Unschätzbarer Boden

 

In einer Handvoll Wiesen- oder Ackerboden existieren mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt. Ohne das Wirken dieser Kleinstlebewesen wäre kein Leben möglich: Der Boden ist unsere Lebensgrundlage. So ist der Name unseres Planeten auch nicht zufällig gewählt: Erde. 

 

Lebendige Erde

Boden entsteht, wenn Wind und Wetter über viele Jahrtausende das nackte Gestein der Erdkruste aufbrechen und verwittern lassen. Doch erst durch die Besiedelung mit Pilzen, Algen und Mikroorganismen beginnt die eigentliche Bodenbildung. Es vergehen rund 250 Jahre, bis in unseren Breiten ein Zentimeter entsteht.

Die Artenvielfalt im Boden reicht von kleinen Säugetieren über winzige Organismen wie Nematoden, Borstenwürmer oder Springschwänze zu den Mikroorganismen. Diese machen den weitaus größten Anteil der Bodenflora und –fauna aus. Etwa 100 Billionen Bakterien und eine Milliarde Pilze leben in den oberen 30 Zentimetern eines Quadratmeters Boden. Die Bodenlebewesen zersetzen und fressen alle anfallenden organischen Substanzen und scheiden diese wieder aus. Auf diese Weise werden beständig Stickstoff, Phosphor und andere Nährstoffe im Boden freigesetzt, wovon wiederum die Pflanzen profitieren. So entsteht über die Jahre eine dunkle sehr fruchtbare Schicht: Humus. In einem gesunden Ackerboden gibt es ähnlich wie bei einem Schwamm viele Poren, die mit Luft und Wasser gefüllt sind. Diese krümelige Struktur erlaubt es Pflanzen ihn gut zu durchwurzeln und größeren Organismen ihn zu besiedeln. Humus ist von entscheidender Bedeutung für das Ökosystem Boden: Er schützt den Boden vor Erosion, speichert Wasser, gleicht Temperaturschwankungen aus und ist ein beständiger Nährstofflieferant.

 

Bodendegradation

In den letzten Jahrzehnten hat die Fläche von Ackerland kaum zugenommen. Was zunächst widersprüchlich klingt – werden doch täglich große Flächen Wald für den Ackerbau gerodet – erklärt sich dadurch, dass viele Flächen durch Degradation verloren gehen. Von Degradation spricht man, wenn durch Verwitterung, Wind- und Wassererosion, klimatische oder chemische Veränderungen der fruchtbare Oberboden abgetragen wird. Normalerweise ist das ein sehr langfristiger Prozess, doch die intensiven Bodennutzungsmaßnahmen der Menschen haben die Degradation des Bodens um ein vielfaches beschleunigt. 35 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Böden in der EU zeigen Verdichtungserscheinungen. 17 Prozent sind bereits degradiert, das heißt in ihrer Qualität deutlich verschlechtert oder zerstört. Auch die Schäden von Wind- und Wassererosion zeigen sich bereits auf vielen Millionen Hektar. Insgesamt haben Europas Böden allein durch die landwirtschaftliche Nutzung 45 Prozent an organischer Substanz verloren. Noch ist davon durch den Einsatz von Dünger kaum etwas zu spüren, doch die natürliche Fruchtbarkeit der Äcker ist gesunken. 

Immer größere und schwerere Maschinen ermöglichen es, die Äcker mit immer weniger Menschen zu bearbeiten. Doch die schweren Geräte verdichten den Boden. Die Poren im Boden werden zusammengedrückt, Wasser kann nicht mehr so gut hindurchsickern, Pflanzen und Bodenlebewesen haben Schwierigkeiten sich auszubreiten und ihnen fehlt die Luft zum Atmen. Auch das Wegnehmen von Hecken und Knicks sowie der Anbau von Monokulturen führt zu weniger Schutz und Nahrung für den Boden und damit zur Degradation.

Ein weiteres Problem ist die Versiegelung von Flächen durch den Bau von Straßen, Anlagen und Häusern sowie die Versalzung von Böden. Mit Letzterem haben vor allem warme Länder zu kämpfen, die großflächige Bewässerungssysteme einsetzen. 

 

Boden und Klima 

Der Boden und das Klima hängen zusammen; sie befinden sich in einem dynamischen Gleichgewicht. Durch den Regen werden zum Beispiel verschiedene Mineralien und Salze im Boden gelöst, die sich schlussendlich in den charakteristischen Schichten oder auf der Oberfläche ablagern. Auch die unterschiedliche Vegetation, die Tiere und Mikroorganismen spielen eine Rolle. So entstehen zusammen mit dem Klima, dem Grundgestein und der Topografie Böden von unterschiedlicher Qualität und Konsistenz. Doch auch die Beschaffenheit des Bodens wirkt sich auf das Klima aus, besonders im Hinblick auf Kohlendioxid und andere Treibhausgase. Der Boden enthält mehr Kohlenstoff als die Atmosphäre und die gesamte Erdvegetation zusammen. Grundsätzlich ist der Boden daher in der Lage zu helfen, dass die Erde sich nicht weiter erwärmt. Lesen Sie hierzu auch das Interview mit Anita Idel.

 

Möglichkeiten zum Schutz des Bodens

Es gibt viele Wege die Erosionsschäden durch die industrielle Landwirtschaft zu minimieren. In den letzten Jahren ist bei vielen Menschen das Bewusstsein für die Wichtigkeit eines gesunden Bodens gestiegen und er wird wieder umfassender betrachtet. Wichtig ist, den Boden so lange wie möglich mit schützendem Pflanzenbewuchs zu bedecken, um Erosionsschäden durch Wind und Wasser so gering wie möglich zu halten. Möglich wäre dies durch Untersaaten, Mulchen oder der Aussaat von Zwischenfrüchten mit langen und kurzen Wurzeln, um den Boden gleichzeitig zu durchlüften. Auch Hecken, Knicks, Terrassen und Balkone oder andere Kleinstrukturen können als Schutzmaßnahmen herangezogen werden. Ebenfalls sollte das Pflügen hinterfragt werden, da es fast schockartig die Lebensbedingungen für Flora und Fauna verändert und den Boden ungeschützt zurück lässt. Gute Ideen liefern Permakultur und Agroforstsysteme, wo das Zusammenleben von Menschen, Tieren und Pflanzen derart miteinander kombiniert wird, dass die Ökosysteme stabil, widerstandsfähig und zeitlich unbegrenzt funktionieren und die Bedürfnisse aller so weit wie möglich erfüllt werden. In menschlichen Zeiträumen können sich Böden nicht regenerieren. Daher ist es unschätzbar wichtig, sie zu pflegen und zu erhalten.

 

Christina Petersen

Dieser Artikel ist im PROVIEH Magazin "Umwelt Spezial" erschienen (September, 3- 2018)

 


 

Quellen:

Bodenatlas - Daten und Fakten über Acker, Land und Erde (Heinrich Böll Stiftung, 2015)

Bodenschonene Landwirtschaft (www.bodenwelten.de)

Bodenbelastung durch Landwirtschaft (Bundeszentrale für politische Bildung, 2009)

 


 

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