Bundestagswahl 2021

“Nutz”tierschutz jetzt!

Anstatt das Tierwohl als Alleinstellungsmerkmal einer hervorragenden Haltung anzustreben, produziert Deutschland nach wie vor auf Masse und möglichst niedrige Kosten und nimmt damit etliche Tierschutzprobleme in Kauf. So lebt der überwiegende Teil unserer “Nutz”tiere ihr ganzes Leben lang eingeengt in unstrukturierten Ställen, zu großen Gruppen und Haltungsbedingungen, die sie in der Auslebung ihrer arteigenen Verhaltensweisen massiv einschränken. Die Folge sind schwere Tierschutzprobleme wie Verletzungen, Erkrankungen, Angst und Verhaltensstörrungen. Um die Folgen der nicht tierschutzgerechten Haltung zu begrenzen, werden an den meisten Tieren Amputationen vorgenommen. So werden Schweinen die Schwänze abgeschnitten, Puten die Schnäbel kupiert und Rindern die Hornanlagen ausgebrannt, damit sie sich nicht gegenseitig verletzen. Statt die Haltungsbedingungen den Tieren anzupassen, werden die Tiere den schlechten Haltungsbedingungen angepasst. Zusätzlich zu diesen weitreichenden Haltungsproblemen leiden ein Großteil der Tiere in der Landwirtschaft unter der Zucht, den Transporten und den Schlachtbedingungen. Die meisten “Nutz”tiere wurden statt auf Gesundheit, Langlebigkeit und Robustheit gegenüber Umweltveränderungen jahrzehntelang vor allem auf eine maximale Leistung gezüchtet. Die Hochleistungsrassen sind genetisch dazu “programmiert”, möglichst schnell möglichst viel Milch, Eier oder Fleisch zu produzieren – ohne Rücksicht, ob ihr Organismus dieser Leistung standhält oder dadurch nur ein Geschlecht wirtschaftlich nutzbar ist (Eier, Milch). Neben den unzureichenden gesetzlichen und finanzpolitischen Rahmenbedingungen ist ein weiteres großes Problem die Abwesenheit einer verpflichtenden staatlichen, transparenten Haltungskennzeichnung. Erst eine solche würde den Verbraucher:innen klar und einheitlich verständlich machen, welche Haltung, Zucht, Transport- oder Schlachtbedingungen hinter dem tierischen Produkt stehen, welches sie einkaufen. Momentan ist es Konsument:innen daher kaum möglich, sich informiert für oder gegen bestimmte Systeme und damit verbundenes Tierleid zu entscheiden.  
PROVIEH fordert die Bundesregierung vor dem Hintergrund dieser weitreichenden Probleme eindringlich auf, sich endlich ernsthaft für das Wohlergehen der hier zu Lande gehaltenen “Nutz”tiere einzusetzen. 

Unsere wichtigsten Forderungen: 

1. Artgemäße Haltungsformen durch Umbau der Tierhaltung  

  • Viel Platz und Weide oder Auslauf; Mobilstallhaltung fördern  
  • Tageslicht und frische Luft  
  • Kleine, artgemäße Gruppen 
  • Voneinander abgetrennte Aktivitäts-, Fress- und Liegebereiche 
  • Kein Kastenstand in der Schweinehaltung 
  • Tiergerechte Bodenbeschaffenheit: trittsicher, trocken und plan, eine weiche Liegefläche, keine Vollspaltenböden 
  • Strukturierte Ställe zur Auslebung artgemäßen Verhaltens (Wühlen von Schweinen, Sand- und Wasserbaden sowie Picken und Scharren bei Geflügel, Beschäftigungsmaterial) 

2. Unversehrtheit – routinemäßige Amputationen verbieten 

  • Keine Anpassung der Tiere an ihr unzureichendes Haltungssystem – routinemäßiges Abschneiden, Zurechtstutzen und Ausbrennen von Hörnern, Ringelschwänzen, Schnabelspitzen und Eckzähnen beenden 
  • Das standardmäßige Kastrieren von Schweinen muss durch schonende Alternativen ersetzt werden 

3. Verbesserung von Transport und Schlachtung 

  • Möglichst kurze Transportzeiten: 4 Stunden innerhalb Deutschlands, 8 Stunden maximal 
  • Schlachttiere immer zum nächstgelegenen Schlachthof transportieren 
  • Drittlandexporte verbieten, Langstreckentransporte massiv reduzieren; Strengere Anforderungen an Beschaffenheit Transportfahrzeuge, Temperatur, Wasser- und Futterversorgung, gesundheitlicher Zustand 
  • Strengere und effektivere Kontrollen, mehr Personal in den Vollzugsbehörden 

