Hitzestress bei „Nutztieren“

Warum der Klimawandel für Huhn, Schwein, Rind und Co. zur Belastungsprobe wird 

Der Sommer 2026 war in vielen Teilen Europas ungewöhnlich warm und von Hitzewellen geprägt. Regionale Rekordtemperaturen brachten vielerorts Menschen und Tiere an die Belastungsgrenzen. Aber während wir uns mit Eis, Badegängen und Klimaanlagen abkühlen können, sind die “Nutztiere” den extremen Bedingungen in einem anderen Maß ausgeliefert. In Ställen oder auf Weiden ohne Baum- und Strauchbewuchs können die Tiere der Hitze nicht entfliehen. Darüber hinaus beginnt bei ihnen der sogenannte Hitzestress vielfach schon bei deutlich geringeren Temperaturen als bei uns Menschen, da sie ihre Körpertemperatur schlechter regulieren können. 

Was bedeutet Hitzestress? 

„Von Hitzestress spricht man, wenn der Körper eines Tieres oder eines Menschen mehr Wärme erzeugt oder mehr Wärme auf ihn einwirkt, als er abgeben kann.“ (Quelle: Tier im Recht). Der Körper kann demnach seine Temperatur nicht mehr eigenständig halten. Dies hat negative Auswirkungen auf den Stoffwechsel, das Herz-Kreislaufsystem und die Leistungsfähigkeit. Die Tiere leiden. 

Um die Hitzebelastung zu bestimmen, wird in der Wissenschaft meist der Temperature-Humidity-Index (THI) herangezogen. Er kombiniert die Temperatur und die relative Luftfeuchtigkeit zu einem Maß. Für durchschnittliche Tiermodelle (zum Beispiel für hochleistende Milchkühe) werden dann THI-Wertebereiche angegeben, in denen die Tiere an geringem bis mäßigem, starkem oder extremem Hitzestress leiden. Neben den genannten spielen noch weitere Faktoren wie Luftgeschwindigkeit, Strahlungsintensität sowie Boden- und Oberflächentemperaturen eine Rolle. 

Welche “Nutztiere” sind besonders gefährdet? 

Je nach Tierart, Rasse, Alter, Geschlecht, Gesundheitsstatus, Fütterungszustand, Gewicht, Muskelmasse, Akklimatisierung und genetischer Anpassung können sich die Wertebereiche des THI verschieben. Besonders empfindlich reagieren Hochleistungsrassen und laktierende Tiere. Ihre Stoffwechselintensität ist sehr hoch, wodurch Wärme entsteht, die an die Umgebung abgegeben werden muss. So zeigt eine Untersuchung der Landesforschungsanstalt Mecklenburg-Vorpommern, dass Kühe mit einer Milchleistung von mehr als 35 kg Milch pro Tag bereits bei 10 °C ihre Körpertemperatur nicht mehr konstant halten konnten. Um ein Vielfaches belastender sind somit sommerliche Temperaturen und Hitzespitzen. Auch das Gewicht ist relevant – so leiden bei der Mast landwirtschaftlich genutzte Tiere besonders zum Ende. 

Warnsignale und Folgen von Hitzestress 

Da “Nutztiere” nicht wie wir schwitzen können, versuchen sie ihre Körpertemperatur durch eine erhöhte Atemfrequenz und Maul- oder Schnabelatmung zu regulieren. Hierdurch verdunstet Flüssigkeit, wodurch die Tiere häufig einen doppelt so hohen Wasserbedarf haben. 

Darüber hinaus zeigt sich häufig eine geringere Futteraufnahme, denn dadurch wird weniger Wärme durch die Verstoffwechselung der Nahrung erzeugt. Für die Tierhalter:innen wird dieser Hitzestress als Leistungseinbußen sichtbar, wie eine geringere Milchproduktion bei Kühen oder reduzierte Gewichtszunahmen in der Mast. 

Es kann auch ein Zusammenhang zwischen Hitzestress und Fruchtbarkeit beobachtet werden. Bei Milchkühen lassen sich brünstige Tiere schwerer erkennen und der Besamungserfolg nimmt ab. Dies ist unter anderem auf Hormone zurückzuführen: In Stresssituationen bildet sich Cortisol, welches den Spiegel der Fruchtbarkeitshormone senkt. Auch priorisiert der Körper bei Energiemangel die eigene Erhaltung und die Versorgung des Kalbes. 

