Tierschutzgerechtere Betäubung von Schweinen bei der Schlachtung im Fokus

Ist Tierschutz bei der Schlachtung (k)einen Cent mehr wert? 

In der Europäischen Union steht Deutschland 2024 nach Spanien mit rund 44,5 Millionen geschlachteten Tieren auf Platz 2 bei der Schlachtung von Schweinen. Dabei konzentrieren sich Schlachtung und Verarbeitung auf einige wenige Großbetriebe. Die deutsche Tönnies Holding ist dabei einer der weltweit größten Fleischverarbeiter mit jährlichen Schlachtzahlen in zweistelliger Millionenhöhe. Das Betäuben, Entbluten und Zerlegen erfolgt im Minutentakt – dabei birgt der Schlachtvorgang grundsätzlich einige Schwachstellen, die zu tierschutzrelevanten Schmerzen, Leiden und Schäden führen können.  

Allgemeine Tierschutzprobleme vor und während der Schlachtung 

Die Schlachtung von Schweinen ist per se ein komplexer Prozess, bei dem zahlreiche Faktoren das Tierleid beeinflussen können. Dabei sind eine unzureichende Arbeitsorganisation, mangelnde Fachkenntnis sowie vernachlässigte Wartung eingesetzter Geräte maßgebliche Störfaktoren, die unnötiges Leiden verursachen. Schätzungen zufolge leiden in Deutschland täglich zwischen 470 und 1.780 Schweine, weil sie nicht fachgerecht betäubt wurden. Doch auch die vorangehenden Phasen sind geprägt von erheblichen Belastungen: Tiere gelangen häufig erst nach langen, oftmals überfüllten Transporten auf den Schlachthof, wobei sie auf teils zudem ungeeigneten Fahrzeugen mehrere Stunden unter Stress und in beengten Verhältnissen verbringen. Vor Ort erfolgt die Handhabung der Tiere teilweise unsachgemäß, wobei der Einsatz von Elektrotreibern, Gewalt und Schmerzmitteln die Situation verschärfen. Wartezeiten von sechs Stunden oder mehr, verbunden mit unzureichender Wasser- und Futterversorgung, sind keine Seltenheit. Die ungewohnte, laute Umgebung sowie die unbekannte Situation führen bei den Tieren zu erheblichem Stress und Angst. 

Die Betäubung erfolgt bei Schweinen vornehmlich mittels Kohlendioxids oder elektrischer Durchströmung. Der Tod wird anschließend durch einen Schnitt in die Kehle oder den Brustraum herbeigeführt. Fehler bei der Betäubung oder beim Ausblutvorgang sowie unzureichende Verfahren führen bei einer nicht unerheblichen Zahl von Tieren zu vermeidbaren Schmerzen und Leiden. In einigen Fällen kommt es sogar vor, dass Schweine „bei lebendigem Leibe“ gebrüht werden. Laut Angaben der Bundesregierung werden in Deutschland jährlich sechs Millionen Schweine beim Schlachten fehlbetäubt. 

Kritische Betäubungsverfahren  

Entsprechend der Tierschutz-Schlachtverordnung Absatz 1 (abgleitet nach Hirt et al. 2016, S. 1005) sind vier Kriterien zu beachten, um eine tierschutzgerechte Betäubung von Tieren während des Schlachtprozesses sicherzustellen: 

  1. Die Betäubung muss das Tier in einen Zustand völliger Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit versetzen. 
  1. Dieser Zustand soll bis zum Tod des Tieres (durch oder während des Blutentzugs) aufrechterhalten werden. 
  1. Die Herbeiführung dieses Zustands muss zügig erfolgen. 
  1. Weder vor noch während des Betäubungsvorgangs dürfen den Tieren Schmerzen oder Leiden zugefügt werden. 

