Muttersauen

In Deutschland werden etwa 1,8 Millionen Muttersauen gehalten, die zwei bis dreimal im Jahr jeweils bis zu 20 Ferkel zur Welt bringen. So werden hierzulande jährlich etwa 50 Millionen Ferkel geboren. Während die Anzahl der Betriebe immer weiter abnimmt, steigt die Zahl der Sauen pro Betrieb stetig. Die Sauen leben heute daher in der Regel in großen Betrieben mit mehr als 250 Muttertieren und ihren Nachkommen. Fast alle werden im konventionellen System gehalten, denn der Anteil an Bioschweinen ist verschwindend gering. Bei den Haltungsbedingungen der Sauen sind mit mangelndem Tageslicht, Spaltenböden und nahezu keiner Möglichkeit natürliche Verhaltensweisen auszuleben nur einige kritische Punkte genannt. Muttersauen werden darüber hinaus für etwa die Hälfte des Jahres in sogenannten Kastenständen und Ferkelschutzkörben gehalten, die die Bewegung der Sauen nahezu vollständig einschränken und auch das Ruheverhalten stark beeinträchtigen.  

Die konventionelle Haltung der Schweine ist auf Grund der genannten und vieler weiterer Punkte oft sehr problematisch. Das Leben der Schweine zu verbessern ist deshalb eines der großen Kampagnenthemen von PROVIEH: Lasst die Sau raus.

Grundbedürfnisse

Schweine sind intelligente Tiere mit einem ausgeprägten Erkundungs- und Sozialverhalten. In der Natur verbringen sie 70 Prozent ihrer wachen Zeit mit der Futtersuche. Zu diesem Zweck wühlen sie mit dem Rüssel und den Vorderbeinen den Boden auf. Wenn es ihnen ermöglicht wird, achten Schweine auf eine strikte Trennung von Kot-, Liege- und Fressbereich. Im Rahmen der Körperpflege dient das Suhlen im Schlamm vor allem dem Schutz vor Parasiten und vor der Gefahr einer Überhitzung.  

Sauen und Ferkel im Schlamm
Sauen und Ferkel im Freiland © PROVIEH

Sauen leben in ihrer natürlichen Umgebung mit ihren Ferkeln und Jungtieren in kleinen Gruppen (Rotten) mit stabiler Rangordnung, meist geführt von einer älteren Sau. Während der knapp viermonatigen Trächtigkeit sind die Sauen stressanfälliger, was bis zum Verlust der Ferkel führen kann. In den Tagen vor der Geburt haben Muttersauen dann einen ausgeprägten Nestbautrieb. Die hochträchtige Sau sucht für die Geburt einen trockenen, windgeschützten Platz im Wald. Dort baut sie ein warmes, weiches Nest aus Gras, Zweigen und Blättern. In diesen sauberen Nestern gebären Sauen in der Natur ein bis acht Ferkel pro Wurf. 

Nach ihrer Geburt werden die Ferkel von der Mutter ausgiebig beschnüffelt, sodass eine starke Interaktion zwischen Sau und Ferkel stattfindet. Nach wenigen Tagen baut sich unter den Ferkeln eine feste Saugordnung auf – jedes Ferkel hat dann seine „eigene“ Zitze am Gesäuge der Sau. Die Sauen pflegen ihre Ferkel zunächst im Nest, kehren mit ihnen jedoch nach ein bis zwei Wochen zum Familienverbund zurück. Die Ferkel werden insgesamt etwa vier Monate von der Mutter gesäugt. 

Sau mit Ferkeln im Stroh
Sau mit Ferkeln © Foto: Budimir Jevtic/stock-adobe.com

Zucht 

Die überwiegende Mehrheit der Sauen in Deutschland sind sogenannte Muttersauen, deren Ferkel gemästet und anschließend geschlachtet werden. Hier ist das Zuchtziel klar definiert. Die Schweine sollen schnelles Wachstum mit einem hohen Magerfleischanteil aufweisen. Das extreme Wachstum gepaart mit den mangelhaften Haltungsbedingungen und starkem Bewegungsmangel bedingt viele Erkrankungen des Bewegungsapparats und des Herzkreislaufsystems der Schweine.  