Auch kann Hitzestress während der Trächtigkeit langfristig negative Auswirkungen haben. Ein Praxisversuch des französischen Forschungsinstituts für Landwirtschaft (INRAE) zeigte die Auswirkungen von Hitzestress auf Sauen während ihrer Trächtigkeit. Zwar änderte die Temperatur nicht die Anzahl des Nachwuchses, doch waren die Ferkel deutlich schwächer und nahmen langsamer zu. Auch bei Milchkühen zeigen sich negative Auswirkungen auf die Nachkommen von Tieren, die während der Trächtigkeit an Hitzestress litten, bis in die zweite Generation (“Enkelinnen”). 

Viele ”Nutztiere” sind zudem anfälliger für Krankheiten (zum Beispiel Mastitis (Euterentzündungen)), da sich durch die hohen Temperaturen zum einen der Erregerdruck erhöht und zum anderen das Immunsystem geschwächt wird. Auch Klauenprobleme werden häufiger beobachtet. 

Im Extremfall endet Hitzestress mit dem Tod. So starben in Frankreich im Juni dieses Jahres Hundertausende Tiere in Geflügelbetrieben im Zuge der Hitzewelle. Tierköperbeseitigungsanlagen waren überlastet und die Kadaver durften teilweise auf den Höfen vergraben werden. Die Landwirtschaft scheint unzureichend auf solche Extremsituationen vorbereitet zu sein. Und das in Zeiten, in denen der Klimawandel bereits seit langem präsent ist. 

Klimawandel: Warum das Thema immer wichtiger wird 

Durch den Klimawandel steigen die Durchschnittstemperaturen vielerorts und Hitzewellen werden häufiger. Somit steigt die Anzahl der Tage, in denen “Nutztiere” an Hitzestress leiden und die Belastungen werden intensiver.  

Die Tierhalter:innen müssen auf diese Entwicklungen reagieren. So können bauliche sowie technische Maßnahmen und Anpassungen im Management den Hitzestress und sich daraus ergebende Folgen für die Tiere lindern. 

Wasserversorgung 

Die wichtigste Stellschraube gegen Hitzestress ist die Wasserversorgung. Bei höheren Temperaturen steigt bei den Tieren wie bei uns Menschen der Wasserverbrauch. Es sollte daher jederzeit ausreichend frisches, sauberes und kühles Wasser zur Verfügung stehen. Dabei sollte darauf geachtet werden, dass genügend gut erreichbare Tränkstellen vorhanden sind, damit auch rangniedrigere Tiere jederzeit Zugang haben. Auf der Weide sollten die Tiere keine zu großen Strecken zum Wasser zurücklegen müssen, wenn sie sich beispielsweise in beschatteten Bereichen aufhalten. 

Auch die Durchlaufgeschwindigkeit ist zu beachten. So benötigen laktierende Sauen etwa 3 bis 5 l/min, Ferkel 0,55 bis 0,65 l/min und Schweine in der Mast 0,8 bis 1,2 l/min. Bei Milchkühen sollten sogar mindestens 10 l/min nachlaufen. Auch Kälber sollte bei Hitze ab dem ersten Tag zusätzlich zur Milchtränke Wasser angeboten werden. 

Tägliche Kontrolle der Funktion und Sauberkeit der Tränken ist zwingend notwendig. 

Fütterung 

Da die Verdauung zusätzlich Wärme freisetzt, nehmen die Tiere häufig weniger Futter zu sich. Hier bietet es sich an, die Fütterungszeiten nach Möglichkeit in kühlere Morgen- oder Abendstunden zu legen. Auch ein Wechsel auf Futter mit geringerem Protein- und höherem Fettgehalt kann helfen, da Fette eine höhere Energiedichte haben und bei ihrer Verdauung weniger Wärme erzeugt wird. 

Ein anderes Problem bei hohen Temperaturen ist die schnellere Verderblichkeit des Futters. Vergorenes Futter wird schlechter angenommen und kann zu gesundheitlichen Problemen führen. Futterreste sollten daher konsequent entsorgt und frisches Futter zur Verfügung gestellt werden. Hier hilft es auch, die Tagesration auf mehrere kleine Rationen aufzuteilen.Auch kann eine Befeuchtung des Futters sinnvoll sein. Dies führt zu einer besseren Futterannahme und zu zusätzlicher Flüssigkeitsaufnahme. 

