Bio ohne Weide – kann das sein?
EU-Kommissar kündigt Zugeständnisse an
Rinder sind – wie alle Wiederkäuer – durch ihr besonderes Verdauungssystem besonders gut auf die Verwertung von Grünfutter ausgerichtet. Für ihre natürliche wiederkäuergerechte Ernährungsweise, sowie zum Ausleben ihrer grundlegenden Bedürfnisse beim Bewegungs-, Distanz-, Erkundungs- und Sozialverhalten ist die Weidehaltung eine wichtige Voraussetzung. Auch unter gesundheitlichen Aspekten wirkt sich der Aufenthalt auf der Weide im Sommerhalbjahr positiv aus und dient dem Tierwohl.
Mogelpackung Bio?
Rund vier Prozent der in Deutschland produzierten Kuhmilch stammt von Biobetrieben. Verbraucher:innen von Bio(milch)produkten wünschen sich eine artgemäße Tierhaltung und fühlten sich bislang beim Kauf dieser Waren relativ sicher, etwas Gutes zu unterstützen. Sie gehen davon aus, dass die dort gehaltenen Tiere wegen des hohen Anspruchs von bio-zertifizierten Höfen an das Tierwohl automatisch auch regelmäßigen Weidegang haben. Dies ist jedoch nicht immer der Fall. Etwa 20 Prozent der deutschen Bio-Milch stammt nicht aus Weidehaltung. Stattdessen verbringt ungefähr ein Viertel der Bio-Milchkühe ihr Leben „dank“ Ausnahmeregelungen in Ställen mit angrenzenden Betonausläufen. Eigentlich sollte sich dieser Umstand 2025 verbindlich ändern und alle Bio-Betriebe ein Weidekonzept erarbeitet haben. Die EU-Kommission wollte damit die eigentlich verbindliche Weidepflicht der EU-Öko-Verordnung auch in Deutschland konsequenter durchsetzen. Dagegen protestierten der Bayerische Bauernverband, Bioland, Demeter, Demeter Österreich, der Deutsche Bauernverband und Naturland vehement, weil sie die Zukunft der bisher von den Ausnahmen profitierenden Betrieben akut gefährdet sahen.
Proteste zeigen Wirkung
Die Einwände der Verbände scheinen nun tatsächlich Gehör gefunden zu haben. So verkündete der Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung der Europäischen Kommission Christophe Hansen auf dem Pichelsteiner Volksfest im niederbayerischen Landkreis Regen, dass er noch in diesem Jahr die EU-Öko-Verordnung öffnen wolle, um notwendige Anpassungen für eine Stärkung der Öko-Tierhaltung vorzunehmen. Bäuerliche Familienbetriebe sollen die erforderlichen Erleichterungen erhalten, um ihre Betriebe weiterhin ökologisch bewirtschaften und sicher an die nächste Generation übergeben zu können. Dies würde sowohl die laut Hansen problematischen und inkonsistenten Vorgaben in der Geflügel- und der Schweinehaltung wie eben auch die Weidepflicht für Wiederkäuer betreffen. Durch Übergangsregelungen wolle man verhindern, dass unnötig starre und zum Teil widersprüchliche Regeln eine große Zahl von Betrieben zum Bio-Ausstieg zwinge. Hansen nahm Bezug auf das von den vorgenannten protestierenden Verbänden erarbeitete Weidepapier 2.0.
Aufweichung zu Lasten der Tiere
Für PROVIEH ist die aktuelle Diskussion um Zugeständnisse bei der Weidepflicht als ein Alarmsignal für eine mögliche Schwächung des Bio-Tierschutzes zu werten. Die geplanten Flexibilisierungen, die bäuerliche Existenzen erhalten sollen, bergen zugleich die Gefahr, den tatsächlichen Schutz der Tiere zu untergraben. Die Weide ist kein bloßes Zusatzangebot, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil einer artgemäßen Haltung von Wiederkäuern. Anstelle einer längst überfälligen Umsetzung der Weidepflicht wird diese verwässert und so der Ruf der gesamten Bio-Branche aufs Spiel gesetzt.
Bio muss glaubhaft bleiben
Nur durch klare, verbindliche Vorgaben kann das Vertrauen der Verbraucher:innen in Bio-Produkte bewahrt werden. Es ist höchste Zeit, den Goldstandard im Tierschutz hochzuhalten, bevor die gesamte Branche in Verruf gerät. PROVIEH fordert daher, dass Weidepflicht konsequent umgesetzt werden muss, um den bestmöglichen Schutz der Tiere zu gewährleisten und schlechtere Haltungen nicht zu bevorteilen. Weide ist kein optionales „Nice to Have“, sondern ein Grundpfeiler einer nachhaltigen und tiergerechten Bio-Landwirtschaft. Diese muss gestärkt, mit hohen Standards fortgeführt und weiter ausgebaut werden.

Verbraucherhinweis:
Insgesamt ist Biomilch als eine gute Wahl anzusehen, wenn man eine artgemäßere Tierhaltung unterstützen möchte. Sofern möglich, kaufen Sie idealerweise beim regionalen Biohof ein, wo Sie sich nach der Haltung der Tiere erkundigen können. Eine Alternative kann die sogenannte Weidemilch mit dem Siegel „Pro Weideland“ sein. Hier müssen die Milchkühe mindestens an 120 Tagen für 6 Stunden weiden dürfen. Zudem ist die Anbindehaltung nicht zulässig.
Besonders zu empfehlen sind Produkte von Betrieben, die die kuhgebundene Kälberhaltung praktizieren. Das heißt, dass die Kälber der Milchkühe entweder gemeinsam mit ihren Müttern aufwachsen oder von Ammen großgezogen werden. Denn auch in der Biohaltung ist es leider in der Regel üblich, dass Mutter und Kalb nach der Geburt getrennt werden. Viele der Betriebe mit kuhgebundener Kälberhaltung ziehen auch die männlichen sowie die überschüssigen weiblichen Kälber auf dem Hof auf und vermarkten diese in der Region. So entfallen auch im Biobereich in Teilen übliche Kälbertransporte (ins Ausland) und oftmals auch lange Transporte zum Schlachthof. Weitere Infos zu dieser Haltungsform sowie Einkaufshinweise finden Sie hier:
Kathrin Kofent
06.08.2025
Erfahren Sie mehr zum Thema Weide:
Gras unter den Klauen – warum Rinder auf die Weide gehören | PROVIEH
Die Weide ruft! Warum Kühe und Kälber auf die Weide gehören | PROVIEH
Weiterführende Infos:
250616-oeko-weidepapier-2-0-von-dbv-bioland-naturland-16_hazdaojugm2a.pdf