„Aktion Bruderkalb“

Neue Wege für eine Wertschätzung aller Kälber

Nur wenn eine Milchkuh regelmäßig ein Kalb gebärt, fließt Milch. Damit haben viele Kälber im Grunde bereits mit ihrer Geburt ihren Zweck erfüllt. Das darf allerdings nicht dazu führen, dass sie als Nebenprodukt der Milch minderwertig behandelt werden. Die sogenannten Geschwisterkälber, also die überschüssigen weiblichen und vor allem männlichen Kälber der Milchkuhbetriebe, eignen sich aufgrund der einseitigen Zucht auf eine hohe Milchleistung oft schlecht zur Mast. Die Höfe, auf denen diese Kälber geboren werden, sind in aller Regel auf die Milchproduktion spezialisiert, während der Rindfleisch-Markt von Höfen bedient wird, die sich auf Fleischrinder und Bullenmast spezialisiert haben. Somit sind die meisten der langsamer zu mästenden Kälber weder auf den Milchvieh- noch auf den Bullenmastbetrieben erwünscht. Der größte Teil dieser Kälber wird daher mit 14 Tagen in die konventionelle Kälbermast verkauft – auch die Kälber aus der Bio-Produktion.

Die Kälbermast steht zwar für all das, von dem sich die Bio-Landwirtschaft gerne distanziert. Trotzdem ist es so, dass die Bio-Milcherzeugung darauf angewiesen ist, dass der konventionelle Kälbermarkt die Kälber „schluckt“, die nicht für die Erneuerung der Kuhherde gebraucht werden. Denn für diese Geschwisterkälber besteht in der Bio-Rindfleischerzeugung kein Markt, auch hier wird auf klassische Fleischrassen gesetzt. Darüber wird leider noch wenig gesprochen. Lange schien sich in der Biolandwirtschaft niemand für die Geschwisterkalbthematik verantwortlich gefühlt zu haben, doch in den letzten Monaten hat dieses Thema richtig Fahrt aufgenommen. Denn verschiedenste Beteiligte, allen voran aus der Landwirtschaft, aber auch aus landwirtschaftlicher Betriebsberatung, Fleischverarbeitung und Vermarktung machten sich gemeinsam auf den Weg, neue und potenziell nachhaltige Wege zu erschaffen, die Geschwisterkälber wertzuschätzen.

Besserfleisch ebnet wertschätzende Mast von Geschwisterkälbern

© Ingmar-Jaschok

Besserfleisch hat – im engen Austausch mit norddeutschen Berater:innen des Bio-Anbauverbandes Demeter – eine Lösung erarbeitet, wie weiteren Kälbern der Weg in die industrielle Kälbermast erspart werden kann: Das Ergebnis ist die “Aktion Bruderkalb”. Sie wagt die aktive Vermarktung von Bruderkälbern, die vor Ort auf Demeter-Milchviehbetrieben unter hohen Ansprüchen aufgezogen werden. Die Beteiligten wollen der Problematik der sogenannten „Wegwerfkälber“ entgegenwirken.

Besserfleisch unterstützt engagierte Milchviehbetriebe dabei, ihre Kälber zu behalten oder regional in artgemäßen Formen der Mast unterzubringen. Für unseren „Testballon“ haben zwei Demeterhöfe, die wir schon länger kennen, ihre Bullenkälber behalten. Schon länger vermarktet besserfleisch Geschwisterkälber, die als Ochsen mindestens zweieinhalb Jahre aufgezogen werden. Hätten wir nicht die Möglichkeit, Tiere zu einem fairen Preis abzunehmen, müssten die Höfe alle männlichen Kälber im Alter von zwei Wochen an Viehhändler verkaufen, die sie in Richtung einer intensiven Kälbermast weiterverkaufen würden.

Qualität für Mensch und Tier

Die Herausforderung in einer ordentlichen Mast der Rinder liegt zum einen in einem für das Tier optimalen Mastverfahren und zum anderen in einer für den Menschen optimalen Fleischqualität. Unser Ziel ist es, Geschwisterkälber für zweieinhalb bis dreieinhalb Jahre wertschätzend aufzuziehen. Dafür brauchen die Betriebe aber Ressourcen: Die Rinder benötigen für diese lange Zeit ausreichend Weide- und Stallfläche, Futter und Arbeitskraft – und schließlich ausreichend Geld. Es gibt bereits viele verschiedene Ansätze, wie die Höfe ihren Betrieb umgestalten könnten. Manche fühlen sich ermutigt, weniger Milchkühe halten, um dadurch mehr Platz und Futter für die Aufzucht der männlichen Nachzucht zu haben. Ein anderer Hof verzichtet auf eine eigene Mutterkuhherde zur üblichen Fleischrinderproduktion und zieht stattdessen als fester Partner Ochsen von einem Milchhof auf. Ein dritter übernimmt Kälber von Biobetrieben und zieht diese mit Ammenkühen groß.

