GAP 2028
Warum die EU jetzt über das Leben von Milliarden Tieren und die Zukunft der Bäuer:innen entscheidet
Jedes Jahr werden in der EU rund sieben Milliarden “Nutztiere” geschlachtet. Doch wer entscheidet, wie diese Tiere zuvor gelebt haben und leben werden – und ob Landwirt:innen für eine tiergerechte Haltung fair bezahlt werden? Die Antwort: die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU.
Für den Zeitraum ab 2028 bis 2034 wird sie derzeit neu verhandelt. Doch die aktuellen Pläne der EU-Kommission sind ein Risiko für Tiere, Natur, Umwelt wie auch bewusste Bäuer:innen und lassen ein großes Bündnis aus 40 Verbänden Alarm schlagen. In einer Stellungnahe sowie einer gemeinsamen Diskussionsveranstaltung „Die Vorschläge der EU-Kommission zur GAP nach 2027 – Gute Perspektive für Bauern, Umwelt- und Tierschutz?“ positioniert sich das Bündnis aktuell mit klaren Forderungen.
Die politische Dimension: Warum die GAP so einen großen Einfluss auf Tierwohl und bäuerliche Existenzgrundlagen hat
Die GAP ist nicht nur ein Förderprogramm – sie ist das wichtigste politische Steuerungsinstrument für die europäische Landwirtschaft. Aktuell stehen zwei Modelle im Raum:
Das alte System: Flächenprämien ohne Tierwohl
- Wer profitiert? Industrielle Großbetriebe, die möglichst viele Tiere auf möglichst wenig Fläche halten.
- Folgen für Tiere: Enge Ställe, kurze Mastzeiten, Stress – und keine Anreize für artgerechte Haltung.
- Folgen für Bäuer:innen: Kleine und mittlere Betriebe, die tiergerecht wirtschaften, gehen leer aus – oder müssen aufgeben, weil sie mit industrieller Massentierhaltung nicht mithalten können.
Die Chance: Eine GAP, die Tierwohl belohnt und Existenzgrundlagen sichert
- Wer profitiert? Bäuer:innen, die in Weidehaltung, Auslauf oder ökologische Tierhaltung investieren – und damit öffentliche Leistungen erbringen.
- Folgen für Tiere: Weniger Leid, mehr artgerechte Haltung, bessere Lebensbedingungen.
- Folgen für Bäuer:innen: Faire Preise, planbare Einkommen, Zukunftsperspektiven – statt Abhängigkeit von Billigfleisch-Märkten und Subventionswettlauf.
Das Problem:
Die EU-Kommission plant nicht nur mit dem alten System (1.), sie will darüber hinaus auch die Entscheidung über einverbindliches Tierwohl-Budget den Mitgliedstaaten überlassen. Das würde schlimmstenfalls bedeuten:
- Für Nutztiere: Ein Wettlauf um die niedrigsten Standards – wer die laschesten Tierschutzregeln hat, kann „wettbewerbsfähiger“ produzieren.
- Für Bäuer:innen: Wenn nur noch Flächenprämien zählen – und nicht die Qualität der Haltung – ist die Existenz kleinerer Betriebe bedroht.
Was das konkret bewirken könnte: Drei Beispiele aus der Praxis zu den GAP-Vorhaben
Schweinehaltung:
In der EU werden jährlich 220 Millionen Schweine geschlachtet – obwohl nur 132 Millionen gleichzeitig leben. Dieser „Turbo-Umschlag“ ist nur möglich durch industrielle Mast (5–6 Monate pro Tier) und hohe Tierdichte. Die GAP subventioniert dieses System – ohne Auflagen für Tierwohl. Die Folge: Bäuer:innen, die auf Weidehaltung oder mehr Platz setzen, können nicht mithalten – obwohl die Gesellschaft genau das fordert.