Beschattung 

Sowohl im Außenbereich als auch in den Ställen muss ausreichend Schatten gewährleistet sein. Dies kann durch Bäume, Hecken, etc. oder durch künstliche Einrichtungen wie Unterstände, Strohballen, Sonnensegel und -schirme erreicht werden. Besonders Kälberiglus heizen sich bei direkter Sonnenbestrahlung schnell auf. Sie sollten daher unbedingt im Schatten aufgestellt (zum Beispiel auf der Nordseite eines Stalles) oder künstlich beschattet werden. Eine Nord-Süd-Ausrichtung des Stalls verhindert, dass die intensive Mittagssonne senkrecht auf die Dachfläche trifft. Auch ein Dachüberstand, Jalousien, Verdunklungsfolien und eine gute Isolierung können helfen. 

Lüftung 

Die Belüftung von Ställen ist in der heißen Jahreszeit besonders wichtig. Bauliche Maßnahmen wie offene Seitenwände, Belüftungsklappen oder die richtige Ausrichtung des Stalles im Verhältnis zur gängigen Windrichtung sowie technische Maßnahmen wie Ventilatoren führen zu niedrigeren Temperaturen und einer besseren Luftqualität im Stall. Der Ansaugpunkt der Frischluft sollte dabei möglichst in einem beschatteten Bereich liegen. Darüber hinaus entsteht durch die Abkühlung der Haut durch Luftzug (Windchill-Effekt) eine Absenkung der gefühlten Temperatur.Mobilställe und Kälberiglus können zudem aufgebockt werden, damit eine Luftzirkulation auch unterhalb möglich ist. Dazu kann man beispielsweise Holzkeile oder Backsteine an der Rückseite unter das Iglu legen. 

Kühlung 

Darüber hinaus können auch Maßnahmen zur Kühlung eingesetzt werden. Die Luft kann durch Verneblung von Wasser oder dem Vorbeileiten von Luft an kalten oder feuchten Gegenständen (zum Beispiel Coolpads) gekühlt werden. Auch das direkte Befeuchten der Tiere mit Sprühvorrichtungen oder Bädern kann die Körpertemperatur der Tiere senken. Zudem sollte bei der Wahl der Baumaterialien auf deren Eigenschaften geachtet werden. Kühle Liegeflächen und eine angepasste Einstreuhöhe können den Tieren bei der Temperaturregulierung helfen. Zudem verringern helle Farben an den Außenwänden das Aufheizen des Stalles. 

Managementanpassungen 

Auch Managementanpassungen sind sinnvoll. So sollten wenn möglich beim Umgang und der Behandlung der Tiere (Um- oder Ausstallen, Impfungen, etc.) auf kühlere Tageszeiten ausgewichen werden. Während der heißesten Stunden sollte möglichst Ruhe im Stall herrschen und die Türen sollten gegebenfalls geschlossen bleiben. Auch kann besonders bei Milchkühen im Sommer auf Nachtweide umgestellt werden. Langfristig sollten Besatzdichten reduziert werden, da sich durch die Körperwärme der Tiere die Temperatur in den Ställen zusätzlich erhöht.  

Züchtung 

Auch durch züchterische Maßnahmen kann man gegen Hitzestress vorgehen. Hitzeresistentere Rassen und solche, die weniger auf Hochleistung gezüchtet sind, können hohe Temperaturen besser verkraften. Auch helle Fellfarben wirken sich positiv aus.  

PROVIEHs Forderungen 

Hitzestress ist eine relevante Ursache für Tierleid. Mit dem Klimawandel wird sich die Situation weiterhin zuspitzen. Daher muss vorausschauend geplant werden. Tierhalter:innen sind laut § 3 der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung gesetzlich verpflichtet, den Tieren bei extremer Hitze und Sonneneinstrahlung ausreichend Schutz zu gewährleisten. Hierfür gibt es vielfältige kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen.  

Der Staat sollte Tierhalter:innen durch Beratungsangebote und Fördermaßnahmen zur Vermeidung von Hitzestress unterstützen. Auch ein nationaler Hitzeaktionsplan für „Nutztiere“ sowie Forschung zur Klimawandelanpassung der Nutztierhaltung wären zu begrüßen. Zudem sollten klare Anforderungen an die Tierhaltung gestellt werden, die beispielsweise die Stallhöchsttemperatur, das Verhältnis von Tieren zu Tränken und Schattenplätze, etc. regelt. 

An heißen Tagen sollte das Wohl der Tiere zudem häufiger in Augenschein genommen werden. 

Millvina Pitz 

16.09.2026


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