Muss Gülle wirklich stinken?

„Klimafarming“ für gesündere Tiere und gesündere Landwirtschaft

Mannigfaltig sind die Bestrebungen, das Niveau von Landwirtschaft und Nutztierhaltung zu heben. Qualitätslabel sollen Anreize für mehr Tierwohl und gesündere Kost schaffen, Verordnungen sollen lokale Überdüngungen mit Gülle und Gärresten vermeiden (siehe PROVIEH-Magazin 3/2012), und der Einsatz von Agrargiften und Antibiotika soll auf ein vernünftiges Maß gesenkt werden. Aber wir brauchen noch mehr. Wir brauchen Ideen, deren Umsetzung Nutzen schafft für Bauern und Böden, Nutztiere und Nutzpflanzen, Gesellschaft und Umwelt. Solche Ideen gibt es, ihre Umsetzung bezeichnet das „Ithaka-Journal für Ökologie, Weinbau und Klimafarming“ als Klimafarming. Es ist gleichermaßen gut für ökologisch und konventionell wirtschaftende Betriebe. Die bisher erzielten Erfolge sind überraschend vielfältig und nachhaltig, wie im Folgenden am Beispiel der Gülleläuterung gezeigt werden soll.

Läuterung der Gülle durch Milchsäuregärung, Effektive Mikroorganismen und Pflanzenkohle

Flüssige Gülle, also solche von Schweinen und Rindern, stinkt. Urheber des Gestanks sind das Enzym Urease, das den Harnstoff des Urins in Ammoniak und Kohlendioxid (beziehungsweise Ammonium- und Karbonat-Ionen) umwandelt, und biogene (organisch erzeugte) Amine als Abbauprodukte von Proteinen. Wird Gülle ausgebracht, entweicht das leicht flüchtige Ammoniak, wird verweht auf Wälder, Moore und Gewässer und verursacht sauren Regen. Stinkende Gülle begünstigt auch die Vermehrung krankheitserregender Bakterien. Unter ihnen sind die Clostridien besonders gefürchtet wegen der Erregung von chronischem Botulismus und Rauschbrand. Die vielfältigen Gülleprobleme lassen sich auf überraschend einfache und relativ billige Weise durch ein Verfahren lösen, das als „Läuterung der Gülle“ bezeichnet sei. Bei ihm spielen Milchsäurebakterien, weitere Mikroorganismen und Pflanzenkohle eine wichtige Rolle.

Milchsäuregärung findet unter Sauerstoffausschluss statt. Schon seit Urzeiten ist sie unverzichtbar für die Herstellung von Sauerkraut, Sauerteig und neuerdings von Silage. Sie kann auch die Qualität von Gülle verbessern, denn die Milchsäurebakterien säuern die Gülle an und hindern so die Urease an ihrer Aktivität. Sie entziehen durch ihre Vermehrung den krankheitserregenden Bakterien die Lebensgrundlage, und sie benötigen Stickstoff- und Phosphorverbindungen zum Körperaufbau und geben diese nur langsam frei, wenn sie nach Ausbringung der Gülle sterben und verwesen. Geläuterte Gülle düngt Böden also viel nachhaltiger als übliche Gülle. Bei gleicher Düngewirkung kann der Gülleeinsatz stark gesenkt werden. Hans-Peter Schmidt stellte diese Erkenntnisse im Ithaka-Journal (2011) vor und gab ein Rezept zum Starten der Milchsäuregärung in Gülle: Enthält die Güllegrube nur noch rund fünfzig Kubikmeter Restgülle, werden ihr rund 300 Liter Sauerkrautsaft, 500 Liter Melasse und ein Kubikmeter Pflanzenkohle zugesetzt.

Milchsäurebakterien gehören zu den Effektiven Mikroorganismen (EM). Zu ihnen gehören sonst noch Photosynthesebakterien, Hefen, Aktinomyzeten und fermentaktive Pilzarten. Der Japaner Teruo Higa hat 1982 ihre vorteilhafte Wirkungen zufällig entdeckt und dann systematisch erforscht. In ihrer Diplomarbeit hat Claudia Rackl (2006) die Erfahrungen von Öko- und konventionellen Bauern ausgewertet, die EM in Ackerbau, Grünland und Viehhaltung eingesetzt haben. Die erzielten Erfolge sind durchweg erfreulich. Zu ihnen gehören erhöhte Fruchtbarkeit von Böden, mehr Bodenlebewesen einschließlich Regenwürmern, höhere Ernteerträge je Hektar, bessere Tiergesundheit und eine Qualitätssteigerung von Mist und Gülle. Hinzugefügt sei, dass EM auch der Entstehung von Krebs und anderen Erkrankungen entgegenwirken können.

Der dritte Stoff zur Läuterung der Gülle ist die Pflanzenkohle. Sie kann aus Holz, Maiskolben, Bambus oder anderen Pflanzen hergestellt werden. Ein Gramm dieses Mehls hat eine spezifische Oberfläche (nur indirekt messbar) von 300 Quadratmetern und kann deshalb viele Stoffe durch Adsorption (Anhaftung) an sich binden.

Guellelauterung_Grafik_Christina-Petersen

Pflanzenkohle – ihr segensreicher Weg vom Tierdarm über die Gülle in den Ackerboden

Pflanzenkohle kann direkt in die Gülle hineingerührt werden, aber viel effektiver ist, sie vorher an Tiere zu verfüttern, so dass sie mit dem Kot in die Gülle und mit ihr auf die Felder gelangt. Auf allen drei Stationen wirkt sie segensreich. Warum, das weiß in Europa kaum jemand besser als der Tierarzt Achim Gerlach in Dithmarschen (Schleswig-Holstein), so jedenfalls die Einschätzung des Ithaka-Journals, das 2012 Gerlachs Artikel „Pflanzenkohle in der Rinderhaltung“ druckte. PROVIEH sprach mit ihm.