4. Tierwohl-orientierte Zucht  

  • Zucht auf Gesundheit und Langlebigkeit statt auf kurzfristige Leistungsspitzen und auf Robustheit gegenüber Haltung, Fütterung, Klima und Krankheitserregern  
  • In einer tiergerechten und wertschätzenden Zucht sind beide Geschlechter und Nutzungsrichtungen (Milch bzw. Eier und Fleisch) im Rahmen einer Zweinutzungsrasse berücksichtigt 

5. Gesetzliche verpflichtende Haltungskennzeichnung 

  • Durch eine verpflichtende, transparente und verständliche Haltungskennzeichnung (Zucht, Haltung, Transport und Schlachtung) muss Verbraucher:innen die Chance gegeben werden, sich bei ihrem Einkauf bewusst für bessere Tierhaltungsbedingungen einsetzen zu können 

6. Rechtlich und politisch 

  • Die (Teil-) Finanzierung des grundlegenden Umbaus der “Nutz”tierhaltung 
  • Das Tierschutzgesetz und die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnungen zur Erreichung des Wohlergehens ausbauen und um alle landwirtschaftlich genutzten Tierarten erweitern 
  • Den Tierschutz ins Strafgesetzbuch aufnehmen, Kontrollen ausbauen, ein bundesweites Verbandsklagerecht einführen. Ein nationales Tierwohl-Monitoring einführen und für risikobasierte Kontrollen, Beratung und Sanktionen nutzen 
  • Regelmäßige und risikobasierte Kontrollen auf Grundlage von Tierschutzverstößen, Auffälligkeiten bei Tierkörperbeseitigungsanlagen (verendete Tiere auf Betrieb) 

Was können Sie tun? 

  • Machen Sie die Bundestagswahl am 26.09.2021 zur Tierschutzwahl – mehr Informationen zu den Tierschutzzielen der Parteien finden unten
  • Benutzen Sie bei Posts in den sozialen Netzwerken die Hashtags #BTW21 #Tierschutzwahl. 
  • Überprüfen Sie die Ausrichtung der zukünftigen Regierung während ihrer Legislatur in Bezug auf das Tierwohl und fordern Sie diese auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden.
  • Konfrontieren Sie Ihre zuständigen Abgeordneten mit unserem Forderungspapier. Das Papier zum Ausdrucken und Überreichen, zum Beispiel an Wahlständen, finden Sie hier:  

Parteienvergleich zur Bundestagswahl 2021:

Wie tierfreundlich stellen sich die etablierten Parteien auf?

Am 26. September 2021 sind in Deutschland Bundestagswahlen. Wir haben die Parteiprogramme der etablierten Parteien danach untersucht, wie tierfreundlich und tierschutz-priorisierend sie sich für die kommende Legislatur aufstellen.

Im vergangenen Jahr wurde uns durch vielfache Skandale die Perversion heutiger Nutztierhaltung vor Augen geführt: Der bundesweite „Schweinestau“ durch den Ausfall eines einzigen Tönnies-Fleischwerkes, die Tiertransporte von trächtigen Rindern in Drittstaaten wie Marokko sowie die unzähligen Transporte von nicht-abgesetzten Kälbern oder die brennende Schweinemastanlage von Alt Tellin, um nur einige Beispiele zu nennen. Doch auch unabhängig von solchen Skandalen sind die manifestierten und rechtlich zulässigen Strukturen der heutigen “Nutz”tierhaltung zu großen Teilen mit erheblichem Leid für die 12 Millionen in Deutschland gehaltenen Rinder, 27 Millionen Schweine, 2 Millionen Schafe und Ziegen sowie für die knapp 170 Millionen Legehennen, Masthühner, Puten, Enten und Gänse verbunden.

Hinzu kommt, dass die heutige industrielle Nutztierhaltung weitreichende Krisen für uns Menschen nach sich zieht. Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, wie sehr unsere sicher geglaubten beruflichen und privaten Realitäten in einem Wimpernschlag aus den Fugen geraten können. Durch die Strukturen der heutigen Tiernutzung übertragen sich Zoonosen wie das Corona-Virus Sars-2 doppelt so häufig auf den Menschen wie noch einige Jahre zuvor. Gleichzeitig trägt die industrielle “Nutz”tierhaltung maßgeblich zur Klimakrise und zum Artensterben bei. So werden in etwa 3,5 Prozent aller Treibhausgase durch die “Nutz”tierhaltung verursacht. Zum Vergleich: Die Gesamtheit an Flugreisen nimmt in etwa fünf Prozent des deutschen CO2-Fußabdruckes ein. Die Auswirkungen von Artenverlust und Klimawandel werden uns sehr wahrscheinlich schneller einholen als gedacht. Somit sind neben dem Tierleid auch die Auswirkungen auf unsere Umwelt, Ökosysteme und das Klima triftige Gründe, die Haltung von Tieren in der Landwirtschaft endlich von Grund auf neu zu denken und diese politisch umzusetzen. Leider wird der Zusammenhang dieser Krisen mit der industriellen “Nutz”tierhaltung von der Politik unangemessen wenig diskutiert.

