PROVIEH bezieht Stellung zum Thema Qualzucht

Berlin, 10.04.2026. In Schleswig-Holstein adressieren jeweils in einem Antrag die Fraktion der FDP und die Fraktionen von CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN das wichtige Thema Qualzucht. Sie haben jeweils Forderungen an die Landesregierung formuliert, um das Thema auf Bundesebene einzubringen. Während der Antrag der FDP zumindest teilweisekonkrete Änderungen des Tierschutzgesetzes anstrebt, bleibt der Antrag von CDU und BÜNDNIS 90/Die Grünen weitgehend unverbindlich. Im Rahmen der schriftlichen Anhörung der Verbände hat PROVIEH eine Stellungnahme verfasst. Darin werden die Lücken und fehlenden Konkretisierungen der Anträge umfassend benannt und eigene Forderungen im Sinne der Tiere eingebracht. 

Qualzucht – auch sogenannte Nutztiere sind betroffen 

Die heute üblichen Rassen und Zuchtlinien, die in der landwirtschaftlichen Tierhaltung eingesetzt werden, sind auf Gewinnmaximierung ausgerichtet und heute zunehmend von Qualzucht betroffen. Die seit Beginn der Industrialisierung einsetzende einseitige Zucht auf Milch, Fleisch oder Eier führte mehr und mehr zu negativen gesundheitlichen Folgen bei den Tieren. 

  • Milchkühe geben fast 10.000 Kilogramm Milch jährlich. Diese enorme Milchproduktion resultiert bei den Tieren in Fruchtbarkeitsstörungen, Eutererkrankungen sowie Klauen- und Stoffwechselerkrankungen. 
  • Zuchtsauen gebären mehr Ferkel als sie Zitzen haben und können somit nicht alle selbst versorgen. Zudem werden sehr viele Ferkel tot oder lebensschwach geboren. 
  • Mastschweine wachsen in nur sechs Monaten zur Schlachtreife und 110 Kilogramm Körpergewicht heran. Das junge Skelett der Mastschweine ist solchen schnellen und enormen Gewichtszunahmen aber gar nicht gewachsen, sodass viele von ihnen an schmerzhaften Veränderungen des Bewegungsapparates, wie dem sogenanntenBeinschwächesyndrom leiden. 
  • Heutige Legehennen legen fast täglich ein Ei, wodurch die Legeorgane erheblich beeinträchtigt werden. Ein Großteil des körpereigenen Kalziums wird für die Eierproduktion benötigt, sodass die Knochen entmineralisieren (Osteoporose) und das Risiko für Brustbeinfrakturen steigt. Nach zwölf Monaten Legetätigkeit sind die meisten körperlich am Ende und werden geschlachtet und durch neue Tiere ersetzt.  
  • Masthühner und Mastputen vervielfachen in kürzester Zeit ihr Körpergewicht und sind bereits nach 28 bis 42 Tagen Mast schlachtreif. Viele von ihnen sind von sehr belastenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen, schmerzhaften Erkrankungen des Skelettsystems und Muskelerkrankungen betroffen. 

Diese Erkrankungen sind Resultate einer ökonomisch ausgerichteten Zucht und keine Einzelfälle, sondern ein systemisches Problem.  

Politische Aufmerksamkeit fehlt bislang 

Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Beirates für Agrarpolitik1 führte bereits 2015 kritisch die hohe Gewichtung der Leistung bei den Zuchtzielen auf. Ebenso belegen zahlreiche Studien die Zusammenhänge der Leistungszucht und den gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Doch bislang fehlt die politische Initiative, die mangelhafte Gesetzgebung anzupassen und eine sichere Handlungsgrundlage für den Vollzug zu schaffen. 

Denn der § 11b des Tierschutzgesetzes, der eigentlich die Qualzucht verbieten soll, ist zu unbestimmt und enthält keine konkretisierenden Kriterien für Qualzuchtmerkmale bei sogenannten Nutztieren mit denen die Behörden arbeiten könnten. 

PROVIEHs Forderungen 

Die vorgelegten Anträge stoßen die notwendige Debatte erneut an. Dennoch wird deutlich, dass für eine wirksame Bekämpfung von Qualzucht folgende Punkte entscheidend sindund deshalb in politischen Diskussionen und der rechtlichen Umsetzung dringend berücksichtigt werden müssen: 

  • Festlegung konkreter Qualzuchtmerkmale und Sanktionsmöglichkeiten im Tierschutzgesetz 
  • Verbot der Einfuhr, Ausfuhr und des Handels mit qualgezüchteten Tieren 
  • Personalaufstockung der Veterinärbehörden inkl. deren Finanzierung, um regelmäßige Kontrollen zu gewährleisten 
  • Aufklärung der Öffentlichkeit zu Qualzucht bei sogenannten Nutztieren 
  • Förderung alternativer Rassen und Zuchtlinien inkl. Überarbeitung der Zuchtziele 

Wir werden das Thema weiterverfolgen und uns in der politischen Arbeit dafür einsetzen, dass die Qualzucht stärker fokussiert wird, um Millionen von Tieren in der Landwirtschaft ein unnötig leidvolles Leben zu ersparen. 

Sophie-Madlin Langner 


Quellen und weiterführende Informationen 

1 Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung, Gutachten“, 2015, 97 + 286,

Unsere Stellungnahme zur schriftlichen Anhörung des Umwelt- und Agrarausschusses des Schleswig-Holsteinischen Landtags zum Antrag der Fraktion der FDP „Einsatz für wirksame Verhinderung von Qualzucht“ ( Drucksache 20/3856) sowie zum Alternativantrag der Fraktionen von CDU und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN „Tierleid verhindern. Artgerecht statt überzüchtet, Qualzucht verhindern und aufklären“ (Drucksache 20/3907)

In der Stellungnahme zur damals geplanten Änderung des Tierschutzgesetzes thematisiert PROVIEH 2024 ebenfalls den Paragrafen zur Qualzucht.

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