Zu Besuch bei 34 HeuMilch Bauern des „Kuh plus Kalb“-Projektes

Ein Reisebericht

Im August dieses Jahres besuchten Anne Hamester und ich, Kathrin Kofent, als Fachreferentinnen für Rinder bei PROVIEH die HeuMilch Bauern in Süddeutschland, um die kuhgebundene Kälberaufzucht der tollen Erzeugergemeinschaft kennenzulernen. Begrüßt wurden wir am Hof Voggenreuthe, der idyllisch zwischen Weiden, Hügeln und Wäldern liegt, von Kühen, die gemeinsam mit ihren Kälbern friedlich in der Abendsonne auf der Weide grasten. Es duftete nach frisch getrocknetem Heu und uns ging das Herz auf. Hier wurden wir herzlich vom Hofinhaber Voggenreuthes sowie dem geschäftsführenden Vorstand der HeuMilch Bauern Rolf Holzapfel und seiner Familie empfangen und der Besuch begann mit einem für die Reise typischen Abend: Bei Vesper wurde angeregt und konstruktiv bis in die Nacht über die kuhgebundene Kälberaufzucht, besonders tierfreundliche Methoden der Rinderhaltung und Umsetzungsmöglichkeiten diskutiert. Von diesem Auftakt hochmotiviert begann eine viertägige Auditierung, in der Anne und ich die 34 Milchviehbetriebe der HeuMilch Bauern besuchten und die einzigartigen, vielfältigen, herausfordernden Formen dieser besonders tiergerechten Milchviehhaltung hautnah kennenlernten.

Kuh plus Kalb – mehr Zeit zu zweit

Der Zusammenschluss der Süddeutschen Demeter-Milchviehbetriebe aus den Regionen Bodensee, Allgäu, Linzgau, Oberschwaben und dem Schwarzwald zur Erzeugung von regionalen Milch- und Fleischprodukten aus kuhgebundener Kälberaufzucht kann als wahres Leuchtturmprojekt der Rinderhaltung in Deutschland bewertet werden. Neben der besonderen Aufzucht zeichnet die HeuMilch Bauern noch weitere tierfreundliche Haltungsformen aus: Wie der Name es schon vermuten lässt, füttern die Bauern nur Heu und Getreideformen, welche besonders wiederkäuergerecht und an die Physiologie des Rindes angepasst ist. Außerdem gehören Hörner zum Rind! Bei den HeuMilch Bauern tragen alle Mütter stolz ihre Hörner und kein Kalb wird enthornt. Die wirklich einzigartige Form der Haltung, die auch die Kooperation zwischen PROVIEH und den HeuMilch Bauern hervorgebracht hat, ist jedoch die kuhgebundene Kälberaufzucht. Alle Kälber wachsen am Euter und unter der Fürsorge einer Kuh auf, das heißt, kein Kalb muss aus dem Nuckel-Eimer Ersatzmilch trinken, wie es auf konventionellen Betrieben gang und gäbe ist. Entweder ziehen die leiblichen Mütter die Kälber groß oder aber Ammen umsorgen die Kälber mit Milch und mütterlicher Fürsorge. Es kann passieren, dass Ammen manchmal bessere Muttereigenschaften aufweisen, Mütter ihr Kalb abstoßen und die Ammenkuhhaltung manchmal auch die einzig betriebswirtschaftlich oder organisatorisch realisierbare Aufzuchtform für den Betrieb ist. In jedem Fall ersetzt die Kuh den Eimer oder Tränkeautomat und die Kälber leben nicht isoliert in sogenannten Iglus, sondern genießen den körperlichen und sozial wertvollen Kontakt. Zudem bleiben bei den HeuMilch Bauern die Kälber für mindestens zwölf Wochen auf den Betrieben und werden ohne lange Transportwege in der Region vermarktet. Kein Tierkind wird also über längere Strecken transportiert. Das ist ein weiterer riesengroßer Schritt für das Tierwohl, denn für gewöhnlich gehen unzählige Kälber, auch von Bio-Betrieben, bereits nach 14 Tagen auf lange Transporte zu konventionellen Mastbetrieben im In- und Ausland.

