Die EU bewegt sich – doch für Millionen Tiere reicht das nicht

Die neue Tierhaltungsstrategie enthält wichtige Ansätze. Jetzt müssen verbindliche Maßnahmen folgen.

Berlin, 08.07.2026: Gestern stellte die Europäische Kommission ihre EU-Tierhaltungsstrategie vor. Darin will sie die Richtung für die europäische Tierhaltung der kommenden Jahre vorzeichnen. Aus Sicht des Tierschutzes enthält die Strategie wichtige Signale. Doch entscheidende Fragen bleiben offen. Trotz vorhandener Zeitpläne für aufgegriffene Bereiche fehlen konkrete Maßnahmen ebenso wie verbindliche Finanzierungsmodelle. PROVIEH hat das Dokument gesichtet und ordnet ein, was die Strategie für die Tiere bedeutet. 

Startschuss für eine EU-Tierhaltungsstrategie 

2024 eröffnete die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen einen strategischen Dialog, um die Zukunft der Landwirtschaft in der EU zu besprechen. Vertreter:innen aus Landwirtschaft, Lebensmittelwirtschaft, Wissenschaft und Nichtregierungsorganisationen entwickelten gemeinsam Empfehlungen – darunter die Forderung nach einer übergreifenden EU-Tierhaltungsstrategie. 

Dieser Empfehlung folgte die Europäische Kommission und kündigte 2025 an, bis zum zweiten Quartal in 2026 eine EU-Tierhaltungsstrategie vorzulegen, die die Wettbewerbsfähigkeit, Nachhaltigkeit und Resilienz der europäischen Tierhaltung stärkt, aber auch Aspekte des Tierwohls („animal welfare“) berücksichtigen wird. 

Vorstellung der EU-Tierhaltungsstrategie 

Mit geringer Verzögerung wurde die EU-Tierhaltungsstrategie nun am 07. Juli von der Europäischen Kommission vorgestellt. Sie setzt darin die langfristige Vision für die Landwirtschaft, um eine resiliente, wettbewerbsfähige und nachhaltige Tierhaltung in der EU zu verfolgen.  

Zu den zentralen Zielen gehören: 

  1. ein resilientes Tierhaltungssystem gegen Krisen und Klimawandel,  
  1. erhöhte Wettbewerbsfähigkeit, 
  1. Transformation durch Stärkung des Tierwohls und Reduktion des klimatischen und umweltbezogenen Einflusses,  
  1. Berücksichtigung regionaler Unterschiede innerhalb der EU, 
  1. Förderung entsprechender Bestrebungen, vor allem im Bereich Tierwohl, die von Verbraucher:innen anerkannt werden. 

Letztendlich kommt es jedoch darauf an, ob diesen Zielen konkrete politische Maßnahmen folgen. 

Hoffnung für Tiere in Käfigen 

Besonders erfreulich ist, dass die Europäische Kommission ausdrücklich auf die Europäische Bürgerinitiative „End the Cage Age“ Bezug nimmt. Damit erkennt sie den Wunsch von Millionen Menschen an, die Käfighaltung in Europa zu beenden. Die Strategie sieht vor, Betriebe beim Umstieg auf käfigfreie Haltung mit Übergangsfristen und finanzieller Unterstützung zu begleiten. Der Fokus liegt dabei auf solchen tierhaltenden Bereichen, in denen ein Übergang zu käfigfreien Haltungsformen machbar sei. Welche dies genau sind, bleibt an dieser Stelle in der Strategie unbeantwortet. 

Positiv ist, dass die Kommission plant, bis Ende diesen Jahres die Tierschutzvorschriften für Legehennen und Masthühner zu überarbeiten. Neben dem Ausstieg aus der Käfighaltung sollen das Kükentöten beendet und Tierschutzindikatoren auf den Betrieben eingeführt werden. Auch in der Schweinehaltung sind Änderungen bis zum zweiten Quartal in 2027 vorgesehen: Kastenstände sollen durch Buchtenhaltung ersetzt und ebenfalls Tierschutzindikatoren eingeführt werden. Dass diese Regelungen EU-weit gelten werden, ist ein wichtiger Ansatz, den auch die Kommission hervorhebt. Es unterstreicht, wie wichtig es ist, national im Tierschutz, wie beispielsweise beim Verbot des Kükentötens, voranzugehen, um auch das Signal für eine EU-weite Regelung zu setzen. 

