Mehr Auswahl, mehr Tierwohl – Wie Alternativprodukte helfen können
WBAE-Gutachten zu Alternativprodukten zu tierischen Lebensmitteln als Beitrag zu einer nachhaltigeren Ernährung
Immer mehr Menschen interessieren sich für Alternativen zu Fleisch, Milch und anderen tierischen Lebensmitteln. Sie fragen sich: Wie kann ich mich nachhaltiger ernähren – ohne auf Genuss verzichten zu müssen? Genau das hat ein aktuelles Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz untersucht. Die Ergebnisse zeigen: Alternativprodukte können ein wichtiger Baustein für mehr Tierschutz sein.
Infobox: Das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) untersucht die Potenziale pflanzlicher und biotechnologischer Alternativen zu tierischen Lebensmitteln – wie pflanzliche Milch- und Fleischalternativen, Produkte aus Zellkultur oder Präzisionsfermentation. Im Zentrum steht die Frage, wie diese Produkte zur Verbesserung von Tierwohl, Umwelt, Gesundheit und sozialen Bedingungen beitragen können. Analysiert werden sowohl Konsumverhalten als auch Produktionsbedingungen sowie politische Handlungsoptionen. Im Fokus stehen Szenarien bis 2045, in denen sich der Konsum tierischer Produkte deutlich verringert und durch Alternativprodukte ersetzt wird.
Verfügbarkeit macht den Unterschied. Was Menschen wählen, hängt stark vom Angebot ab
Unser Konsumverhalten wird stark durch die sogenannte Ernährungsumgebung beeinflusst. Was Menschen essen, hängt stark davon ab, was ihnen angeboten wird. Je häufiger Menschen pflanzenbasierte Alternativen in Supermärkten, Kantinen oder Restaurants sehen, desto eher probieren sie diese auch aus. Besonders wirksam ist das bei sogenannten Flexitarier:innen, also Menschen, die Fleisch nur noch gelegentlich essen. Doch auch eingefleischte Fleischliebhaber probieren öfter Alternativen aus, wenn diese lecker, einfach zuzubereiten und preislich attraktiv sind.
Auch stoßen Alternativprodukte in der Bevölkerung auf deutlich weniger Ablehnung, als es mediale Debatten vermuten lassen. Viele Menschen sind grundsätzlich offen für Alternativen – wenn sie nicht als moralische Überlegenheit, sondern als zusätzliche Option kommuniziert werden.
Das Gutachten schlägt die sogenannte „3-R-Strategie“ vor:
- Reduce (verringern): Weniger große Fleischportionen,
- Remix (mischen): Kombination von tierischen und pflanzlichen Zutaten,
- Replace (ersetzen): Vollständiger Ersatz tierischer Produkte durch Alternativen.
Diese Strategie ist alltagstauglich und ermöglicht einen schrittweisen Wandel. Weniger Tiere bedeuten weniger Stress, weniger Enge, weniger schmerzhafte Eingriffe und weniger Transporte. Die Verfügbarkeit schmackhafter, preislich attraktiver Alternativen gibt Konsument:innen die Möglichkeit, sich gegen die industrielle Tierhaltung zu entscheiden, ohne auf gewohnte Genuss- oder Zubereitungsgewohnheiten zu verzichten. Doch das Gutachten zeigt auch: Wenn die Nachfrage nach tierischen Produkten sinkt, kann es schwieriger werden, gute Haltungsbedingungen durchzusetzen. Denn bei niedrigen Preisen bleibt in den Betrieben oft kein Spielraum für Verbesserungen. PROVIEH fordert deshalb seit Langem den nachhaltigen Umbau der Tierhaltung hin zu einem artgemäßen Haltungssystem. Um den Tierschutz in der landwirtschaftlichen Tierhaltung flächendeckend zu verbessern, müssen finanzielle Mittel bereitgestellt werden. Alternativprodukte können helfen, das Leid in der industriellen Tierhaltung zu verringern. Aber sie dürfen keine Ausrede dafür sein, Verbesserungen für die verbleibenden Tiere zu vernachlässigen. Routinemäßig werden die meisten der rund 700 Millionen „Nutztiere“ in Deutschland verstümmelt, um sie an unzumutbare Haltungsbedingungen anzupassen. Das geltende Tierschutzgesetz erlaubt schmerzhafte Eingriffe wie das Enthornen von Kälbern, das Abschneiden von Schwänzen bei Schweinen und Schafen sowie das Kürzen von Schnäbeln bei Puten. Dieser Zustand ist inakzeptabel. Die Haltungsbedingungen müssen endlich an die Tiere angepasst werden und nicht andersrum!
Umwelt und Klima profitieren mit
Das Gutachten kommt zu dem Schluss, dass der Konsum pflanzlicher Alternativen auch den ökologischen Fußabdruck der Ernährung deutlich senken kann. Je nach Szenario sind bis zu 43 Prozent weniger ernährungsbedingte Treibhausgasemissionen möglich.
Auch Stickstoffüberschüsse und Biodiversitätsverluste könnten reduziert werden – insbesondere, wenn Flächen, die durch den Rückgang der Tierhaltung frei werden, ökologisch sinnvoll genutzt werden.
Wandel gestalten – nicht einfach abwarten
Um den Wandel hin zu mehr Alternativen zu fördern, müssen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aktiv dafür sorgen, dass Alternativprodukte leichter verfügbar, verständlich gekennzeichnet und fair behandelt werden. Aktuell werden sie zum Beispiel bei der Mehrwertsteuer benachteiligt – das sollte sich ändern. Auch braucht es klare Kennzeichnungen, etwa zu Klimabilanz und Nährwerten. So können Alternativprodukte auch aus gesundheitlicher Sicht dabei helfen, tierische Lebensmittel zu reduzieren (zum Beispiel weniger rotes Fleisch oder Wurstwaren), gerade um chronischen Krankheiten vorzubeugen.
PROVIEH fordert: Mehr Mut für nachhaltige Ernährung
Für PROVIEH steht fest: Alternativprodukte können einen echten Beitrag zu mehr Tierwohl leisten, wenn sie Teil einer umfassenden Strategie sind. Dazu gehört:
- eine klare politische Förderung nachhaltiger Produkte,
- faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber tierischen Produkten,
- und vor allem: echte Fortschritte bei der artgemäßen Tierhaltung für die verbleibenden Tiere.
Nur so entsteht ein Ernährungssystem, das nicht nur die Umwelt und Gesundheit schützt – sondern auch den Tieren gerecht wird. Alternativprodukte sind ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer tierfreundlicheren Landwirtschaft. Sie geben Verbraucher:innen mehr Wahlmöglichkeiten und können den Wandel hin zu mehr Tierschutz entscheidend unterstützen. Dazu braucht es auch eine faire und unterstützende Politik, die Wandel ermöglicht – und nicht blockiert. PROVIEH setzt sich dafür ein, dass diese Entwicklung fair, nachhaltig und im Sinne der Tiere gestaltet wird.
„Der WBAE empfiehlt deshalb allen Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, die Chancen von nachhaltigeren Alternativprodukten konstruktiv zu nutzen und faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen, um mehr Auswahl am gemeinsamen Tisch für alle zu ermöglichen.“ (WBAE – Gutachten, Zusammenfassung Seite III)
Christina Mietrach
23.07.2025