Diese Anforderungen der Heufütterung, des Horntragens, der Weidehaltung, des Demeter-Standards in Kombination mit der kuhgebundenen Kälberaufzucht und der regionalen Vermarktung zeichnet die Haltung der HeuMilch Bauern aus. Daher begleitet und fördert PROVIEH die HeuMilch Bauern und lobt ihre einzigartige Haltungsform als Vorbild der Milchviehhaltung.

Im Rahmen dieser Zusammenarbeit wurden 2019 gemeinsam Kriterien für einen Mindeststandard dieser Aufzuchtform erarbeitet (siehe www.provieh.de/kuh-plus-kalb). Darunter fallen Anforderungen wie beispielsweise die 12-wöchige Aufzuchtzeit sowie ein besonders schonungsvolles Absetzen des Kalbes von der Kuh. Außerdem ist aus der Kooperation mit PROVIEH das erste Label für kuhgebundene Kälberaufzucht namens „Zeit zu zweit – für Kuh plus Kalb“ entstanden, unter welchem die Erzeugergemeinschaft ihre Milch- und Fleischprodukte regional vermarktet. Dieses Label gründet wiederum auf dem etablierten Mindeststandard und den damit verbundenen Kriterien. Ziel unserer Reise war es zum einen, als unabhängige Tierschutzorganisation die Einhaltung des Mindeststandards zur kuhgebundenen Kälberaufzucht zu überprüfen. Dies geschah in Form eines umfangreichen Audits eines jeden Hofes. Zum anderen sollten auf den Höfen Fortschritte, Schwierigkeiten und Herausforderungen vor Ort erkannt und besprochen werden. Dieses Wissen soll dann weiteren Höfen zugutekommen, die ebenfalls umstellen wollen.

Über 1.400 Kühe und ihre Kälber

So besuchten wir vier Tage lang von morgens bis abends alle Höfe, wo uns die offenen und freundlichen HeuMilch Bauern ihre vielfältigen Haltungsformen vorstellten. Sie führten uns durch ihre Ställe und über ihre Weiden. Wir trafen auf meist zufrieden grasende Kühe und munter herumtollende, wohlgenährte Kälber. Überwiegend herrschte das so niedliche „Bärenmarken-Braunvieh“ vor, aber auch Fleckvieh und Schwarzbunte waren dabei. Für uns ist es sehr wichtig und hat sich sehr bewährt, persönlich vor Ort zu sein und mit genügend Ruhe und Zeit alle Höfe zu besuchen. Nur so konnten wir unbezahlbare Eindrücke sammeln und die herzliche Begeisterung vieler Landwirte für dieses System und ihre Tiere spüren. Auf der anderen Seite war auch Raum, um die Sorgen und Nöte auf den Betrieben besser wahrnehmen und verstehen zu können und mit den Landwirten nach Lösungen für Problembereiche zu suchen. An allen Abenden folgten eine intensive Nachbereitung und ein reger Austausch, denn kein Hof der HeuMilch Bauern, kein Tierbestand und keine Haltungsform war wie der/die andere.

Es war ohne Zweifel herzerwärmend die Kälber mit Mutter oder Amme zu sehen. Enger Körperkontakt, Schlecken und idealerweise eine umfangreiche Zeit zu zweit für mindestens zwei bis zu 22 Stunden am Tag. Die Kälber sind in der Regel alle gesünder als bei der Eimeraufzucht und lernen sehr viel von ihren Müttern und der gesamten Herde. Doch auch diese Form der Haltung hat ihre Vor- und Nachteile. Die Landwirte müssen auch hier zwischen Tierwohl und Wirtschaftlichkeit abwägen, auch wenn das Tierwohl bei den HeuMilch Bauern Priorität hat. Denn Fakt ist nun einmal: Was das Kalb an Milch trinkt, kann der Bauer nicht mehr verkaufen. Als besonders wirtschaftlich hat sich ein System herausgestellt, bei dem die Kühe nur einmal am Tag gemolken werden und die Kälber mindestens zwölf Stunden gemeinsame Zeit mit Mutter oder Amme genießen können. Aber auch zahlreiche andere Haltungsformen haben sich betriebsindividuell bewährt, solange sie für den Landwirt noch wirtschaftlich tragbar und arbeitstechnisch leistbar sind und Stall- beziehungsweise Weideplatz verfügbar ist.

