Domäne Fredeburg – Biodynamische Landwirtschaft mit Herz, Hand und Haltung in Schleswig-Holstein
Die Domäne Fredeburg entstand vor über 30 Jahren aus dem Wunsch, Landwirtschaft neu zu denken: gemeinschaftlich organisiert, im Einklang mit der Natur und den Tieren und mit dem Ziel, gesunde Lebensmittel nachhaltig zu erzeugen. Aus anfänglich drei Familien ist heute ein vielfältiger Betrieb mit rund 50 Mitarbeitenden geworden, der neben Ackerbau und Tierhaltung auch auf eigene Verarbeitung und Direktvermarktung setzt.
Ein zentrales Merkmal ist bis heute das Arbeiten in Gemeinschaft: Mehrere Familien tragen gemeinsam Verantwortung, treffen Entscheidungen im Dialog und verteilen Aufgaben nach individuellen Stärken. Dieses Modell ist anspruchsvoll, schafft aber zugleich Entlastung, die Möglichkeit auf Spezialisierung und Zusammenhalt – und bildet die Grundlage für die kontinuierliche Weiterentwicklung des Hofes und seiner Vision. PROVIEH sprach mit Anna Nele Breden von der Domäne Fredeburg über ihre Erfahrungen und Gedanken.
Welche Tiere leben heute auf der Domäne Fredeburg – und was ist Ihnen bei der Haltung besonders wichtig?

Wir haben knapp 40 Milchkühe und behalten auch die komplette Nachzucht, so dass immer knapp 100 Rinder auf dem Hof sind. Wir haben außerdem etwa 60 Mastschweine im Jahr und um die 20 Hühner, aber die sind nur für den Eigenbedarf. Jede Menge Hunde und Katzen leben natürlich auch hier. Wir sind überzeugt von der kuhgebundenen Kälberaufzucht und praktizieren diese schon seit über zehn Jahren. Immer wieder stellen wir fest, dass es bei der Aufzucht von Kälbern nicht nur um die reine Ernährung mit Milch geht – also um den Unterschied, ob die Milch aus dem Eimer oder dem Euter kommt – sondern um die ganze Interaktion untereinander. Es geht auch um Beziehungs- und Fellpflege, die Sozialisation sowie das Lernen von den älteren Kühen und die Erziehung durch sie. Das können wir als Mensch gar nicht leisten. Zum Beispiel beobachten wir, dass das Kalb schon sehr früh beginnt Heu zu fressen, weil es sich das von der erwachsenen Kuh abschaut.
Uns ist es ein großes Anliegen, das Spannungsfeld zwischen Wirtschaftlichkeit und dem Anspruch an eine gute Haltung möglichst zufriedenstellend für alle Beteiligten zu gestalten. Grundsätzlich ist es für uns ein großes Anliegen, die Tiere nicht nur artgemäß, sondern wesensgemäß zu halten. Beispielsweise könnte ich die Kuh ein ganzes Jahr lang im Stall mit Gras von der Weide füttern. Das wäre artgemäß, denn sie frisst von ihrer Art her Gras. Allerdings wäre das nicht wesensgemäß. Wirklich wesensgemäß ist, dass die Kuh selbst über die Fläche geht, Gras abreißt und sich frei bewegen kann. Ein weiteres Beispiel ist, dass wir uns bewusst für einen Bullen im Stall entschieden haben, da er ein wichtiger Part in der Herdenstruktur ist. Er darf zwar nicht in der Herde mitlaufen, hat aber seinen Auslauf direkt am Kuh-Gehege. Zwischen den Kühen und dem Bullen ist eine Absperrung, aber die Tiere können sich sehen, hören, riechen und sich auch beschlecken. Nur zur Deckzeit, wenn die Kuh brünstig ist, bringen wir sie zusammen. Den Bullen in der Herde mitlaufen zu lassen, ist uns zu gefährlich. Zudem sind wir ein Milchviehbetrieb und müssen natürlich steuern, wann die Kühe gedeckt werden.