Jedes Betäubungsgerät, -system oder -anlage, die im Schlachtprozess für verschiedene Tierarten eingesetzt werden, muss diese Anforderungen erfüllen. Für die Einhaltung dieser Vorgaben ist insbesondere der Betreiber der Anlage, also der Unternehmer, verantwortlich. In der Praxis sieht das jedoch leider häufig anders aus. Die bei der Schlachtung von Schweinen verwendeten Betäubungsmethoden mittels einer Elektrozange sowie die Nutzung von CO2 als übliche Methoden bergen jede für sich unterschiedliche Schwachstellen:  

Bei der Elektrozangenmethode werden die Schweine in der Regel von der Gruppe getrennt und in eine Box getrieben. Bereits diese Trennung bedeutet enormen Stress für das Tier. Dann erfolgt das Ansetzen einer Elektrozange an den Kopfseiten. Der Stromschlag selbst ist sehr schmerzhaft. Durch eine unsachgemäß angelegte Betäubungszange oder zu geringe Stromstärken sind Fehlbetäubungen von bis zu 12 Prozent beobachtet worden. So erlebt mehr als jedes zehnte Schwein den Schlacht- und Brühvorgang bei zum Teil vollem Bewusstsein. Eine weitere Schwachstelle ist der Zeitraum zwischen Betäubung und Entblutungsstich. Erfolgt dieser nicht binnen 19 bis 31 Sekunden nach der Betäubung, sind die Tiere wieder empfindungsfähig und leiden zum Teil extrem bis zum Eintritt des Todes. 

In Großbetrieben ist die CO₂-Betäubung üblich, da so kostengünstig und effektiv mehr als 1.000 Schweine pro Stunde geschlachtet werden können. Die Tiere werden hierbei gruppenweise in einen Käfig getrieben. Die Betäubung erfolgt dann entweder in einem Dip-Lift-System, wo die Käfige mit jeweils bis zu sechs Schweinen in die CO₂-Atmosphäre abgesenkt werden oder mit dem Paternoster-System. Hier rotieren mehrere Käfige in einer Anlage und stoppen in bestimmten Bereichen, um die Tiere dort mit hochkonzentriertem CO₂ zu betäuben. Einzuhalten ist dabei eine Betäubungsdauer von mindestens 100 Sekunden und die Einhaltung eines maximalen Zeitraums von 45 Sekunden zwischen Betäubung und Entblutung. Leider ist auch diese Betäubungsmethode umstritten und bedeutet Schmerzen und Leiden für viele Millionen Schweine pro Jahr allein in Deutschland. Zahlreiche Studien und Berichte belegen eindeutig, dass die Betäubung von Schweinen mit CO₂ bereits in der sogenannten Einleitungsphase schwere Atemnot verursacht, selbst wenn die Mindeststandards eingehalten oder sogar übertroffen werden (zum Beispiel eine CO₂-Konzentration von mindestens 80 Volumenprozent für mindestens 100 Sekunden). Die Tiere nehmen diese Atemnot als beginnendes Ersticken wahr. Ab Erreichen der Höchstkonzentration an CO₂ dauert es noch mindestens 16 bis 36 Sekunden bis zur Bewusstlosigkeit. Zudem führt die Einwirkung von CO₂ auf die feuchten Schleimhäute der Atemwege dazu, dass Kohlensäure gebildet wird. Diese verursacht erhebliche, schmerzhafte Reizungen. Die Schweine zeigen heftige Abwehr- und Fluchtreaktionen und viele schreien panisch. Bei unsachgemäßer Anwendung kann die Betäubung – wie auch bei der Elektrozangenmethode – sich nicht nur verzögern, sondern unzureichend wirken, was bedeutet, dass die Tiere nicht vollständig das Bewusstsein verlieren oder dieses zu schnell wieder erlangen. 

Bekanntes Leid 

Die erhebliche Tierschutzproblematik bei der Nutzung von CO₂ ist seit langem bekannt. Bereits 2004 hatte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in Studien empfohlen, alternative Betäubungsmethoden zu prüfen und CO₂-gestützte Verfahren zu ersetzen. Die Verordnung (EG) Nr. 1099/2009 nimmt darauf Bezug. Trotzdem wurde der Ausstieg aus der CO₂-Betäubung bis heute nicht umgesetzt. Wie so häufig stehen wirtschaftliche Gründe dahinter. Denn tierfreundlichere Verfahren sind bislang teurer und benötigen etwas mehr Zeit. 

