Das „Sexen“ von Küken

In den Brütereien liegen die Eier zu Tausenden nebeneinander in großen Schränken. Maschinen übernehmen die Brut, regulieren Temperatur und Luftfeuchtigkeit, wenden die Eier. Wenn die Küken am 21. Tag schlüpfen, werden sie aus dem Brutkasten auf ein Förderband gekippt. Ausgerüstet mit Mundschutz machen sich nun Menschen daran, die Tiere nach Weibchen und Männchen zu sortieren, nach lebenswert oder nicht. „Kükensexer“ nennt man diese Leute.

Ungefähr 45 Millionen Küken sterben jährlich allein in deutschen Vermehrungsbetrieben, weil sie das falsche Geschlecht haben. Denn bei der Vermehrung von Legehennen für die Eierproduktion ist gut die Hälfte der ausgebrüteten Küken männlich. Die Brüder der Legehennen produzieren bekanntlich keine Eier. Zum Mästen aber wachsen sie nicht schnell genug. Zwar gab es wiederholt Versuche, die Männchen der Legehennen zur Fleischproduktion zu nutzen – auch mit Unterstützung von PROVIEH. Das Ergebnis aber hielt wirtschaftlichen Kriterien nicht stand: Das Brustfilet der männlichen Legehühner ist so klein, dass es nicht gewinnbringend zu verkaufen ist. Für die „Broiler“ (Branchenjargon für Masthühner und -hähnchen) wiederum gibt es eigene Zuchtlinien.

Kein Tier darf ohne Grund getötet oder gequält werden, so steht es im Tierschutzgesetz. Für die Geflügelindustrie schien dieses Gesetz lange nicht zu gelten. Die Hähnchenküken sind für die Brütereien schlicht Abfall. Sie werden nach dem Schlupf mit Kohlendioxid vergast. EU-weit entsorgen Legehennen-Produzenten so jährlich rund 300 Millionen Küken. Erst am 13.06.2019 entschied das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, dass das Leben des Küken mehr wert sei als wirtschaftliche Interessen. 2022 soll das Töten der männlichen Küken mittels Gesetz verboten werden.

„Sexen“ ist eine schwierige „Kunst“

Ein junges Küken

Kükensexer müssen ihr Handwerk beherrschen. Es ist eine komplizierte Tätigkeit, die eine Ausbildung, eine gewisse Fingerfertigkeit und hohe Konzentrationsfähigkeit erfordert. Immer wieder hört man Geschichten, dass insbesondere Japaner und Koreaner ein besonderes Talent für das „Sexen“ hätten und dass es in Asien Spezialschulen gäbe, in denen man das „Sexen“ lernen könne.

So ganz aus der Luft gegriffen kann das nicht sein. So findet sich in dem viel beachtetem Buch der Brüder Hubert und Stuart Dreyfus über künstliche Intelligenz folgende Passage: „Die Genauigkeit der japanischen Sexoren versetzte die amerikanischen Forscher in Erstaunen. Einer der Experten, Hikosoboro Yogo, erreichte während der Demonstration eine Geschwindigkeit von 1400 Hühnern pro Stunde mit einer Genauigkeit von 98 Prozent.” (Künstliche Intelligenz. Von den Grenzen der Denkmaschine und dem Wert der Intuition 1986, S. 262f)

Modernes „Sexen“

Eine andere, heute oft genutzte Möglichkeit ist es, die Tiere farblich so zu züchten, dass die Männchen anders gefärbt sind als die Weibchen. Dann sieht man aufgrund des Gefieders, welche Tiere man töten muss. Kükensexer brauchen in diesem Fall keine besondere Ausbildung oder Fertigkeiten. Nach einer kurzen Einweisung kann das jeder. Das Ende der männlichen Küken jedoch bleibt gleich: Vom Schlupf direkt in den Tod.

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