Welche Bedeutung hat für Sie die Beziehung zwischen Mensch und Tier in der Landwirtschaft?
Natürlich gehe ich mit dem Selbstbewusstsein durch die Herde, dass ich die Chefin bin – und natürlich treffe ich auch Schlacht-Entscheidungen und Ähnliches. Trotzdem ist es mir ein sehr großes Anliegen – solange die Tiere hier bei uns sind – die Verantwortung für sie bestmöglich zu tragen und die Tiere als gleichwürdig, gewissermaßen als unsere Kolleg:innen und Mitarbeiter:innen zu betrachten.
Dazu gehört auch das Thema Kälber, denn wir geben keines unserer Kälber ab. Oft werden Milchviehkälber anonym in den konventionellen Markt gegeben. Doch das ist kein Teil von unserem Konzept und für uns auch nicht tragfähig. Die Kälber sind ein Beispiel dafür, dass wir wirklich bis zum Schluss die Verantwortung für unsere Tiere übernehmen. Das Tier ist hier geboren und es stirbt dann auch am Ende hier. Es bleibt in unserem Kreislaufsystem.
Manchmal sind unsere Kunden schockiert, dass wir Kälber schlachten. Doch dann erkläre ich Folgendes: Damit eine Kuh Milch gibt, bekommt sie ungefähr einmal im Jahr ein Kalb. Das heißt von 40 Milchkühen habe ich jährlich 40 Kälber. Milch und Fleisch sind also untrennbar miteinander verbunden, denn von diesen 40 Kälbern sind etwa 20 Tiere weiblich und 20 Tiere männlich. Von den 20 weiblichen Kälbern werden wiederum nur etwa 10 selbst mal Milchkühe, da wir ja nicht andauernd unsere Herde austauschen. Also bleiben etwa 30 Tiere über. Wir haben aber nicht für alle Platz, sie mehrere Jahre lang zu halten. Deshalb schlachten wir ungefähr 10 Tiere schon im Alter von acht Monaten. Das ist zwar bitter, aber es fühlt sich für mich konsequenter und folgerichtiger an, als zu sagen „aus dem Auge aus dem Sinn“.
Welche Herausforderungen bringt eine besonders tiergerechte Haltung mit sich – wirtschaftlich und organisatorisch?
Bei der ökologischen Tierhaltung geht es darum, dass sich die Haltungsbedingungen an die Bedürfnisse des Tieres anpassen und nicht andersrum. Das heißt, dass ich organisatorisch überhaupt erstmal verstehen muss, dass unterschiedliche Tiere unterschiedliche Bedürfnisse haben. Also ein Schwein zum Beispiel braucht Bereiche zum Wühlen und Suhlen – das braucht eine Kuh nicht. Die individuellen Bedürfnisse müssen also zu den Haltungsbedingungen passen. Unsere Rinder brauchen zum Beispiel noch mal mehr Platz, weil sie Hörner tragen dürfen und deshalb einen anderen Radius für ihre Komfortzone benötigen, damit rangniedere Tiere ausweichen können und so weiter. Durch den höheren Platzbedarf haben wir dann wiederum höhere Stallkosten pro Tier. Auch die Kuhgebundene Kälberaufzucht und der Aufwand des Weidegangs fällt hier mit rein. Das alles bedeutet einen Mehraufwand, der sich natürlich auf den Preis des Produktes auswirkt. Am Ende gibt die Konsumment:in mit ihrem Einkauf bei uns einen „Stimmzettel“ ab, welche Form der Landwirtschaft und Tierhaltung sie unterstützen möchte.
Welche Rolle spielen Auslauf, Weidegang und Beschäftigungsmöglichkeiten für Ihre Tiere – und wie setzen Sie das auf Ihrem Betrieb um?