Hier finden Sie weitere Informationen zum Thema Mastschweine

Die eigentliche „Zucht“, das heißt die Auswahl von besonders geeigneten Tieren und Zuchtlinien, findet in wenigen Spezialbetrieben statt. Hier werden spätere Muttersauen und zu einem geringen Teil auch Zuchteber erzeugt. Da Sauen, die für die Ferkelproduktion gehalten werden, nur circa 2,5 Jahre mit einer hohen Fruchtbarkeitsleistung genutzt werden können, müssen sie regelmäßig durch Jungtiere ersetzt werden. Diese Tiere werden streng nach guter Fruchtbarkeit, hoher Zitzen- und Ferkelanzahl sowie Milchmenge selektiert. Ein Beispiel für diese Zuchtziele ist die Steigerung der Anzahl der Ferkel pro Sau. Die durchschnittliche Wurfgröße liegt mittlerweile bei 16 Ferkeln. Daraus entstehen vielfältige Probleme. Die Sauen können oft nicht mehr alle Ferkel säugen, da die Anzahl der funktionsfähigen Zitzen überschritten wird. Die „überschüssigen“ Ferkel müssen aufwändig von anderen Muttersauen, sogenannten Ammen gesäugt oder sogar von künstlichen Ammen ernährt werden. Unabhängig von der Säuge-Problematik ist der Anteil lebensschwacher Ferkel bei diesen großen Würfen deutlich gesteigert, wodurch die Sterblichkeit der Ferkel mit der Wurfgröße deutlich ansteigt.

Haltungsbedingungen

Im kompletten Gegensatz zu den natürlichen Grundbedürfnissen der Schweine stehen die Lebensbedingungen der Muttersauen in der konventionellen Ferkelproduktion. Annähernd ihr halbes Leben verbringen die Sauen in engen Metallkäfigen, in denen kaum mehr als Aufstehen und Hinlegen möglich ist. Stroh sehen die meisten Tiere nie, auch Umwelteinflüsse wie Sonne, Regen oder Schnee sind ihnen völlig unbekannt. Zur Vereinfachung der Arbeitsabläufe sollen alle Sauen der Gruppe möglichst gleichzeitig ihre Ferkel bekommen, weshalb die Befruchtung und Geburt teilweise mittels Gabe von Hormonen gesteuert wird. 

Das Leben einer Muttersau gliedert sich in drei Abschnitte:

Deckbereich

Bereits mit etwa sieben bis acht Monaten werden die Sauen das erste Mal künstlich besamt, Eber dienen höchstens zur Stimulation der Sauen. Zu diesem Zweck kommen die Sauen in den Deckbereich, wo sie etwa vier Wochen in den sogenannten Kastenständen verbringen. Die Größe dieser engen Käfige entspricht in etwa den Abmessungen einer stehenden Sau, sodass sie sich lediglich wenige Zentimeter vor und zurück bewegen kann. Im Liegen müssen die Tiere ihre Beine in den Nachbarkäfig strecken, um das seitliche Liegen überhaupt möglich zu machen. Diese wochenlange und extreme Einschränkung der arteigenen Bedürfnisse nach Bewegung, Sozialverhalten, Trennung von Liege- und Kotbereich, Erkundung und Ruheverhalten, verursacht besonders häufig Verhaltensstörungen wie Stangenbeißen, Leerkauen oder Trauern. Circa drei Wochen nach der Besamung wird eine Ultraschall-Untersuchung durchgeführt, um zu kontrollieren, ob die Besamung erfolgreich war. Ist sie tragend, geht es weiter zur zweiten Station, dem Wartebereich. Ist die Sau nicht tragend, wird sie erneut besamt. Wird sie dagegen mehrfach nicht tragend, wird sie „aussortiert“, das heißt geschlachtet. 

Sauen-Besamungsstation
Sauen-Besamungsstation © PROVIEH

Selbst das bundeseigene Forschungsinstitut für Tiergesundheit (Friedrich-Löffler-Institut) schreibt zur Haltung von Sauen im Kastenstand: 

„Die Haltung in Kastenständen bedeutet für Sauen eine erhebliche Einschränkung verschiedener Verhaltensweisen und birgt Risiken für Aspekte ihrer Gesundheit.“ 

PROVIEH kämpft mit der Kampagne „Lasst die Sau raus!“ für den Ausstieg aus dem Kastenstand (#LasstDieSauRaus): Lasst die Sau raus.