Geflügel:
Mehr als sechs Milliarden Masthühner werden jährlich in der EU geschlachtet. Die meisten leben in enger Bodenhaltung, weil die GAP keine Anreize für Auslauf oder zumindest mehr Platz je Tier schafft. Für Bäuer:innen bedeutet das: Wer in bessere Haltung investiert, hat höhere Kosten – aber keine höhere Förderung.
Milchkühe:
Immer mehr kleine Milchviehbetriebe geben auf, weil sie mit industriellen Megaställen nicht konkurrieren können. Die GAP könnte das ändern – wenn sie tiergerechte Haltung belohnen würde. Stattdessen fördert sie Flächenprämien, die Großbetriebe begünstigen.
PROVIEHs Forderungen: So wird die GAP gerecht – für Tiere und Bäuer:innen
Gemeinsam mit über 40 Verbänden fordert PROVIEH eine Reform der GAP, die Tierwohl, Umwelt- und Naturschutz sowie bäuerliche Existenzgrundlagen sichert.
Im Bereich Tierschutz fordern wir:
- 25 Prozent der GAP-Mittel müssen verbindlich für tiergerechte Haltung reserviert sein – damit sich Weidehaltung und Auslauf endlich rechnen.
- EU-weite Mindeststandards für Tierwohl – kein Wettlauf um die niedrigsten Auflagen!
- Tierwohl als messbares Ziel im neuen Fonds für Nationale und Regionale Partnerschaften der EU-Landwirtschaft (NRP-Fonds) – mit klaren Kriterien und Kontrollen.
- Maximal zwei Großvieheinheiten pro Hektar – Schluss mit Subventionen für Megaställe!
- Faire Preise für tiergerechte Betriebe – damit Bäuer:innen nicht länger zwischen Tierwohl und Existenz kämpfen müssen.

In einer umfangreichengemeinsamen Stellungnahme „Notwendige Nachbesserungen der Vorschläge der EU-Kommission für die GAP nach 2027“ stellt das Verbände-Bündnis die Forderung, dass insbesondere klassische bäuerliche Betriebe sowie Biohöfe agrarpolitisch gestärkt werden müssten. Klima-, Tier- und Umweltschutz müssten für Landwirt:innen attraktiv gemacht werden. Sie fordern Regierung wie auch die Abgeordneten im EU-Parlament dazu auf, sich für Anpassungen stark zu machen. Schwerpunkte der Forderungen liegen unter anderem bei der Erhöhung des Budgets für freiwillige Maßnahmen im Bereich von Klima-, Tier- und Umweltschutz, der europaweiten verpflichtenden Förderung bäuerlicher Betriebe und einer stärkeren Berücksichtigung der Landwirt:innen bei der monetären Wertschöpfung. Erstmalig vorgestellt wurden diese und weitere Forderungen gestern Abend auf einer öffentlichen Veranstaltung mit prominenten politischen Vertreterinnen und Vertretern der EU, der Bundesregierung und der Bundesländer in Berlin-Mitte, an der rund 200 Personen teilnahmen. Dabei kamen auch mehrere betroffene Landwirte zu Wort.
Die Stellungnahme und weitere Infos zum Thema finden Sie hier:
- Die gesamte Stellungnahme der Verbände-Plattform > hier
- Das Programm der Veranstaltung > hier
- Fotos der Veranstaltung zur freien Verfügung > hier
- Hintergrundinfos zur gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP): hier
- Pressemitteilung von Martin Häusling MdEP – GAP nach 2027
Kommissionsvorschlag bedroht Höfe und Umwelt – Bundesregierung muss klar dagegenhalten: hier
*In der Verbände-Plattform zur GAP erarbeiten Verbände aus Landwirtschaft, Umwelt-, Natur-, Klima-, Verbraucher- und Tierschutz sowie der Entwicklungszusammenarbeit seit 2001 gemeinsame Stellungnahmen und Forderungen zur Weiterentwicklung der GAP.
Kathrin Kofent
3.12.2025