Fazit

Am Ende unserer Reise haben wir rund 1.400 Kühe und fast 700 Kälber auf den 34 unterschiedlichen Höfen gesehen. Alle besuchten Landwirte hatten ein achtsames Augenmerk auf das Tierwohl gemein. Aber so individuell wie jeder einzelne Milchviehhalter und deren Tiere sowie Betriebsstruktur, so individuell sind auch ihre Intentionen, Herangehensweisen und Konzepte zur kuhgebundenen Kälberhaltung. Einige Landwirte betreiben diese Form der ursprünglichen Kälberaufzucht bereits seit vielen Jahren oder gar Jahrzehnten. Für andere war es ein vollkommen neues Terrain. Steckte 2019 das Projekt quasi noch in den Kinderschuhen, haben sich im Sommer 2020 schon sehr gute Hofsysteme entwickelt. Selbst die „alten Hasen“ auf dem Gebiet der kuhgebundenen Kälberaufzucht sprudeln voller Ideen, um sich stets weiterzuentwickeln und noch tiergerechter zu wirtschaften. Die Reise wurde zusätzlich noch durch externe Gesprächspartner bereichert, mit denen wir über den Ausbau und Herausforderungen rund um die kuhgebundene Kälberhaltung sprachen. So unterstützt PROVIEH die Schweisfurth Stiftung in der Entwicklung eines verbandsübergreifenden Mindeststandards der kuhgebundenen Kälberaufzucht. Die Tierschutzbeauftragte von Edeka SüdWest legte die Probleme im Bereich der Fleischverarbeitung und -vermarktung für uns dar. Zuletzt wurde die Reise durch die Mitgliederversammlung der HeuMilch Bauern abgerundet, in der wir unsere Einsichten und Empfehlungen des Audits vermitteln konnten. Hier bekamen wir einen Einblick in die flache Hierarchiestruktur und offene Diskussionskultur bei den HeuMilch Bauern – denn 34 Bauern ohne eine übergeordnete Führungsposition fortführend zu einem Konsens zu bringen, das kommt schon einem Wunder nahe. Zurück im Kieler Büro haben wir die gesammelten Daten unserer Auditierung ausgewertet und in einem Resümee zusammengefasst. Noch einmal wurde deutlich, dass es nicht allein um die Einhaltung der gemeinsamen Mindeststandards ging, sondern auch zusätzlich darum, jedem einzelnen Landwirt zu ermöglichen seine Stärken und Schwächen zu erkennen und im Austausch den bestmöglichen Weg für seinen Betrieb herauszuarbeiten. Ob es nun gilt kleine Stellschrauben zu bewegen oder es sich um größere Entscheidungen handelt, wie einen neuen Stall zu bauen, den Bestand zu verkleinern oder die Betriebsabläufe umzustellen. Definitiv gibt es nicht DAS eine Konzept, aber durch unsere Auditreise konnten viele unterschiedliche Systeme intensiv und objektiv beleuchtet werden. Das übergeordnete Ziel sollte dabei immer eine möglichst lange tägliche Zeit zu zweit sowie eine sanfte Trennung des Kalbes von der Mutter/Amme sein.

Dank der monatlichen Treffen der Erzeugergemeinschaft gibt es wertvollen Raum für regelmäßigen Austausch untereinander. Dieser wird durch unsere Beobachtungen, Empfehlungen und Anregungen noch um Exkursionen, Arbeitsgruppen und ähnliches erweitert werden. So kann jeder Betrieb die für sich und seine Tiere bestmögliche Lösung herausfinden.

In den folgenden Monaten werden wir einige besonders gute Höfe vorstellen und weiter über die Entwicklung und Ausweitung des Projektes berichten.

 

Kathrin Kofent

Dieser Artikel ist im PROVIEH-Magazin "Respektiere leben." 03-2020 erschienen.

 

Ansprechpartnerin

Wenn Sie als Verbraucher*in oder als Landwirt*in Interesse an der kuhgebundenen Kälberaufzucht haben – sei es an einer Beratung, einem Netzwerk mit praktizierenden Betrieben, an Verkaufsstellen oder einer aktiven Anteilhabe, kommen Sie gern auf mich zu! Ich begleite das Projekt Kuh und Kalb als Fachreferentin für Rinder bei PROVIEH und stehe Ihnen bei jeglichen Fragen zur Seite!

 

Anne Hamester

Bachelor of Science Agrarwissenschaften

Fachreferentin für Rinder

Telefon: 0431. 2 48 28-14 

E-Mail: hamester@provieh.de