350 Tierärzte fordern Verbot der Anbindehaltung
Mehr als 350 Tierärztinnen und Tierärzte haben sich am 12.01.2026 mit einem eindringlichen Appell an Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer gewandt: Die Anbindehaltung von Rindern soll in Deutschland endlich beendet werden. Der offene Brief macht deutlich, was aus tierschutzfachlicher Sicht seit Langem bekannt ist: Die dauerhafte Fixierung von Rindern ist nicht mit den Bedürfnissen dieser Tiere vereinbar und verursacht vermeidbares Leiden.
Deutliche Worte aus der tierärztlichen Praxis
Die Unterzeichnenden des Appells stammen aus ganz unterschiedlichen Bereichen der tierärztlichen Praxis. Sie eint die Einschätzung, dass die Anbindehaltung – insbesondere in ihrer ganzjährigen Form – nicht tiergerecht ist. Rinder seien bewegungsaktive Herdentiere, die Sozialkontakte, Bewegung und die Möglichkeit zur freien Körperpflege benötigen. All das werde ihnen in der Anbindehaltung systematisch verwehrt.
Die Tierärzt:innen fordern daher ein verbindliches gesetzliches Verbot, verbunden mit Übergangsfristen und Förderprogrammen, um Betrieben den Umstieg auf tiergerechtere Haltungsformen zu ermöglichen. Ziel müsse es sein, Tierwohl und landwirtschaftliche Perspektiven gemeinsam zu denken – jedoch ohne weitere Verzögerungen auf Kosten der Tiere.
Anbindehaltung: seit Jahren in der Kritik
PROVIEH kritisiert die Anbindehaltung von Rindern seit vielen Jahren. Wie wir bereits ausführlich dargestellt haben, bedeutet diese Haltungsform für die Tiere eine massive Einschränkung ihrer Grundbedürfnisse. Die Fixierung am Hals verhindert nicht nur Bewegung, sondern auch essenzielles Komfort-, Sozial- und Distanzverhalten sowie die freie Wahl der Schlafplätze und komfortables Liegen wie auch Ablegen- und Aufstehen. Gelenk- und Muskelschäden, Stress, Verhaltensstörungen und eine insgesamt deutlich eingeschränkte Lebensqualität sind die Folge. Fachliche Gutachten, Gerichtsurteile und politische Stellungnahmen haben wiederholt bestätigt, dass insbesondere die ganzjährige Anbindehaltung nicht mit § 2 des Tierschutzgesetzes vereinbar ist.
Politischer Stillstand trotz klarer Erkenntnisse
Trotz der klaren fachlichen Einordnung der Anbindehaltung als tierschutzwidrig und langjähriger Kritik bleibt sie in Deutschland weiterhin legal. Frühere Reformversuche, etwa durch eine Novelle des Tierschutzgesetzes, die ein Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung vorsah, scheiterten. Auch die seitens von PROVIEH sehr kritisch gesehene saisonale Anbindehaltung mit Weidehaltung im Sommerhalbjahr und die sogenannte Kombinationshaltungen – bei denen Rinder zeitweise Freilauf oder Weidegang erhalten – bleiben bislang ohne klare gesetzliche Mindestanforderungen und mögliche Ausstiegsszenarien.
Für PROVIEH ist klar: Ohne eine gesetzlich verankerte Perspektive zum Ausstieg aus der Anbindehaltung werden die grundlegenden Bedürfnisse und das Wohl von mehr als zehn Millionen Rindern weiterhin verletzt. Die Forderung der Tierärzt:innen stärkt diese Position und macht deutlich, dass es beim Tierschutz nicht allein um Tradition oder betriebswirtschaftliche Erwägungen gehen darf, sondern um fachliche Verantwortung – Tierwohl ist Gesetz und moralische Verpflichtung zugleich.
PROVIEH fordert: Jetzt handeln
PROVIEH begrüßt den Vorstoß der Tierärztinnen und Tierärzte ausdrücklich. Er bestätigt, was Tierschutzorganisationen seit Jahren fordern: Die Anbindehaltung ist in jeglicher Form ein Auslaufmodell, das weder ethisch noch rechtlich zu rechtfertigen ist.
Wir fordern die Bundesregierung auf, endlich klare gesetzliche Vorgaben zu schaffen und den Ausstieg aus der Anbindehaltung verbindlich festzuschreiben und für die Übergangszeit schnellstmöglich Mindestanforderungen festzuschreiben, die zumindest die rudimentärsten Grundbedürfnisse einer ausreichend großen sowie weichen, trockenen Liegefläche, ständigem Zugang zu Trinkwasser und Futtersowie Tageslicht erfüllen. Denn selbst das wird nicht wenigen Rindern derzeit verwehrt. Rinder haben ein Recht auf artangepasste Bewegung, Sozialkontakt und ein Leben ohne dauerhafte Fixierung. Die aktuelle Initiative aus der Tierärzteschaft zeigt: Der Rückhalt für diesen Schritt ist da – jetzt braucht es politischen Willen.
Kathrin Kofent
13.01.2026
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