Schweinestau und Exportorientierung - ein Umdenken ist notwendig

Aufgrund von Platzmangel stehen viele Ferkel momentan zu lange in der Ferkelaufzucht

670.000 Schweine stauen sich aktuell in deutschen Ställen, weil die Tiere nicht geschlachtet werden können. Weil aus den sauenhaltenden Betrieben die neuen Ferkel nachdrängen, wird der Platz in den Ställen knapp. Doch anstatt die Ursachen eines aus dem Ruder gelaufenen Systems der Exportorientierung anzugehen, sucht die Branche neue Absatzmärkte in Asien.

Seit mehreren Monaten verschlimmert sich das Problem des so genannten “Schweinestaus”, weil es Corona-bedingt nicht genügend Kapazitäten in den deutschen Schlachthöfen gibt. Hinzu kommt, dass aufgrund der Afrikanischen Schweinepest (ASP) die Absatzmärkte im Ausland eingebrochen sind. Trotzdem hält die Schweinebranche an der deutschen Exportorientierung fest. Die Branche fokussiert sich weiterhin auf China und will zudem neue Märkte wie Südkorea, Japan, Vietnam oder die Philippinen erschließen.1

Das exportorientierte System der Schweinefleischproduktion in Deutschland zeigt gerade klar seine Schwachstellen. Die Aufzucht von Schweinen ist mit mittelfristigen Planungen verbunden: Bis ein Schwein geboren und schlachtreif aufgezogen ist, vergehen circa zehn Monate. Daher können kurzfristige Absatzeinbrüche nicht durch einen Stopp oder eine Unterbrechung der „Produktion“ aufgefangen werden. Am Ende leiden die Tiere in den Ställen wegen überfüllter Buchten und die Landwirte wegen stark fallender Preise.

Es braucht daher dringend eine Abkehr von der Exportorientierung der deutschen Schweineindustrie. Die internationale Abhängigkeit und der Druck, unter globalen Wettbewerbsbedingungen produzieren zu müssen, hat zu einer Abwärtsspirale beim Tierschutz und den Einkommen in der deutschen Landwirtschaft geführt. Ferkel werden aus den Anrainerstaaten nach Deutschland transportiert, weil hier wegen der verfallenden Preise die Ferkelerzeuger ihren Betrieb einstellen müssen. Regionale Landschlachter weichen großen Schlachtkonzernen, zu denen die Tiere oft über weite Strecken transportiert werden müssen. Hinzu kommen Klima- und Umweltprobleme: Die Futtermittel werden auf anderen Kontinenten produziert, für deren Anbau dort künstlich gedüngt werden muss. Die nährstoffreiche Gülle fällt hingegen bei uns an, was hier zu Überdüngung und Umweltschäden führt.

Die Orientierung auf den deutschen und europäischen Binnenmarkt und die Etablierung lokaler und regionaler Vermarktungsketten ist der Weg, der aus dem Dilemma führt. Und hierfür ist eine Reduktion der Tierzahlen unvermeidlich: weniger Tiere, die aber besser gehalten werden.  Damit tier- und umweltschutzorientierte Tierhaltung eine Chance hat und die deutsche Landwirtschaft unter diesen Vorgaben produzieren kann, muss der Binnenmarkt vor ausländischem Billigfleisch geschützt werden. Dafür braucht es ambitionierte Handelsabkommen mit hohen Tier-, Umwelt- und Arbeitsschutzstandards und Transparenz in den Lieferketten.

Die Exportorientierung basiert aber wesentlich auch auf den Gewohnheiten des Fleischverzehrs, die bei uns entstanden sind: Nur die “wertvollen” Teilstücke werden hier nachgefragt, während Innereien, Pfoten, Ohren und Schwänze ins Ausland gehen. Wir brauchen deshalb auch hierzulande Strategien zur Komplettverwertung.

PROVIEH fordert daher

  • Regionalität - Feste Ferkelerzeuger-Mäster-Beziehungen, regionale Futtermittel und Schlachtstätten. Das alles führt zu kurzen Transportwegen und einer vom Weltmarkt unabhängigeren Tierhaltung.
  • Verwertung des gesamten Tieres - Verbraucheraufklärung muss wieder das gesamte Schwein als Lebensmittel in den Fokus rücken.
  • Reduzierung der Tierzahlen – Die Tierhaltung muss wieder an die regionale Fläche gebunden werden für mehr Umweltschutz und Tierhaltungsstandards, die sich an den Bedürfnissen der Schweine orientieren.

Nicole Langebeck, 16.12.2020


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