Ansätze zu tierschonenden Alternativen zur Betäubung von Schlachtschweinen 

2013 wurde erstmals die Verwendung von Helium als Betäubungsgas an Mastschweinen getestet, mit dem Ziel eine tierschonendere Alternative zu entwickeln. 80 Tiere wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Hälfte wurde in einer Helium-Atmosphäre betäubt, die andere Hälfte in einer Standard-CO₂-Anlage. Im Gegensatz zu der CO₂-Gruppe zeigten die Schweine in der Helium-Gruppe keine Fluchtversuche, Lautäußerungen oder Anzeichen von Atemnot und verloren innerhalb von etwa 20 Sekunden ihr Bewusstsein. Die Stresshormonwerte (Adrenalin und Noradrenalin) waren bei den Helium-Tieren deutlich niedriger, was auf eine geringere Belastung hindeutete. Die Fleischqualität war bei den Helium-Tieren vergleichbar oder in einigen Aspekten sogar besser: Sie wiesen höhere pH-Werte, niedrigere Muskeltemperaturen und weniger Schlachtkörperschäden auf. 

Ähnlich positive Ergebnisse wurden in späteren Studien bei der Verwendung von Argon bzw. Argon-Stickstoffmischungen nachgewiesen. Hier wurden im Vergleich zur CO₂-Methode weniger aversive Reaktionen bei den Tieren beobachtet, insbesondere weniger Atemnot und Panikreaktionen vor dem Bewusstloswerden. Allerdings ergaben die Fleischuntersuchungen Einblutungen.  

Aktuelle Forschungsprojekte – wie „TIGER“ (Tierschutzgerechte Gasbetäubung von Schlachtschweinen im Diplift- und Paternoster-System) zielen darauf ab, alternative Gasgemische zu entwickeln, die die Vorteile der Argon-Betäubung (weniger Stress für die Tiere) mit der Vermeidung von Einblutungen kombinieren.  

Endlich konkrete Chancen für weniger Tierleid? 

Auch im Rahmen des europäischen Projekts PigStun, welches bis Mitte 2025 andauerte, wurde auf EU-Ebene eine Initiative gestartet, um Schweineschlachthöfe, die derzeit Hochkonzentrationen von Kohlendioxid verwenden, bei der Umstellung auf tierschutzgerechtere Betäubungssysteme zu unterstützen. Das wissenschaftliche Team entwickelt hierfür technische Spezifikationen für vier alternative Verfahren: ein Mehrphasen-Boxsystem, das den Transport und die Gasbetäubung optimiert; ein Helium-basiertes Betäubungssystem in Kombination mit Stickstoff; ein aktualisiertes Inertgas System, das auf bestehende Geräte aufgesetzt werden kann; sowie verbesserte elektrische Betäubungssysteme, die insbesondere die Handhabung und den Einlass der Tiere verbessern sollen. Ziel ist es, die Tierschutzstandards in der Schweineschlachtung deutlich zu erhöhen und das Leiden der Tiere zu verringern. 

PROVIEH hofft, dass die Ergebnisse aus Studien und praxisnahen Projekten wie „TIGER“ und „PigStun“ nun endlich die bisher fehlenden Daten und Anstöße liefern, um EU-weit tatsächliche Anpassungen in der Betäubungspraxis im Schlachtprozess zu bewirken und damit eine erhebliche Leidensreduzierung für jährlich Millionen von Mastschweinen bedeuten. Die Mehrkosten bei der Argon-Betäubung im Vergleich zu CO₂ liegen bei ungefähr einem Cent pro Kilogramm Fleisch. Ein verschwindend geringer Betrag, wenn man den erheblichen Mehrwert durch millionenfach vermindertes Tierleid bedenkt.  

Kathrin Kofent 

29.07.2025


Lesen Sie hier vergangenen Texte zum Thema: 

Die Studien/Projekte: 

Die Betäubung von Schlachtschweinen mit Helium.doc 

https://www.fli.de/fileadmin/FLI/ITT/Projekte/TIGER/TIGER_Broschüre_A4_interaktiv.pdf

Pressestimmen: 

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