Tagung der Tierärztlichen Plattform für Tierschutz in Oesede

Die Tierärztliche Plattform Tierschutz (TPT) eint als Bündnis fünf etablierte Tierärzteverbände, um sich als Allianz von Tierärzt:innen speziell dem Tierschutz anzunehmen: die Bundestierärztekammer und der Bundesverband der beamteten Tierärzte, der Bundesverband praktizierender Tierärzte, die Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft und die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz. Das Bündnis wurde vor drei Jahren gegründet, um als Tierärzteschaft den konstruktiven und sachlichen Dialog über Tierschutz zu fördern, ein Tierschutzverständnis aus tierärztlicher Sicht zu manifestieren und die Rolle der Tierärzteschaft im Tierschutz zu verdeutlichen und zu präzisieren. Jährlich finden im Rahmen dieser Allianz Symposien statt, um sich als Tierärzteschaft unter Einbeziehung breiter Gesellschaftsgruppen und externen Redner:innen bestimmten Tierschutzthemen anzunehmen. 

Vom 25. bis 26. Juni fand die dritte Tagung der TPT als Hybridveranstaltung zum Thema „Nutztierhaltung im Spannungsfeld von Ziel- und Interessenskonflikten“ statt. Stellvertretend für PROVIEH nahm als Fachreferentin für den Nutztierschutz Anne Hamester an der Tagung teil, diskutierte zwei Tage lang von früh bis spät und kam mit neuen Perspektiven, wertvollen Kontakten und aussichtsreichen Projekten zurück nach Kiel. 

Wegweisende Diskussionen 

Der Schwerpunkt der Tagung zur Nutztierhaltung lag auf tierschutzrelevanten Problemen und Lösungsansätzen bei Rindern. Strukturiert wurde die Tagung durch fachliche Vorträge mit jeweils anschließender anregender Diskussion, die jedes Mal strikt unterbunden werden musste, weil sie kein Ende nehmen wollten. 
Vorträge und Diskussionen gaben einen Rundumblick auf die betriebs- und praxisnahenahe, politische und ökonomische und sogar ethische Dimension der Nutztierhaltung und Rinderhaltung im Speziellen. Ein Milchviehhalter und eine praktizierende Hoftierärztin gaben Einblick in die Tierwohl-Situation auf Milchviehbetrieben. Hier wurden zum einen tiefgreifende und in der Breite der Betriebe vorkommende Probleme beschrieben und diskutiert. Zum anderen wurden aber auch die hohen Kosten und niedrigen Milchpreise, die vielfältigen Herausforderungen der Betriebe und die damit zusammenhängenden persönlichen Schicksale der Tierhalter:innen diskutiert. Hier war sich die Tierärzteschaft einig: das Leid von Tieren auf Betrieben spiegelt allzu häufig das Leid der Betriebsleiter:innen wider – so müsste zur Verbesserung des Tierwohls zwingend auch das Wohlergehen der Landwirt:innen verbessert werden. 

Diesen Hintergrund von Tierschutzproblemen vertiefte ein Vortrag des Thuenen-Instituts für Betriebswirtschaft, der die knappe Wirtschaftssituation auf den Höfen und die diesbezüglich große Herausforderung von echten Tierwohlsteigerungen wie Weide oder deutlich mehr Platz skizzierte. Höhere Preise oder eine politische Förderung wurden hierbei als unbedingt notwendig erachtet. Ein Mitglied des Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung verwies im Anschluss daran auf die Borchert-Empfehlungen zum Umbau der Nutztierhaltung hin zu mehr Tierwohl. Die Komplexität und Hebel dieser Transformation illustrierte ein wegweisender Vortrag einer Innovations- und Transformationsforscherin.  

Abgeschlossen wurde die Tagung mit der sogenannten Fishbowl-Diskussion, einer Methode der Diskussionsführung in großen Gruppen. Hier wurden grundlegende Ansätze zur Verbesserung von Tierschutz und Tierwohl in der Landwirtschaft diskutier sowie spezifische Hebel, Grenzen und Potenziale der Tierärzteschaft ausgeleuchtet, die zum Tierwohl beitragen könnten. Als großes Problem wurde angesehen, dass die Tierärzteschaft häufig nur als Brandlöscher zum Einsatz käme, weil sie durch die knappe, defizitäre Personalausstattung nicht präventiv arbeiten kann. Während der Tagung und in den Diskussionsrunden wurden außerdem das mangelhafte Tierschutzgesetz stark kritisiert. Der Auftrag der beamteten Tierärzt:innen sei, das Tierschutzgesetz in der Praxis zu vollstrecken und zu kontrollieren. Dadurch käme ihnen zumindest theoretisch zur Erreichung eines guten Tierschutzniveaus eine große Rolle zu. Doch wegen der unzureichenden Bestimmungen und Maßgaben des Tierschutzgesetzes, zum Beispiel hinsichtlich fehlender und defizitärer Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnungen, könnten Amtsveterinär:innen heute nur ein unzureichendes Tierschutzniveau umsetzen. Vor diesem Hintergrund sei Kritik an die defizitäre Tierwohl-Situation in der „Nutz“tierhaltung in erster Linie auch nicht den Landwirt:innen, sondern der Politik vorzuwerfen – Landwirte hielten sich an geltendes Recht.  

Zusammenfassend wurde die Tagung von allen Teilnehmenden zwar durchaus emotional, aber vollends konstruktiv, sachlich und fair sowie mit großem Engagement geführt. In den Kaffeepausen, zu den Mahlzeiten, auf dem Weg ins Hotel – die Tagung und Inhalte waren so interessant, dass die Diskussionen und anregenden Gespräche bis zur Schlafenszeit kein Ende nahmen. 
In der Fish-Bowl-Diskussion diskutierten (von links nach rechts) Dr. Michael Schimanski, leitender Amtsveterinär und Mitglied in der AG Rinder und kleine Wiederkäuer des Niedersächsischen Tierschutzplanes, Dr. Christine Bothmann, Vizepräsidentin des Bundesverbandes der beamteten Tierärzte, Anne Hamester von PROVIEH, Dr. Hartmann, Vizepräsident der Bundestierärztekammer, Dr. Maria Dayen, Tierärztliche Plattform Tierschutz und Dr. Fransky als Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz gemeinsam mit einem jeweils wechselnden Diskussionsteilnehmer über Tierwohl in der „Nutz“tierhaltung. Foto: DVG. 

Anne Hamester 

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