Kuh plus Kalb – mehr Zeit zu zweit

Gemeinsames Projekt von PROVIEH e.V. und den Demeter HeuMilch Bauern zur kuhgebundenen Kälberaufzucht

Seit geraumer Zeit macht sich PROVIEH für die kuhgebundene Kälberaufzucht als schonendste und tierfreundlichste Aufzuchtform stark. Deshalb freut es uns ganz besonders, dass wir mit den HeuMilch Bauern ein tolles Projekt mit diesem Fokus anstoßen konnten. PROVIEH entwickelte die Kriterien und steht beratend und begleitend zur Seite.

Kälberaufzucht in Deutschland – gängige Praxis

In der Landwirtschaft hat sich über Jahrzehnte die Praxis manifestiert, das Kalb unmittelbar nach der Geburt von der Mutter zu trennen und es per Hand beziehungsweise mit Eimertränke oder Tränkeautomat aufzuziehen. Die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung regelt, welche Mindestanforderungen in der Kälberaufzucht erfüllt sein müssen. Leider kommt das dem Wohl und Schutz der Tiere kaum zu Gute und lässt am Tierschutzgedanken der Verordnung zweifeln.

Vielfach werden wirtschaftliche Gründe angegeben, warum Kuh und Kalb nach der Geburt getrennt werden: Die Milch der Kühe soll verkauft und nicht für die Aufzucht der Kälber verwendet werden. Wirtschaftliche Belange und Interessen sind allerdings nicht deckungsgleich mit denen der Tiere. Die Kälber trinken beispielsweise in den ersten Tagen nach der Geburt sechs bis acht Mahlzeiten mit einer Säugephase von jeweils sieben Minuten.

Kuh und Kalb gehören zusammen!

Kälber, die bei den Kühen trinken dürfen, durch die erwachsenen Tiere sozialisiert werden und sich somit zu gesunden und „gebildeten“ Tieren entwickeln; Kühe, die ihren Mutterinstinkt ausleben können und täglich mit dem Kalb zusammen sind - das sind die Ziele der kuhgebundenen Kälberaufzucht der Demeter HeuMilch Bauerngemeinschaft.

Die Demeter HeuMilch Bauern sind eine Erzeugergemeinschaft aus den Regionen Bodensee, Allgäu, Linzgau und Oberschwaben, die ihre Produkte regional und unabhängig vermarktet. Alle 30 Betriebe sind zertifizierte Heumilchbetriebe, die nach der biodynamischen Wirtschaftsweise arbeiten. Nach dem Vorbild der Kreislaufwirtschaft wird der Hof als ganzer Organismus gesehen und es werden nur so viele Tiere gehalten, wie auf den Flächen Futter erzeugt werden kann. Im Sommer ist Weidegang für die Kühe selbstverständlich, im Winter wird Heu verfüttert. Auf das schmerzhafte Enthornen verzichten die HeuMilch Bauern – die Kühe dürfen ihre Hörner mit Stolz tragen. Darüber hinaus hat die Erzeugergemeinschaft die mutter- und ammengebundene Kälberaufzucht seit Mai diesen Jahres zum Standard gemacht. PROVIEH e.V. hat bei der Ausarbeitung der Mutter-Amme-Kalb (MAK)-Kriterien wesentlich mitgewirkt und sich ein Bild von allen Betrieben, den rund 1.000 Milchkühen und ihrem Nachwuchs gemacht.

Die Milch, der Käse und das Fleisch, in denen zu 100 Prozent kuhgebundene Kälberaufzucht drinsteckt, werden ab dem 1. Oktober 2019 in ausgewählten Geschäften von EDEKA Südwest, Tegut und Bioläden in Baden-Württemberg, Hessen, im Saarland und in Bayern verkauft. 

Keine halbe Sachen bei den (männlichen) Kälbern – die Kriterien im Schnellcheck

Die Kriterien sollen einen Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion bezüglich der Aufzucht der Kälber leisten. Immer mehr Menschen wünschen sich, dass es den Kälbern möglich ist, für eine längere Zeit nach der Geburt aus dem Euter zu trinken.

Milch und Fleisch gehören zusammen, warum? Weil eine milchgebende Kuh auch immer vorher ein Kalb zur Welt gebracht hat, damit die Milch überhaupt fließen kann. Gerade für Milchkuhbetriebe ist es schwierig, das männliche Kalb zu behalten, deshalb wird es meist bereits nach 14 Tagen an einen anderen Betrieb zur Mast verkauft.

PROVIEH und die Demeter HeuMilch Bauern gehen hier mit der MAK-Richtlinie allerdings einen Schritt weiter: Sie gilt für alle Tiere des Betriebs, also auch für die männlichen Kälber. Jeder teilnehmende Betrieb verpflichtet sich, die Kälber für mindestens vier Wochen bei den Kühen zu lassen. Angestrebt und von fast allen bereits umgesetzt ist jedoch, dass Kuh und Kalb die ersten drei Lebensmonate miteinander verbringen können. Danach haben sich die Mägen des Kalbes soweit entwickelt, dass es mit anderen Futtermitteln ausreichend ernährt werden kann. Die männlichen Kälber bleiben also auf dem Hof und werden mit 120 Kilogramm Mindestschlachtgewicht (ca. 240 Kilogramm Lebendgewicht) zum Teil schon direkt auf dem Hof geschlachtet und vermarktet. Somit wird ihnen ein kraftraubender und strapaziöser Transport in weit entfernte Mastanlagen erspart.

Das Siegel – Garant für 100 Prozent kuhgebundene Kälberaufzucht

Ein Kalb, das bei der Kuh trinkt – das ist auf dem neuen Siegel abgebildet. Der Schriftzug „Mehr Zeit zu zweit für Kuh plus Kalb“ beschreibt die besondere Aufzuchtform der teilnehmenden Betriebe und steht gleichzeitig für die Zusammenarbeit von Tierschutz und Landwirtschaft.

Stefanie Pöpken

Die Mutter-Amme-Kalb-Kriterien in der kuhgebundenen Kälberaufzucht (MAK)

PROVIEH setzt sich für eine artgemäße Haltung von Kühen mit ihren Kälbern ein. Auf dieser Karte sehen Sie, wo sich bereits Betriebe mit Ammenkuhhaltung oder muttergebundener Kälberaufzucht in Deutschland befinden.