Niedersachsen geht voran und verbietet die Anbindehaltung

Interview mit Miriam Staudte

„Man fährt an diesen Haltungen vorbei und es tut einem wirklich im Herzen weh.“ (Miriam Staudte)

Am 05. Februar 2026 kündigte die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte an, per Erlass die Anbindehaltung von Rindern zu verbieten. Die Entscheidung fand großen Beifall unter den Tierschutzorganisationen. Geplant ist die Anbindehaltung von Rindern in jeglicher Form konsequent abzuschaffen. Rinder sollen demnach weder ganzjährig noch saisonal oder den Großteil des Tages angebunden leben müssen. Für den Ausstieg gelten jedoch Übergangsfristen von bis zu sieben Jahren. In einem Interview befragte PROVIEH Miriam Staudte zu dem Vorhaben und den Perspektiven des Tierschutzes in Deutschland.

Frau Staudte, Niedersachsen geht mit dem Verbot der Anbindehaltung von Rindern einen eigenen Weg. Wie kam es zu dieser Entscheidung und was bedeutet es für Sie persönlich, diesen Schritt nun umzusetzen?

Anbindehaltung ist tatsächlich schon seit vielen Jahren ein Thema in Niedersachsen. Es gibt den Tierschutzplan – ein Gremium, das sich aus Tierschutzverbänden, Landwirtschaftsverbänden, Wissenschaft und kommunaler Ebene zusammensetzt – von meinem Vor-Vorgänger. Im Rahmen dessen wurde eine ganze Reihe Ziele formuliert. Auch zur Anbindehaltung sollte es ein Konzept geben. Dann ist das Thema jedoch in den Hintergrund geraten. Es wurden zwar Erlasse rausgegeben – zum Beispiel dazu, dass auch bei ganzjähriger Anbindehaltung mindestens zwei Stunden Auslauf gewährt werden soll – aber ein Gesamtkonzept ist nicht erarbeitet worden. Dann gab es auf Bundesebene den Plan, das Tierschutzgesetz zu konkretisieren, und wir haben abgewartet. Als klar war, dass die neue Bundesregierung die Thematik nicht aufgreifen will, war für mich klar, dass wir jetzt auf niedersächsischer Ebene tätig werden müssen. Ich habe mich an das Gremium des Tierschutzplans gewendet und gebeten, das Thema Anbindehaltung vorziehen. Ich muss wirklich sagen, dass mir ein Stein vom Herzen gefallen ist, als die Verbände zu einem Ergebnis gekommen sind. Ich kenne die Anbindehaltung von Rindern auch aus einem Dorf, in dem ich gelebt habe. Man fährt an diesen Haltungen vorbei, und es tut einem wirklich im Herzen weh. Aus meiner Sicht ist es notwendig, dass wir das Thema angehen.

Der Ausstiegsplan wurde gemeinsam mit Landwirtschaft und Tierschutzverbänden erarbeitet. Wie gelingt es beide Seiten an einen Tisch zu bringen und welche Kompromisse waren nötig, um diesen Konsens zu erreichen?

Ich möchte ausdrücklich die Vorarbeit der Verbände würdigen, die das möglich gemacht haben. Die Arbeitsgruppen im Tierschutzplan bestehenschon seit vielen Jahren. Wir arbeiten vertrauensvoll zusammen und es besteht grundsätzlich der Wille, an gemeinsamen Themen zu arbeiten. Auch dadurch, dass von Anfang an klar war, dass es Übergangsfristen gibt, war die Bereitschaft von Seiten der Landwirtschaft da, sich auf diese Debatte einzulassen. Und es ist wichtig, dass man deutlich macht, dass es einem ernst damit ist. Der Druck, sich einigen zu müssen, weil ansonsten vielleicht etwas über ihre Köpfe hinweg entschieden wird, hat sicherlich auch Ansporn gegeben, sich zusammenzuraufen. So wurden Kompromisse bei den Übergangsfristen und der Förderung gefunden. Darüber hinaus war hilfreich, dass es juristische Gutachten gibt, die sagen, dass ein solches Verbot vor Gericht Bestand hätte.

Ist mit Klagen gegen den Erlass zu rechnen, und wie ist Niedersachsen darauf vorbereitet?

Der Schwerpunkt der Kritik war, dass Landwirt:innen Unterstützung beim Umbau brauchen. Die werden sie erhalten. Deswegen glaube ich, dass es gute Chancen gibt, dass nicht geklagt wird. Falls es doch Klagen geben sollte, sind wir sehr gut aufgestellt. Das Tierschutzgesetz sagt explizit, dass Tiere artgerecht gehalten werden müssen. Sie brauchen Bewegungsmöglichkeiten und Kontakt zu Artgenossen. Das ist in Anbindehaltung nicht möglich.

