Wie Physikkenntnisse beim Tierschutz im Pferdesport helfen können

Pferdesport und Physik? Die Schnittmenge ist größer als es auf den ersten Blick scheint! Bei der Beurteilung von Pferden etwa spielt auch deren „Gangmechanik“ eine Rolle, beim Sattelkauf wird die Auflagefläche und damit die Druckverteilung zum Kriterium und nicht zuletzt beim Zubehör am und um den Pferdekopf spielt die Physik immer mit. Hier geht es um einwirkende Kräfte, um die Bewertung von Drücken, die Anwendung von Hebelgesetzen. Und es geht um die Frage, wie Gebisse und gebisslose Zäumungen, Reithalfter und Kopfstücke auch unter diesem rein wissenschaftlichen Gesichtspunkt zu bewerten sind, der dank messbarer Größen und nachvollziehbarer Gesetze eine wirklich belastbare Basis für eine Beurteilung liefert.  

Ausrüstung unter der Lupe 

Der Augenschein allein reicht hierzu aus mehreren Gründen nicht aus, es braucht den Blick auf die Rahmenbedingungen. Manche Ausrüstungen entfalten erst durch das Zutun des Menschen im Rahmen der Hilfengebung ihre Wirkung, andere allein durch ihre Konstruktionsweise. Daneben spielen auch Aspekte wie etwa korrekte Verschnallung, Passform und die Abstimmung zwischen dem Ausbildungsstand von Pferd und Reiter sowie der Ausrüstung eine Rolle.  

Insbesondere gilt es auch, so manches beliebte Vorurteil über Bord zu werfen: Die Auffassung etwa, gebisslose Zäumungen seien per se pferdefreundlich(-er) als solche mit Gebiss gilt als längst überholt und ist spätestens in dem Moment nicht mehr haltbar, wo man sich die teils radikal scharfe Konstruktion so mancher „pferdefreundlichen“ gebisslosen Zäumung unter dem Gesichtspunkt ihrer physikalischen Wirkung am Kopf anschaut.  

Natürlich sind einige Ausrüstungen in jedem Fall abzulehnen, weil ihre Konstruktion keine tierschutzkonforme Nutzung zulässt. Bei den meisten aber braucht es den Blick auf das große Ganze: Eine vermeintlich weiche Wassertrense wird in der Hand eines hart, ungeübt oder aggressiv einwirkenden Menschen zur Waffe, eine scheinbar scharfe Kandare unterstützt weit ausgebildete Pferde und ihre Reiter beim harmonischen Spiel mit der Schwerkraft. Weich oder scharf werden Gebisse ebenso wie gebisslose Zäumungen eben (meist) erst durch die Einwirkung des Menschen. 

Empfindsame Kopfregion 

Die Kopfregion jedes Pferdes ist aus anatomischen Gründen besonders empfindlich. Am Kopf besteht auch ein kräftiges Pferd buchstäblich fast nur aus Haut und Knochen. Lediglich eine dünne Hautschicht bedeckt den Schädelknochen, keine umfangreichen Fettpolster oder Muskelberge schützen. Große und kleine Blutgefäße laufen hier, teils deutlich sichtbar immer dann, wenn das Pferd angestrengt arbeitet. Auch viele Nerven und andere wichtige Strukturen – etwa die Speicheldrüsen und ihre Ausführungsgänge – sind im Bereich der Oberfläche unsichtbar „eingebaut“ oder verlaufen oft nur wenige Millimeter unterhalb des dünnen Fells. Es liegt auf der Hand, dass diese empfindlichen Strukturen es nicht vertragen, wenn großer oder zu lang andauernder Druck ausgeübt wird. Lange bevor die Haut darauf mit sichtbaren Spuren reagiert, leiden bereits die Nervenbahnen, werden Blutgefäße gequetscht, wird Gewebe durch den Druck und die Reibung regelrecht am darunter liegenden Knochen zerrieben. Dies verläuft optisch wesentlich weniger dramatisch als etwa ein ausgewachsener Satteldruck, aber gerade deshalb wird die Problematik oft unterschätzt. Worauf sollte der Reiter angesichts dieser anatomischen Gegebenheiten besonders achten? 