Wartebereich

Dies ist der einzige Lebensbereich einer Muttersau, in dem Gruppenhaltung vorgeschrieben ist. Knapp drei Monate verbringen die trächtigen Sauen hier in kleinen Gruppen, meist wieder auf Spaltenöden. Dadurch stehen die Sauen wiederum direkt oberhalb der Gülle, im Gestank ihrer eigenen Exkremente. Die Buchten sind in der Regel nicht in verschiedene Bereiche unterteilt und es mangelt an adäquatem Beschäftigungsmaterial. Da Schweine in Gruppenhaltung zunächst eine Rangordnung bilden müssen, ist diese Zusammenführung ebenso Stress für die Tiere. Um Aggressionen und schwere Verletzungen zu verhindern, bräuchten die Tiere daher viel Platz, Rückzugsmöglichkeiten und ausreichend Ablenkung durch die Umgebung. All diese Faktoren erfüllt die konventionelle Sauenhaltung nicht. Nach knapp drei Monaten wird die Sau in die dritte Station, den Abferkelstall gebracht. 

Abferkelbereich

Etwa eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin werden die Tiere in den Abferkelbereich gebracht. Dort kommen sie in den nächsten engen Metallkäfig, den sogenannten „Ferkelschutzkorb“.  Darin können sie sich weder umdrehen noch ihre Ferkel pflegen. Auch hier ist der Boden mit Spalten versehen und somit eine Trennung von Kot- und Liegebereich nicht möglich. Darüber hinaus werden aber auch die Ferkel an der gleichen Stelle geboren, wo die Sau Kot und Urin ablässt. Dieser Zustand widerspricht vollkommen dem natürlichen Bedürfnis der Sau an einem warmen, weichen und sauberen Ort zu gebären. Auch das stark ausgeprägte Nestbauverhalten kann in der konventionellen Sauenhaltung nicht ausgeübt werden. Über den gesamten Zeitraum von etwa drei bis vier Wochen, in dem die Ferkel von ihrer Mutter gesäugt werden, verbleibt die Sau in dem „Ferkelschutzkorb“. Gerechtfertigt werden diese Käfige damit, ein Erdrücken der Ferkel vermeiden zu wollen und auch die Arbeitssicherheit für die tierbetreuenden Personen zu erhöhen. Es gibt allerdings sowohl im Ausland als auch in Modellbetrieben in Deutschland zahlreiche Beispiele dafür, dass man Sauen auch ohne „Ferkelschutzkorb“ halten kann. 

Muttersau mit Ferkeln im Abferkelkorb
Abferkelkorb © PROVIEH

Sofort nach dem Absetzen der Ferkel wird die Sau zurück in den Deckbereich gebracht – der elende Rhythmus beginnt von Neuem. Die Ferkel gehen entweder im selben Betrieb in die Aufzucht und Mast oder werden zu einem anderen Betrieb transportiert.

Hier finden Sie weitere Information zum Thema Ferkel

Krankheiten/Probleme 

Die Haltung in Kastenstand und „Ferkelschutzkorb“, der Mangel an Möglichkeiten arteigenes Verhalten ausleben zu können und die hohe Leistung haben körperliche und psychische Folgen für die Sauen. Im Schnitt bekommen die Sauen nur vier bis fünf Würfe in ihrem Leben – sie werden also nur 2,5 bis 3 Jahre alt. Hauptursachen für die kurze Lebensdauer der Sauen sind mangelnde Fruchtbarkeit oder Milchmangel in Verbindung mit verschiedenen Krankheiten. Dabei können Schweine in der Natur bis zu 15 Jahre alt werden.  

Verhaltensstörungen 

Muttersau mit Ferkeln
Sau mit Ferkeln © PROVIEH

Auf Grund der Haltungsbedingungen entwickeln die Sauen verschiedene stereotype Verhaltensweisen wie Stangenbeißen, Leerkauen und „Trauern“. Das Stangenbeißen oder Leerkauen ist besonders bei Muttersauen zu beobachten, deren Futterzufuhr beschränkt wird, weil sie nicht so schnell zunehmen sollen wie Mastschweine. Das sogenannte „Trauern“ tritt ebenfalls häufig bei Sauen auf und meint die völlige Teilnahmslosigkeit in Sitzhaltung als Reaktion auf die starken Einschränkungen arteigener Verhaltensweisen. Diese krankhaften Verhaltensweisen kommen fast ausschließlich bei Sauen vor, die in konventionellen Systemen, in Kastenstand und „Ferkelschutzkorb“ gehalten werden.  

