Kommt beim Tierschutz Bewegung in die EU?
Deutschland und vier weitere Länder fordern Tierwohl als Priorität in der EU-Politik
Fünf Mitgliedstaaten wendeten sich Ende Januar 2026 mit einer Erklärung an die EU-Kommission. Darin forderte Slowenien mit Unterstützung von Belgien, Deutschland, Malta und Österreich, dass dem Tierwohl künftig weiterhin Priorität in der EU-Politik eingeräumt werden soll. Die analytische und konsultative Arbeit müsse fortgesetzt und die Ergebnisse in konkrete politische Initiativen übersetzt werden.
Die unterzeichnenden Länder sehen Tierwohl als einen geteilten europäischen Wert und ein übergreifendes Politikziel. Fortschritte in diesem Bereich entsprächen den gesellschaftlichen Erwartungen, stärkten den Binnenmarkt und unterstützen die Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz der EU-Landwirtschaft. Konkret forderten sie in ihrem Schreiben, dass informierte Konsumentscheidungen hinsichtlich des Tierwohls erleichtert und die Pelztierzucht verboten werden sollen.
Die Forderungen der fünf Länder fanden breite Unterstützung unter den Mitgliedsstaaten – unter anderen den Niederlanden, Spanien und Dänemark. Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer forderte zudem, dass die Kommission noch in diesem Jahr einen Legislativvorschlag präsentieren solle, der unter anderem das Töten von männlichen Küken aus Legehennenlinien regeln soll. Doch der zuständige EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Olivér Várhelyi wich aus und wollte sich nicht darauf festlegen, wann mit einer Reform zu rechnen sei.
Rückhalt in der EU-Bevölkerung
Zu dem Vorstoß dürften unter anderem auch die Ergebnisse der Konsultation zum Tierwohl von Nutztieren beigetragen haben. Die Befragung wurde von der EU-Kommission initiiert und rief neben allen EU-Bürger:innen auch Tierschutz-NGOs, Landwirtschaftsbetriebe und Lebensmittelunternehmen dazu auf, sich zu relevanten Themen in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung zu äußern. Auch PROVIEH forderte zur Teilnahme auf (EU-Tierwohlgesetzgebung – jede Stimme zählt | PROVIEH) und setzte sich mit dem gesamten Team durch fachlich fundierte Eingaben für mehr Tierschutz für Rind, Schwein, Huhn und Co. ein. Die EU-weite Beteiligung war beeindruckend: Innerhalb von drei Monaten erreichten 236.520 Antworten die Europäische Kommission – ein neuer Rekord.
Dringend notwendige Reform
Die Konsultation fand im Rahmen der angekündigten Überarbeitung der EU-Gesetzgebung zu landwirtschaftlich genutzten Tieren statt. Diese wurden seit zwei Jahrzehnten nicht reformiert und sind wissenschaftlichen Studien zufolge nicht mehr zeitgemäß und unzureichend. Auch führen die unterschiedlichen nationalen Gesetzeslagen zu Problemen im EU-Binnenmarkt.
Die Novellierung wurde bereits für 2023 angekündigt, nachdem die Bürger:inneninitiative „End the Cage Age“ knapp 1,4 Millionen Unterschriften für ein Ende der Käfighaltung in der EU gesammelt hatte. Doch die Reform lässt seither auf sich warten. Am 05. März 2026 muss sich nun die Europäische Kommission vor dem Gerichtshof der Europäischen Union dafür verantworten, dass bislang kein Zeitplan für die Beendigung der Käfighaltung vorgelegt wurde.
Deshalb fordern PROVIEH und zahlreiche weitere Tierschutzorganisationen, dass 2026 endlich ein Entwurf der lange angekündigten und dringend notwendigen Reform der Tierschutzgesetzgebung der EU vorgelegt wird.
Warum ist die EU-Ebene wichtig für den Nutztierschutz?
Nutztierschutz ist nicht nur Angelegenheit von einzelnen Nationalstaaten. Von der Zucht über den Transport und die Schlachtung bis ins Supermarktregal werden häufig Landesgrenzen überschritten. Umso wichtiger ist es daher, dass man beim Tierschutz – nicht zuletzt aus Gründen der Gleichstellung und Wettbewerbsfähigkeit – Lösungen auf EU-Ebene findet. Andernfalls gelangen durch Importe tierische Produkte in den deutschen Handel, die unter weniger strengen Tierschutzauflagen im Ausland “produziert” wurden, wie es bereits bei Drittländern der Fall ist.
Auch könnten sogenannte “Leakage-Effekte” drohen. Das bedeutet, dass die “Produktion” von Lebensmitteln tierischer Herkunft in Länder ausgelagert wird, in denen geringere Anforderungen an die Tierhaltung gestellt werden und die Gewinnspanne durch niedrigere Kosten höher ist. Somit würde Tierleid nicht behoben, sondern einfach nur ausgelagert, was in den deutschen Supermarktregalen aber nach bisherigen Regelungen nicht sichtbar wäre. Ein bestehendes Beispiel ist die Auslagerung der Brütereien für Legehennenküken nach dem Verbot des Kükentötens in Deutschland.
Millvina Pitz
06.02.2026