Nicht nur am Welt-Pferdetag 2025: Die Pferde brauchen unsere Stimme

Pferde sind hochsoziale, bewegungsfreudige Herdentiere mit unumstößlichen Grundbedürfnissen wie ausreichend Bewegung, Sozialkontakten und artangepasster Fütterung. Nicht nur am 20. August, dem Welt-Pferdetag, sondern jeden Tag, ein Leben lang, sollte dies berücksichtigt werden. 

Haltung „pro Pferd“ 

Statt – wie sehr oft üblich – 23/7 Boxenhaltung plus einer Stunde Training, sollten Pferde, sich in einer konstanten Gruppe täglich für mehrere Stunden an der frischen Luft frei bewegen können. Eine umfangreiche Weidehaltung und Raufutter zur freien Verfügung sind, bis auf rassebedingte oder abweichende Ansprüche (Krankheit, Senioren, etc.), die beste Wahl für ein artgemäßes Pferdeleben. Denn das Verdauungssystem der Dauerfuttersucher ist darauf ausgelegt, innerhalb von 24 Stunden viele kleinere Futterportionen aufzunehmen. Bereits Fresspausen von mehr als drei Stunden führen zu Stress und gesundheitlichen Problemen wie Magengeschwüren. Leider finden diese essenziellen Bedürfnisse – auf Kosten der Tiere – noch viel zu selten Beachtung.  

Nutzung „pro Pferd“ 

Neben dem großen Bereich der Pferdehaltung, liegt auch bei der „Nutzung“ sowohl im Freizeitbereich als auch im Sport vieles im Argen. Skandale von gewaltsamen Ausbildungsmethoden und brutalen Hilfsmitteln sind hier nur die Spitze des Eisberges. Dabei sollte Pferden in Umgang und Training sowie beim Reiten, Fahren, Voltigieren, Holzrücken, etc. entsprechend mit Fachverstand und Einfühlungsvermögen begegnet werden. Eine gute Ausbildung benötigt Zeit. Das Training und die „Nutzung“ müssen auf das einzelne Pferd abgestimmt werden.   

Pferde verstehen  

Pferde sind hoch empfindsame, kognitiv leistungsfähige, individuelle Lebewesen. Studien zeigen, dass Pferde in der Lage sind, menschliche Gesichtsausdrücke sowie die damit verbundenen Emotionen zu erkennen. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass sie vertraute Menschen und Artgenossen sowohl akustisch als auch visuell voneinander unterscheiden können und in der der Lage sind, emotionale Stimmen zu kategorisieren. Pferden besitzen außerdem ein stabiles Langzeitgedächtnis und zeigen eine flexible Herangehensweise an Problemlösungen Pferde leiden still, doch die Art und Weise, wie Pferde Schmerz und Stress erleben, kann zuverlässig durch die Beobachtung von Verhalten, ihrer Herzfrequenz und von Cortisolwerten erfasst werden. 

Nachholbedarf 

Leider werden die unzähligen Erkenntnisse nach wie vor noch viel zu wenig berücksichtigt. Vielfach wird zudem bei der Ausbildung von Pferden mit aversiven Methoden gearbeitet: Unerwünschtes Verhalten wird bestraft und gewünschtes erzwungen. Und das obwohl nachgewiesen wurde, dass Druck, Schmerz, Stress und Angst vollkommen kontraproduktiv sind. Vielmehr kann durch ein belohnungsbasiertes und druckfreies Training Stress reduziert und die Lernfähigkeit verbessert werden. Pferde sollten als Partner auf Augenhöhe achtsam behandelt werden. Personen, die Pferde halten oder mit ihnen arbeiten, müssen die Sensibilität dieser Tiere sowie deren Bedürfnis nach Sicherheit, sozialem Kontakt und vorhersehbaren Abläufen ernst nehmen – sowohl im Stall, im Training als auch bei Turnieren. 

Das Pferd im (Un)recht 

Rechtlich sind die Belange der Pferde nur schwach vertreten. So werden diese bisher nicht in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung berücksichtigt.  

Was allerdings viele Pferdemenschen immer noch nicht wissen: Es gibt seit vielen Jahren zumindest zwei Leitlinien, die zum einen die Haltung als auch den Umgang und die Nutzung in sehr vielen Bereichen detailliert regeln. Auch wenn die Leitlinie zur Haltung in Teilen veraltet sein mag und die zum Pferdesport nicht weit genug greift, geben beide einen Mindestrahmen vor, den es einzuhalten gilt. 

  1. Die Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten beinhalten folgende Kernthemen und Forderungen: 
  • Grundbedürfnisse 
  • Stall und Freiraum: Mindestmaße von Stall und Auslaufflächen, genügend Bewegungsfreiheit in der Gruppe, Rückzugszonen etc. 
  • Gesundheit: regelmäßige tierärztliche Checks, Impfungen, Entwurmung, Zahnpflege. 
  • Fütterung: bedarfsgerechte Ernährung, ausreichend Wasser, feste Fütterungszeiten, ausreichend Fressplätze 
  1. Die Leitlinien zum Tierschutz im Pferdesport setzen den Focus auf folgende Themen und Forderungen: 
  • Trainingsprinzipien: tierschutzgerechte Methoden, individuelle Belastungspläne, regelmäßige Pausen, Belohnung statt Strafe. 
  • Turniere & Veranstaltungen: qualifizierte Trainer, Gesundheitschecks, ausreichende Erholungsphasen, transparente Trainingskonzepte. 
  • Aktualisiert wurden sie zudem 2020 in folgenden Bereichen und könnten somit auch für „alte Hasen“ interessant sein: 
  • Haltungsbedingungen für Jungpferde im Rahmen der Ausbildung 
  • Mindestalter beim Ausbildungsbeginn 
  • Mindestalter beim Ersteinsatz in Wettbewerben oder ähnlichen Veranstaltungen 
  • Haltungsbedingungen im Rahmen von Wettbewerben oder ähnlichen Veranstaltungen 
  • Verbot der sogenannten Rollkur (Überbeugung des Genicks oder Halses) 

Selbst aktiv pro Pferd werden 

Sie wollen als Pensionspferdebetreiber:in, Pferdehalter:in, Trainer:in oder Reiter:in die Welt für die Pferde zu einem besseren Ort machen? Dann beschäftigen Sie sich bitte eingehend mit den Inhalten der Leitlinien und sagen Ihr Wissen weiter. 

Sie sind Pferdefreund:in und erleben tierschutzrelevante Haltungen oder Umgangsformen in Reitbetrieben oder auf öffentlichen Veranstaltungen? Weisen Sie – wo immer möglich – Tierhalter:innen und Pferde“nutzer“:innen auf die Leitlinien und ggf. konkrete Verstöße hin. Oft können auch gemeinsam Lösungen zu Verbesserungen gefunden werden. Dokumentieren Sie bei schweren Tierschutzfällen das Unrecht, wenn dies gefahrlos und ohne Hausfriedensbruch zu begehen möglich ist. Machen Sie Fotos und Videoaufnahmen von nicht leitlinienkonformen Pferdehaltungen und auf Reitsportveranstaltungen. Bei Unklarheiten wenden Sie sich an den Veranstalter des Turniers, die zuständige Ordnungsbehörde (Polizei, Ordnungs-, Veterinäramt) oder gehen Sie ggf. an die Öffentlichkeit.   

Kathrin Kofent 

20.08.2025

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