Welche konkreten Unterstützungsmaßnahmen stehen Landwirt:innen beim Umbau der Ställe zur Verfügung?

Der Betrieb erhält keinen Cent mehr für seine Milch, nur weil seine Kühe glücklicher sind. Insofern ist der Umbau eine finanzielle Mehrbelastung für Betriebe. Daher brauchen sie Unterstützung. 
Wir haben zum einen eine Förderung nach der Diversifizierungsrichtlinie: Falls Landwirt:innen entscheiden, künftig auf die Anbindehaltung zu verzichten und das Gebäude anders nutzen wollen – zum Beispiel als Ferienwohnung – besteht eine Förderungsmöglichkeit von bis zu 300.000 Euro. Zum anderen haben wir das Agrarinvestitionsförderungsprogramm – hier haben wir die Zusatzpunkte für die Beendigung der Anbindehaltung erhöht, so dass Betriebe, die aus der Anbindehaltung aussteigen, im Ranking hochrutschen. Dadurch haben wir allein im letzten Jahr schon zwölf Vorhaben im Zusammenhang mit dem Ausstieg aus der Anbindehaltung gefördert. Zudem fördern wir die einzelbetriebliche Beratung. Denn: Viele Betriebe haben sich mit dieser Thematik nicht auseinandergesetzt und wissen gar nicht, was es eigentlich aktuell schon an Fördermöglichkeiten gibt für den Umstieg oder Ausstieg.

Es gibt noch immer Betriebe, in denen Rinder trotz des Erlasses von 2018 ganzjährig ohne zweistündigen Auslauf angebunden gehalten werden. Wie wollen Sie sicherstellen, dass dies nicht auch im Falle Ihres Erlasses passiert?

Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte und PROVIEH Mitarbeiterin Milvina Pitz auf der Agrarministerkonferenz in Bad Reichenhall.

Als mein Haus 2024 die Abfrage bei den Veterinärämtern gestartet hat, gab es mindestens 1.000 Betriebe, die noch Anbindehaltung praktizierten. Damals hat sich jedoch herausgestellt, dass in einigen Fällen Unklarheit über die Anzahl der Betriebe herrscht. Das bedeutet, dass auch nichtgezielt kontrolliert werden konnte, ob der Erlass, dass mindestens zwei Stunden am Tag Auslauf gewährt werden soll, eingehalten wird. Und wenn ich mich umgehört habe – auch innerhalb der Landwirtschaft – wurde oft gesagt, dass man nicht davon ausgeht, dass diese Vorgabe tatsächlich flächendeckend umgesetzt wird. Das war ein zusätzlicher Grund zu sagen: Es nützt nichts, wir müssen ganz raus aus der Anbindehaltung. Darüber hinaus sind die Kontrollen den Kreisveterinären nicht zuzumuten. Bei ihrem Arbeitsvolumen können sie es kaum schaffen, zu kontrollieren, ob die zwei Stunden Auslauf am Tag eingehalten werden. Wir sind uns sicher, dass wir mittelfristig die Veterinärämter durch diese klare Regelung entlasten. Ich nehme übrigens wahr, dass gerade aus dem Veterinärbereich der Wunsch besteht, die Anbindehaltung abzuschaffen. Es haben auch einige Amtsveterinäre den Appell an Bundesminister Alois Rainer unterschrieben und darin ein Ende der Anbindehaltung von Rindern gefordert. Auch finde ich es sehr schwer, von praktizierenden Tierärztinnen und Tierärzten zu verlangen, dass sie Tiere behandeln, die in einer anderen Haltung vielleicht gar nicht krank geworden wären. Es sind Menschen, die diesen Beruf wählen, weil sie Tieren helfen wollen.

Die Abschaffung der Anbindehaltung ist ein sehr wichtiger Schritt. Allerdings liegt insgesamt in der Rinderhaltung vieles im Argen. Wird deshalb begleitend/nachfolgend zu dem Verbot der Anbindehaltung auch eine Überarbeitung der bestehenden niedersächsischen Leitlinien für Milch- und Mastrinder erfolgen? Gibt es hier bereits konkrete Pläne?

Ja. Das ist auch ein Auftrag in den Arbeitsgruppen des Tierschutzplans, und von dort kam auch der Wunsch zur Überarbeitung. Da nicht alle Bundesländer solche Leitlinien haben, wird auch davon eine Strahlkraft ausgehen. Gerade, wenn es in der Bundesrepu-blik Gerichtsverfahren zu diesem Thema gab, wurden oft unsere niedersächsischen Leitlinien herangezogen, weil es ansonsten wenig fachlich geeinte und konkretisierte Ausführungen dazu gibt.