Um einen Überblick zu geben, welche Maßnahmen die etablierten Parteien konkret zur strukturellen Verbesserung der “Nutz”tierhaltung anstreben, stellt die Grafik entsprechende Maßnahmen gegenüber, die in den Parteiprogrammen (Stand 06/2021) genannt sind. Die Übersicht verfolgt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wurde ausschließlich aus den Parteiprogrammen, nicht aber durch konkrete Anfragen der Abgeordneten, abgeleitet. Eine ausführliche Beschreibung der aufgeführten Maßnahmen kann aus dem Forderungspapier von PROVIEH zur Bundestagswahl auf unserer Website entnommen werden. Zusammenfassend sind aus Sicht von PROVIEH die Säulen der reformierten, gesetzlichen Rahmenbedingungen, die konkreten politischen Instrumente, die Transformation der Haltungsbedingungen, die strengere Regulierung von Transport- und Schlachtbedingungen sowie die Förderung von Gesundheit und Züchtung zur Verbesserung des Tierwohles entscheidend.

Anne Hamester

Anmerkung: Das Programm der Alternative für Deutschland (AfD) ist bewusst nicht in unserem Parteienvergleich enthalten, da die Partei ein menschen- und demokratiefeindliches Weltbild fördert, dass nicht mit unseren Grundsätzen vereinbar ist.

Podiumsdiskussion: „Wir haben die Wahl – Tiere nicht“ – Mitschnitt

Die Online-Veranstaltung „Wir haben die Wahl – Tiere nicht. Tierschutz nach der Bundestagswahl 2021″­ vom 03. Juni 2021 von 18.00 bis 19.30 Uhr als Mitschnitt.

Nur noch ein halbes Jahr bis zu den Bundestagswahlen: Wie steht es wirklich um den Tierschutz in Deutschland und wie soll es nach der Wahl weitergehen? Diesen Fragen haben wir uns in einer digitalen Podiumsdiskussion mit diversen Teilnehmer:innen aus der Politik gewidmet. Sehen Sie sich hier den Mitschnitt an:

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Für die Bewältigung der globalen Herausforderungen wie Biodiversitätsverlust, Klimakrise und Corona-Pandemie ist ein verantwortungsvoller Umgang mit Tieren unabdingbar.

Zwar mag Deutschland im internationalen Vergleich augenscheinlich ein fortschrittliches Tierschutzrecht haben – immerhin ist seit fast 20 Jahren der Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz verankert. Dennoch sind in allen Bereichen, in denen Tiere geschützt werden müssen, erhebliche Defizite zu beklagen. Auch die Gesellschaft ist immer weniger bereit, diese Zustände zu akzeptieren. Die Politik scheint in den letzten Jahren reagiert zu haben: Vom Verbot des Kastenstandes im Deckzentrum für Sauen, über die Empfehlungen der „Borchert-Kommission“, bis hin zu Änderungen für Versuchs- und Heimtiere. Doch wie sind diese Maßnahmen zu bewerten? Handelt es sich um substanzielle Weichenstellungen oder nur um Rhetorik und Kosmetik? Welche Probleme sehen die Parteien im Tierschutzbereich und was würden sie als erstes angehen, falls sie nach der Bundestagswahl Regierungsverantwortung übernehmen sollten?

Diese und weitere Fragen wurden am 03. Juni 2021 ab 18:00 Uhr diskutiert.


Das Bündnis für Tierschutzpolitik* lud zur digitalen Podiumsdiskussion ein.

Ablauf
18:00 Uhr: Begrüßung Femke Hustert, Sprecherin Bündnis für Tierschutzpolitik
18:05 Uhr: Keynote Dr. Simone Horstmann, Theologin und Philosophin
18:20 Uhr: Beginn der Podiumsdiskussion
19:30 Uhr: Ende der Veranstaltung 

Panel-Teilnehmer:innen
Alois Gerig, Vorsitzender des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft, CDU
Dr. Gero Hocker, Sprecher für Landwirtschaftspolitik, FDP
Renate Künast, Sprecherin für Ernährungs- und Tierschutzpolitik, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Susanne Mittag, Tierschutzbeauftragte, SPD
Dr. Kirsten Tackmann, Sprecherin für Agrarpolitik, DIE LINKE

Die Autorin und Journalistin Dr. Tanja Busse moderiert die Podiumsdiskussion.

*Das Bündnis für Tierschutzpolitik umfasst folgende Organisationen:
Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt
Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V.
Bundesverband Tierschutz e.V.
Menschen für Tierrechte – Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.
PROVIEH e.V.
VIER PFOTEN – Stiftung für Tierschutz!

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