Haltungs- und zuchtbedingte Krankheiten

Außerdem führen die Haltungsbedingungen auch zu einem erhöhten Risiko für körperliche Erkrankungen der Tiere. Eine besonders weit verbreitete Krankheit ist der sogenannte Mastitis-Metritis-Agalaktie-Komplex (MMA) (Gesäugeentzündung, Gebärmutterentzündung, Milchmangel). Dieser gilt als „Berufskrankheit“ der Muttersauen, mit einer Häufigkeit, die je nach Betrieb zwischen 5 und 30 Prozent liegt. In Extremfällen können aber auch bis zu 80 Prozent der Tiere eines Bestandes betroffen sein. Bei dieser infektiösen Krankheit wird durch eine Entzündung des Gesäuges weniger oder gar keine Milch mehr produziert. Dies ist nicht nur äußerst schmerzhaft für die Sau, es führt auch zu einer Unterversorgung der Ferkel, die bei zu spätem Eingreifen bis zum Tod führen kann. Gruppenhaltung trägt nachweislich zu einer Verringerung von MMA bei.  

Hormoneinsatz

Um das Management für die Sauenhalter zu vereinfachen, wird bei etwa jeder dritten Muttersau in Deutschland die hormonelle Zyklussynchronisation durchgeführt. Dabei bekommt eine Gruppe von Sauen das Hormon PSMG (Pregnant Mare Serum Gonadotropin), was nach wenigen Tagen die Brunst auslöst. So können diese Sauen alle gleichzeitig besamt werden, was zu einer Vereinfachung von Betriebsabläufen, einem höheren Erfolg der Besamung und insgesamt größeren Würfen führt. Dieses Hormon wird aus dem Blut trächtiger Pferde gewonnen, die größtenteils in Südamerika unter sehr schlechten Bedingungen gehalten werden. Für die Gewinnung des Hormons werden den Pferden in geringen Abständen große Mengen Blut entnommen, was sie sehr schwächt. Darüber hinaus wird der Tod der ungeborenen Fohlen nicht nur in Kauf genommen, er wird teilweise sogar absichtlich herbeigeführt, da das Hormon nicht in der gesamten Trächtigkeit produziert wird.   

Auch zur Einleitung der Geburt werden teilweise Hormone eingesetzt. Aus Sicht vieler Sauenhalter ist dies sinnvoll, um arbeitsintensive Zeiträume (Geburtsüberwachung) an Werktagen und nicht am Wochenende stattfinden zu lassen. Offizielle Angaben, wie häufig diese Hormone in Deutschland eingesetzt werden, fehlen. 

PROVIEH fordert: 

Sofortiger Ausstieg aus der tierschutzwidrigen Kastenstandhaltung! Keine Fixierung der Muttersau. Stattdessen Nestbaumaterial und ausreichend Platz, um das Erdrücken der Ferkel zu verhindern. 

Artgerechte Säugebedingungen! Freie Abferkelung und längere Säugezeit, denn damit können gesündere Jungtiere heranwachsen und das Aufkommen von Erkrankungen verringert werden. 

Einstreu und keine Vollspaltenböden! Die Ställe müssen in Kot-, Liege- und Fressbereich unterteilt werden und mit ausreichendem und angemessenem Beschäftigungsmaterial versehen werden. Ställe mit Freilauf oder verschiedenen Klimazonen. 

Zucht auf Gesundheit und eine angemessene Anzahl der Ferkel von maximal 14 pro Sau. 

Der Ringelschwanz bleibt ganz! Kein Schwänzekürzen! Stattdessen müssen Haltung und Zucht so gestaltet sein, dass Verhaltensstörungen wie der Kannibalismus nicht mehr auftreten.  

Keine Kastration! Die Ebermast oder übergangsweise die Immunokastration bietet eine gute und schmerzfreie Alternative. 

Kein Abschleifen der Eckzähne! Haltung und Zucht müssen so gestaltet werden, dass die Kämpfe um die Zitze nicht ausarten. 


Hier finden Sie unseren Text über Muttersauen auch noch einmal mit Quellenangaben als pdf-Datei zum Download:

PDF Muttersauen
© PROVIEH