Wie sieht Ihre Vision für die Nutztierhaltung in Niedersachsen in zehn Jahren aus?

Wir haben sehr viel Tierhaltung und wir müssen nach und nach die unterschiedlichen Themen angehen. Ein Thema ist zum Beispiel die Vogelgrippe. Es mussten über 1,5 Millionen Tiere gekeult werden, die allermeisten in Stallhaltung, also nur ein geringer Teil in Freilandhaltung. Wir müssen uns fragen: Wie können wir die Rahmenbedingungen verändern, dass nicht so viele Tiere erkranken? Wie kann die Stallluft gereinigt werden? Wie können die Tierrassen anders gezüchtet werden, sodass sie resistenter sind? Weiter ist es ein absolut richtiges Ziel, dass wir zu einer flächengebundenen Tierhaltung kommen müssen, dass also Anzahl der Tiere und Fläche sowohl für Futtermittel als auch für die Entsorgung des Wirtschaftsdüngers in einem guten Verhältnis stehen. Wir sehen auch aktuell, dass solche Kreisläufe viel resilienter sind. An den Weltmärkten purzeln die Preise, die Einflüsse von Zollkriegen sind enorm spürbar. Die Landwirtschaft ist sowohl von Exporten als auch Importen abhängig. Deshalb müssen wir uns in der Tierhaltung resilienter aufstellen, mehr in Kreisläufen denken und von den wissenschaftlichen Erkenntnissen profitieren. Niedersachsen kann in diesem Prozess durchaus Zeichen setzen, denn wenn es in einem großen Tierhaltungsland funktioniert, kann es auch in vielen anderen Bundesländern funktionieren.

Niedersachsen geht voran – wie bewerten Sie die Rolle anderer Bundesländer, insbesondere Bayerns und Baden-Württembergs, die noch stark auf Anbindehaltung setzen? Rechnen sie damit, dass diese oder andere Bundesländer nachziehen?

Ich glaube schon, dass dieser Vorstoß Diskussionen ausgelöst hat. Ich denke, dass es in den besonders betroffenen Bundesländern wie Bayern oder Baden-Württemberg auch solche Prozesse der Verständigung zwischen Tierschutz und Landwirtschaft braucht, wenn man eine tragfähige Lösung finden möchte. Es wurde oft behauptet, dass die Anbindehaltung in ein paar Jahren von allein ausläuft. Aber wir müssen einfach feststellen, dass das nicht so ist – auch nicht in den süddeutschen Bundesländern.

Sehen Sie den Weg aus der Anbindehaltung Bundesland für Bundesland oder muss es eine bundesweite Lösung geben?

Da der Bund gesagt hat, dass er das Thema nicht aufgreifen will, ist klar, dass jetzt die Bundesländer gefordert sind. Da wir in den Ländern sehr unterschiedliche Agrarstrukturen haben, kann es auch sein, dass die Lösung in dezentralen Kompromissen liegt. Diese können andere Schwerpunkte und Zielsetzungen haben und auch die Förderung kann anders eingesetzt werden.

Letztendlich hat man auf Bundesebene sehr lange gewartet und gerungen, eine einheitliche Lösung zu finden. Vielleicht muss man akzeptieren, dass es jetzt in einem unterschiedlichen Tempo in den Bundesländern vorangeht.

Was wäre Ihr Appell an andere Bundesländer und den Bund, um den Tierschutz in der Nutztierhaltung weiter voranzubringen?

Mein Appell an die anderen Bundesländer wäre, keinen Bogen um schwierige Themen zu machen. Wenn man das Ziel hat, eine artgerechte, an Flächen angepasste Tierhaltung in Deutschland umzusetzen, muss man solche Themen angehen. Es geht um eine Form von Tierhaltung, die gesellschaftlich akzeptiert ist. Und diejenigen Betriebe, die Tiere so halten, wie es die absolute Mehrheit der Gesellschaft nicht möchte, zerstören auch das Image der gesamten Branche. Insgesamt wünsche ich mir, dass wir da anknüpfen, wo die Borchert-Kommission und die Zukunftskommission Landwirtschaft aufgehört haben. Es gilt, bei diesen Ansätzen einen gesellschaftlichen Konsens zu finden, inklusive einer dauerhaften Gegenfinanzierung. Grundsätzlich wäre es außerdem sinnvoll und wichtig, dass in vielen Regionen die Tierzahlen reduziert werden.

Vielen Dank Frau Staudte.

Das Interview führte Millvina Pitz und ist im PROVIEH-Magazin „respektiere leben.“ 1/2026 erschienen.

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