Eine große Rolle! Rinder gehören für uns zum Beispiel einfach auf die Weide, auch aus ökologischer Perspektive. Während der Mensch eigentlich nichts mit Grünland anfangen kann, sind Kühe in der Lage, Gras zu verwerten und daraus wertvolle Lebensmittel zu generieren, also Milch, Käse und Fleisch. Hinzukommt, dass die Kuh noch viele andere tolle Sachen leistet: Sie kotet auf die Fläche und der Fladen ist Lebensraum für Insekten, welche wiederum von Vögeln gefressen werden. Sie hält den Biodiversitätskreislauf somit in Gang, schützt das Grünland vor Verbuschung und schafft so einen wichtigen Naturraum, der auch noch CO2 speichert. Die Kuh auf der Weide ist eine unglaubliche Umweltschützerin.
Ebenso ist uns die wesensgemäße Haltung bei Schweinen wichtig. Hier greift wieder vieles ineinander, denn die Schweine verwerten die Molke, was ja ein Abfallprodukt bei der Käseherstellung ist. Auch bekommen sie Gemüsereste, die bei der Gemüseaufbereitung anfallen und so verwerten und veredeln sie viele Abfallprodukte. Schweine wühlen intensiv und haben einen sehr großen Spiel- und Entdeckungstrieb. Sie wollen nicht nur ihren Trog leerfressen und sich dann in die Ecke legen. Rund 70 Prozent ihrer Nahrungsaufnahme in der freien Natur erfolgt durch diesen spielerischen Weg und das versuchen wir den Tieren auch auf unserem Hof zu ermöglichen. Wir bieten ihnen neben Heu und Stroh zum Wühlen, beispielsweise die Gemüsereste im Auslauf an, damit sie sich ihr Futter spielerisch erarbeiten können. Schweine sind sehr intelligente und neugierige Tiere.
Was müsste sich in Agrarpolitik, Handel und Nutztierhaltung ändern, damit mehr Betriebe nachhaltig und wirklich tiergerecht wirtschaften können?
Es braucht eine gezielte Förderung kleinerer, nachhaltiger Strukturen statt pauschaler Subventionen nach Fläche oder Betriebsgröße. Betriebe mit durchdachten Nachhaltigkeitskonzepten sollten stärker unterstützt werden; zudem brauchen wir eine gesunde Handelsstruktur mit fairen Preisabsprachen. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass wir kleinere landwirtschaftliche Strukturen und eine flächengebundene Nutztierhaltung brauchen. So könnten Umweltbelastungen reduziert werden, weil beispielsweise verhindert wird, dass mehr Gülle und Dünger anfallen, als die eigenen Flächen aufnehmen können und weil weniger Futtermittel importiert werden müssten.
Die Domäne Fredeburg wurde dieses Jahr mit dem Zukunftspreis Landwirtschaft Schleswig-Holstein geehrt. Wie wirkt sich diese Auszeichnung auf euch aus?
Darüber freuen wir uns natürlich sehr! Die Auszeichnung ehrt noch einmal die Gründerfamilien für den Mut, den sie vor 30 Jahren hatten, einen vielfältigen Hof aufzubauen, der immer noch lebt und sich weiterentwickelt. Es ist eine schöne Honorierung für die Arbeit, die schon geleistet wurde, und beflügelt gleichermaßen die neue Generation, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Es ist auch Lob und ein Dankeschön an all die Menschen, die das in den letzten Jahrzehnten möglich gemacht haben. Der Erfolg des Hofes ist keine Einzelleistung, sondern ein Gemeinschaftsprodukt von den Betreiber:innen und Verantwortlichen, vielen Mitarbeiter:innen, Unterstützer:innen, Kund:innen, Vereinsmitgliedern und wohlgesonnenen Menschen. Es ist einfach ein schönes Gefühl, dass diese Leistung Anerkennung findet.
Vielen Dank Frau Breden!
Das Interview führte
Christina Mietrach
Das Interview mit Anna Nele Breden von der Domäne Fredeburg erschien im PROVIEH Magazin „respektiere leben.“, Ausgabe 1-2026