Anatomisch geschnittenes Zaumzeug 

Ein Zaumzeug
Zur Einschätzung der Hebelwirkung werden Längenverhältnis von Oberbaum und Unterbaum betrachtet. Foto: © Angelika Schmelzer

Zaumzeug muss so geschnitten sein, dass es der Anatomie des Pferdekopfes folgt und nicht auf Knochenvorsprüngen oder anderen empfindlichen Stellen drückt oder reibt (zum Beispiel Ohrknorpel oder Gesichtsleiste). Weiches, breit geschnittenes Leder ohne hervortretende Nähte oder Schnallen an der Unterseite ist zu bevorzugen. Rundgenähte Zaumzeuge sehen zwar besonders schick aus, die Auflage ist allerdings auch sehr schmal, der ausgeübte Druck verteilt sich somit nur auf eine kleine Fläche. Grundsätzlich ist immer zu prüfen, wie viel Leder tatsächlich sein muss: So manches Riemchen erfüllt keine Funktion und kann getrost weggelassen werden. Reithalfter etwa mit gleich zwei Riemchen machen auch unter dem Gesichtspunkt der Physik schlicht keinen Sinn… 

Beim Verschnallen muss die korrekte Einstellung gewählt werden. Zu locker und das Zaumzeug sitzt nicht und reibt durch seine Eigenbewegung die Pferdehaut wund. Zu fest, und der ausgeübte Druck übersteigt das verträgliche Maß. Schwer einzuschätzen sind Elemente mit eingebauter Umlenkung (zum Beispiel das. Schwedenhalfter), da die Flaschenzugwirkung kaum mehr eine gefühlvolle Dosierung zulässt. Problematisch können außerdem Bestandteile der Ausrüstung sein, die während der Arbeit unterschiedlich straff anliegen (zum Beispiel Kinnketten) oder elastische Elemente, deren Spannungsgrad sich nicht leicht einschätzen lässt. 

Hebelgesetze in Anwendung 

Pferd Trensengebiss
Ein „weiches“ Trensengebiss in Aktion – so nicht!
Foto: © Angelika Schmelzer

Archimedes, der wohl bedeutendste Mathematiker, Physiker und Techniker der Antike, formulierte selbstbewusst: „Gib mir einen Punkt, auf dem ich stehen kann und ich hebe Dir die Welt aus den Angeln!“ und erklärte so das Grundprinzip der Hebelwirkung. Hier „dreht“ sich im wahrsten Sinne des Wortes alles um einen fixen Punkt, Angelpunkt genannt. Hebel begegnen dem Reiter nicht nur in vielen Bereichen der Technik, sondern auch im Reitsport: Nämlich immer dann, wenn er ein Gebiss oder eine gebisslose Zäumung mit Hebelwirkung einsetzt, eine Kandare. Kandaren unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Wirkungsweise in zwei wesentlichen Punkten von Zäumungen ohne Hebelwirkung: Die vom Reiter über die Zügelhand ausgeübte Wirkung entfaltet sich nicht nur am Ansatzpunkt (also bei Nutzung eines Gebisses direkt im Pferdemaul, bei gebisslosen Zäumungen oft an der Nase und am Unterkiefer), sondern zusätzlich in anderen Bereichen des Kopfes. Hinzu kommt: Die Einwirkung des Reiters wird in ihrer Intensität potenziert, wobei diese Verstärkung bei gleicher Einwirkung je nach Konstruktion mehr oder weniger stark ausfallen kann. 