Die Jungrinder der „Aktion Bruderkalb“ werden im Alter von etwa einem Jahr geschlachtet. Dadurch sind sie dem Kälberalter bereits entwachsen und haben mit ihren Geschwistern eine gute Zeit in den großen Ställen und auf den Hofkoppeln der Höfe gehabt, mit denen wir unsere Aktion gestartet haben. Sie wiegen in dem Alter bereits deutlich über 200 Kilogramm und hatten zeitlebens die gleichen guten Bedingungen, die die Demeterhöfe für ihre weibliche Nachzucht schaffen, mit denen sie viele Jahre als Milchkuh arbeiten möchten: weit entfernt also von der industriellen Kälbermast mit Spaltenböden und Milchaustauscher.

Noch ist Jungrindfleisch den wenigsten Menschen ein Begriff. Wir steigen mit unseren lange gereiften und weiter veredelten Fleisch-Paketen aber gleich im Gourmetbereich ein. Halbe Sachen wollen wir bei dem Thema nicht machen, weil die Landwirt:innen im ersten Jahr der Aufzucht den größten Teil der Aufzuchtkosten haben. Uns war es ein großes Anliegen, die Pakete, die Besserfleisch anbietet, möglichst durchdacht und ausgereift anzubieten, um einen Mittelweg zwischen der langfristig anvisierten Aufzucht über zwei bis drei Jahre und dem Verkauf im Alter von zwei Wochen zu etablieren.

Aktion Bruderkalb: Top oder Flop?

Als es Anfang Juni daran ging, einen Newsletter an unseren Mailverteiler zu schreiben, spürte ich einen riesigen Druck. Die Leser:innen sind mit der Geschwisterkalbthematik vertraut, weil wir ja schon länger Fleischpakete von Geschwisterochsen anbieten. Die „Aktion Bruderkalb“ war aber für alle etwas Neues. Gleichzeitig hatte ich im Hinterkopf immer wieder die Sorge, dass wir für die Vermarktung der Jungrinder angegriffen würden, oder – noch schlimmer – sich niemand für das Thema interessiert. Das Fleisch der Jungrinder liegt geschmacklich zwischen Rindfleisch von ausgewachsenen Tieren und Rosé-Kalbfleisch. Es ist also sehr viel zarter als klassisches Rindfleisch, etwas magerer und auch etwas dezenter im Geschmack. Wie würde das angenommen werden?

Innerhalb weniger Tage war alles ausverkauft. Über unsere Social-Media-Kanäle gab es super Rückmeldungen und der Demeter-Verband und auch PROVIEH und Weidefunk unterstützen unsere Aktion mit ihrer Reichweite. Sieben Geschwisterkälber konnten so auf den Höfen verbleiben, auf denen sie geboren wurden und bis zuletzt die Annehmlichkeiten der Demeter-Landwirtschaft mit Weide, Hörnern, artgemäßem Futter und Haltung im Stall, auskosten. Jedes Tier, dem wir so die industrielle Kälbermast ersparen können, ist ein Gewinn.

Mindestens genauso wichtig sind aber auch die gesammelten Erfahrungen und die entwickelten Produkte, die in den nächsten Monaten unter dem Schlagwort „Hofrind“ aufgearbeitet und anschließend weitergegeben werden können, so dass nicht mehr jeder Betrieb, der etwas anders machen möchte, bei Null anfangen muss. Die Hoffnung ist, so eine Entscheidungsgrundlage zu schaffen und mehr Höfe an das Thema heranzuführen.

Durch das Vertrauen der Landwirt:innen, und die Zusammenarbeit mit einem Koch, einem Fleischer und nicht zuletzt uns und den Demeter-Beraterinnen als koordinierende Elemente konnten wir ein Projekt auf den Weg bringen, das hoffentlich dazu führt, mehr Kälbern den Verbleib auf Biohöfen zu ermöglichen.

Ingmar Jaschok

Mitarbeiter Besserfleisch

Infobox
Ingmar Jaschok ist Mitarbeiter bei besserfleisch. Er ist ein visionärer Landwirt und schreckt nicht vor Herausforderungen zurück. Bereits mit dem “Hofhuhn-Projekt” (PROVIEH-Magazin 3/2019) und jetzt mit der “Aktion Bruderkalb” schafft er echte Lösungen für große Probleme in der Landwirtschaft – mit Erfolg!

Gründerin von Besserfleisch

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May-Britt Wilkens ist Gründerin und Inhaberin des kleinen Unternehmens „besserfleisch“ in Hamburg. Besserfleisch setzt auf Weidehaltung, möchte verantwortungsvolle Bauern mit fairen Preisen fördern und eine nachhaltige Landwirtschaft vorantreiben. Das Prinzip hinter besserfleisch ist, erst das einzelne Tier zu verkaufen und es dann zu schlachten. So wird sichergestellt, dass das ganze Tier verwertet wird. Mehr zu besserfleisch

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