drittstaaten vorsah. Zudem sollten besonders verletzliche Tiere wie trächtige Kühe und Kälber besser geschützt werden. Doch aufgrund der unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen konnte bisher keinerlei Einigung erreicht werden. Zudem blieben nach derzeitigem Stand Lebendtierexporte erlaubt.
Deutschland sollte Vorreiterfunktion nutzen
In Anbetracht des ungewissen Ausgangs auf EU-Ebene und der entscheidenden Erkenntnis, dass selbst mit den jetzt vorgeschlagenen Reformen keinesfalls zu erwarten ist, dass das millionenfache Leiden auf Langstreckentransporten spürbar abnimmt – zumindest nicht zeitnah und nicht flächendeckend – fordert PROVIEH erneut einen nationalen Vorstoß Deutschlands. Mit einem eigenständigen Gesetz könnte so ein Zeichen durch strengere Maßstäbe – insbesondere für Ausfuhren in Hochrisikostaaten – gesetzt werden und den Druck auf die EU erhöhen, weitreichendere Tierschutzregeln durchzusetzen.
Update zum Fall „Spiridon II“
Seit dem 24. November 2025 liegen neue Informationen über die „Spiridon II“ vor: Das Schiff hatte Kurs auf Bengasi in Libyen genommen. Vor Ort konnten Tierschützer:innen beobachten, dass Tiertransporter die Rinder verluden. Satellitenbilder bestätigen, dass zumindest ein Teil der Tiere ausgeladen wurde – in einem typischen Hochrisiko-Drittland fernab von Tierschutzgesetzen und Tierwohlkontrollen während Transporten, Haltung und Schlachtvorgang. Die entladenen Rinder, darunter viele trächtige Kühe, Kälber sowie kranke und/oder geschwächte Tiere, erwartet somit ein ungewisses Schicksal. Unterdessen ist das Schiff mit vermutetem nächsten Ziel Ägypten weitergefahren. Ob und wie viele Rinder sich noch an Bord befinden, ist unklar. Immer wieder schaltete die „Spiridon II“ Tage das Automatic Identification System-Signal aus, vermutlich, um sich möglichen Kontrollen zu entziehen. Zudem wird seitens Expert:innen vermutet, dass während dieser Signalpausen verendete Rinder und Exkremente im Meer entsorgt wurden/werden. (Quelle: https://www.animal-welfare-foundation.org/blog/spiridon-ii-entlaedt-tiere-in-der-libyschen-stadt-bengasi)
Kathrin Kofent
E-Mail-Aktion:
The Animal Reader hat eine E-Mail-Aktion ins Leben gerufen. Wer sich an dem Protest beteiligen möchte, findet unter nachfolgendem Link eine Vorlage, um eine Protestmail an die World Organisation for Animal Health (WOAH) E-Mails zu senden: Take Action: Email Template to Help the Cows on the Spiridon II
19.11.2025
Das Bild zeigt stellvertretend ein riesiges Transportschiff mit Rindern, das in der Lage ist, Tausende von lebenden Tieren auf einer einzigen Reise zu transportieren.
Mehr Informationen zum Thema:
Tiertransporte: Breher will Verbot für Lebendtiere | Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt
„Spiridon II“ entlädt Tiere in der libyschen Stadt Bengasi
Offener Brief zur Rechtmäßigkeit eines Verbots von Tiertransporten in sog. Hochrisikostaaten durch Rechtsverordnung (06.11.2024 )
PROVIEH Kampagne „Stoppt Lebendtierexporte“