Bei klassischen Dressurkandaren etwa besteht das Mundstück aus einer Stange mit leichter Zungenfreiheit. Rechts und links sind feste metallene Querteile angebracht, wobei die nach oben gerichtete Verbindung zum Backenstück der Zäumung als Oberbaum bezeichnet wird. In seiner Verlängerung nimmt der Unterbaum an seinem Ende die Zügel auf. In anderen Bereichen des Reitsportes finden wir ähnlich konstruierte Gebisse mit Hebelwirkung. Auch viele gebisslose Zäumungen arbeiten, nicht immer gut zu erkennen, mit der Hebelwirkung, sind also Kandaren im weiteren Sinne. Wichtig für den Reiter ist die Frage: Was genau macht das Hebelgesetz mit seiner Zügeleinwirkung? 

Angewandte Physik 

Beispiel Dressurkandare (bei anderen Kandaren ist die Wirkweise vergleichbar): Wird durch Zügeleinwirkung das untere Ende des Unterbaums nach hinten, in Richtung Reiter bewegt, so dreht sich dabei der Oberbaum gleichzeitig nach vorne, in Richtung Pferdenase, verkürzt über das Backenstück das Genickstück und übt Druck auf das Genick aus, spannt aber auch gleichzeitig die Kinnkette und führt zu Druck in der Kinngrube. Die Ansatzstelle am Mundstück wirkt als Fixpunkt, Angelpunkt genannt. Der Angelpunkt selbst bewegt sich nicht. 

Es gilt: Je länger der Hebelarm, auf den die Kraft einwirkt (das ist der Unterbaum einer Kandare), desto größer das Drehmoment. Je länger der Oberbaum in Bezug auf den Unterbaum dabei ist, desto größer der Weg, den der Oberbaum dabei bei gleicher Einwirkung an seiner Befestigung im Backenstück zurücklegt, desto geringer die Intensitätsverstärkung durch den Hebel.  

Es kommt bei Einsatz eines Hebelgebisses also immer zu einer Verstärkung des Zügelanzugs; wie groß diese allerdings im Einzelfall ausfällt, ist zum einen von der Länge der Hebel (je länger, desto mehr), aber auch von ihrem Längenverhältnis (Länge Oberbaum zu Länge Unterbaum) abhängig. Je größer dieses ausfällt (also etwa sehr kurzer Oberbaum und sehr langer Unterbaum), desto größer fällt auch die Verstärkung aus, während ein enges Verhältnis (Unterbaum annähernd gleichlang wie Oberbaum) zu einem weicher wirkenden Gebiss führt. Klingt alles recht kompliziert, und das ist es auch – ein Grund mehr, warum der bloße Augenschein zu einer fundierten Bewertung nicht ausreicht! Sinngemäß gilt dies auch für gebisslose Zäumungen, die mit Hebelwirkung arbeiten, wenngleich die Druckpunkte hier anders ausfallen können und Ober- beziehungsweise Unterbaum nicht immer auf den ersten Blick als solche erkennbar sind. 

Physik überall! 

Bei dieser klassischen Dressurkandare ist die Hebelwirkung auch für Pferdelaien gut nachvollziehbar.
Foto: © Angelika Schmelzer

Wohin wir auch sehen am Pferdekörper: Überall finden sich Ansatzpunkte, die Gesetze der Physik erhellend zur Anwendung zu bringen! In der wissenschaftlichen Forschung in vielen Bereichen des Pferdesports bedient man sich längst dieser Herangehensweise und erhebt etwa die Stärke der Zügeleinwirkung mit einem zwischengeschalteten Messinstrument, prüft baumlose Sättel auf punktuell an der Steigbügelaufhängung einwirkende Kräfte oder die entstehende Reibungswärme. Auch ganz ohne die Formeln und Gesetze der Physik im Detail zu kennen erlaubt ein prüfender Blick auf viele Ausrüstungsgegenstände Rückschlüsse auf ihre physikalische Wirkung am Pferd und damit auf die Frage, ob und unter welchen Umständen sie ohne Schadwirkung und damit ohne Tierschutzrelevanz eingesetzt werden können – oder eben nicht. 

Angelika Schmelzer 

erschienen im PROVIEH-Magazin „respektiere leben.“ 03-2021