Ein grober Zeitplan steht damit fest, der nun konkretisiert und in die Tat umgesetzt werden muss. 

Mehr Tierwohl braucht verlässliche Finanzierung 

Viele landwirtschaftliche Betriebe stehen wirtschaftlich unter Druck. Investitionen in tiergerechtere Ställe sind oft mit hohen Kosten verbunden. Die Europäische Kommission erkennt dieses Problem an und betont, dass höhere Tierschutzstandards langfristig auch wirtschaftliche Vorteile bringen können, Krankheitsausbrüche reduzieren und eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz fördern. 

Finanziert werden sollen notwendige Umbauten unter anderem über Mittel der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP). Wie diese Unterstützung konkret aussehen soll und ob sie tatsächlich ausreicht, bleibt jedoch offen. Das betrifft auch kleinere und mobile Schlachtbetriebe, die laut der Strategie eine gute Möglichkeit zur Unterstützung des Tierschutzes und lokaler Ökonomien sein können.Hierfür braucht es aber ebenso klare Unterstützungsmöglichkeiten. 

Weniger Tiere – aus Sicht der Kommission ein Problem 

Kritisch hebt die Kommission den Rückgang der Tierzahlen in der Landwirtschaft hervor. So ist die Zahl der gehaltenen Schweine in Deutschland innerhalb der letzten zehn Jahre um 22 Prozent gesunken. Aus Sicht der Kommission soll dieser Trend möglichst gestoppt werden. 

Aus Tierschutzsicht greift diese Betrachtung mit Verweis auf die ökonomische Wichtigkeit der europäischen Landwirtschaft jedoch zu kurz. Denn entscheidend ist nicht allein, wie viele Tiere gehalten werden, sondern unter welchen Bedingungen sie leben müssen. Noch immer lebt ein Großteil der Tiere in großen Beständen und belastenden Zuständen. Hohe Tierzahlen erhöhen unter anderem das Risiko für Krankheitsausbrüche und den Einsatz von Antibiotika. Ein Umbau und Abbau der Tierbestände wäre daher notwendig. 

Mehr Transparenz für Verbraucher:innen 

Die Kommission möchte Verbraucher:innen ermöglichen, informierte und bewusste Kaufentscheidungen zu treffen. Nur wenn Verbraucher:innen höhere Tierschutzstandards bewusst sind und dafür auch bezahlen, könnten die damit verbundenen höheren Aufwandskosten für die Betriebe unter anderem gedeckt werden. Ein vorgeschlagenes Gütesiegel, das Kriterien zur Aufzucht und Schlachtung enthalten sowie auf höhere Tierschutzstandards hinweisen könnte, soll allerdings freiwillig bleiben. Dabei bliebe die tatsächliche Wirkung solch eines Labels sehr begrenzt, wenn nicht alle Teilnehmer:innen dazu verpflichtet wären. 

Unser Fazit 

PROVIEH begrüßt, dass die Europäische Kommission die EU-Tierhaltungsstrategie nun vorgelegt hat und zentrale Tierschutzthemen wie die Käfighaltung, das Kükentöten oder die Verbesserung der Schweinehaltung ausdrücklich aufgreift. Gleichzeitig bleiben wichtige Tierschutzthemen außen vor. So fehlen unter anderem Aussagen zur Käfighaltung von anderen Tierarten wie Kaninchen oder zum Verbot schmerzhafter Eingriffe ohne Betäubung. Vor allem aber mangelt es der Strategie an Konkretisierungen, verbindlichen Maßnahmen und einer klaren Finanzierung. 

Für die Tiere reicht es nicht aus, grobe Ziele zu formulieren. Damit sich ihr Leben tatsächlich verbessert, müssen aus Absichtserklärungen verbindliche Maßnahmen werden. Nur mit klaren Vorgaben, ausreichender finanzieller Unterstützung und einem verbindlichen Zeitplan kann die EU-Tierhaltungsstrategie ihrem Anspruch gerecht werden und einen echten Fortschritt für Millionen Tiere in Europa bringen. 

Sophie-Madlin Langner 


Weiterführende Informationen 

End The Cage Age | PROVIEH 

Lasst die Sau raus! | PROVIEH 

Nach dem Verbot des Kükentötens | PROVIEH 

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