PROVIEH: Herr Gerlach, Ihr Artikel im Ithaka-Journal lässt erkennen, dass Sie sich nicht nur mit Milchsäuregärung und EM bestens auskennen, sondern auch mit Pflanzenkohle. Aufgrund Ihrer Erfahrungen sagen Sie, dass „der Einsatz von Pflanzenkohle sogar ein neues Zeitalter der Tierhaltung und des Schließens landwirtschaftlicher Kreisläufe bedeuten könnte“. Eine segensreiche Revolution in Tierhaltung und Landwirtschaft also, die beginnen würde mit der Verfütterung von Pflanzenkohle an Nutztiere. Warum tut sie ihnen so gut?

Gerlach: Gelangt Pflanzenkohle mit dem Futter in den Darm, adsorbiert sie dort Aminosäuren, Enzyme und viele andere Stoffe aus dem Nahrungsbrei. Aber sie kann diese Stoffe durch Desorption auch wieder freigeben. Es bilden sich Gleichgewichte zwischen Ad- und Desorption. Das lockt Darmbakterien an, die sich auf der Pflanzenkohle niederlassen, sich vom Nahrungsbrei ernähren und sich intensiv vermehren – alles zum Nutzen des Wirts. Broiler zum Beispiel wachsen bei gleicher Futtermenge schneller, wenn ihr Futter 0,2 bis 0,5 Prozent Maiskolbenkohle enthält. Der gleiche Effekt wurde bei Ziegen beobachtet, wenn ihr Futter 0,5 bis 1,0 Prozent Bambuskohle enthält. Zu viel Pflanzenkohle darf jedoch nicht verfüttert werden, weil dann zu viele Stoffe durch Adsorption gebunden und ausgeschieden werden könnten, zum Beispiel Vitamin A, das den Tieren dann fehlt.

PROVIEH: Sie schreiben, dass Pflanzenkohle auch lipophile und hydrophile (fettlösliche und wasserlösliche) Gifte adsorbieren kann, zum Beispiel das hydrophile Glyphosat, das Pflanzen tötet und auch für Mensch und Tier schon in geringen Dosen sehr giftig ist. Wird Glyphosat im Darmtrakt an Pflanzenkohle adsorbiert, kann es durch Desorption wieder frei werden?

Gerlach: Mit Desorption ist immer zu rechnen. Aber ist Glyphosat im Darm an Pflanzenkohle adsorbiert, gelangt viel von diesem Komplex bei der Kotabgabe ins Freie. Eine Entgiftung findet also definitiv statt. Ähnliches gilt auch für Kokzidien, also parasitische Einzeller aus der Gruppe der Sporentierchen, die schwere Erkrankungen bei Haus- und Nutztieren verursachen können. Ihre Vermehrungskörper sind Oozysten. Enthält das aufgenommene Futter Pflanzenkohle, wird die Ausscheidung von Oozysten deutlich gesenkt. Das mindert die Infektionsgefahr für die übrigen Tiere.

PROVIEH: Sie haben einen Praxiseinsatz von Pflanzenkohle in der Fütterung von Rindern durchgeführt. 21 Betriebsleiter nahmen teil. Die Zahl der betreuten Milchkühe lag bei durchschnittlich 150. In den Beständen kam chronischer Botulismus vor. Ist Pflanzenkohle ein gutes Therapeutikum gegen diese gefürchtete Krankheit?

Gerlach: Fast alle dieser Betriebe sind leistungsbetont. Die Kühe geben im Schnitt über 8000 Kilogramm Milch pro Jahr. Doch die Darmflora war bei den meisten dieser Rinder nicht im Gleichgewicht, erkennbar am permanenten oder häufigen Durchfall. Bei diesen Kühen kann das Gleichgewicht der Darmflora wieder hergestellt werden durch die ganzjährige Verfütterung von Pflanzenkohle und Sauerkrautlake. Letztere enthält massenhaft Milchsäurebakterien, dazu Vitamine B und C und Acetylcholin, also Stoffe, die im Mangel sind. Die Milchsäurebakterien bilden eine Reparaturflora im geschädigten Darm und verhindern so die Vermehrung der schädlichen Clostridien. Das Wiederherstellen des Gleichgewichts der Darmflora verstehe ich als Symbioselenkung. Sie ist hochwillkommen und sollte als Handlungsmaxime gelten.

Einige der von mir betreuten Betriebe liegen in botulismusgefährdeten Gebieten und waren in der Tat von chronischem Botulismus betroffen. Waren die Kühe schon sterbenskrank, half ihnen die Symbioselenkung nicht mehr. Sie half aber Kühen, die noch gesund waren oder chronischen Botulismus erst im Anfangsstadium hatten. Die ersten Erfolge zeigten sich schon nach ein bis vier Wochen nach Beginn der Behandlung: Verbesserung der allgemeinen und der Eutergesundheit, Gesundung der Darmflora und dadurch eine Verbesserung der Verdauung, erhöhte Vitalität, rückläufige Zellzahlen in der Milch und eine erwünschte Zunahme von Inhaltsstoffen in der Milch. Eine weitere Erfolgssteigerung wurde erreicht durch Verzicht auf Glyphosat-belastete Soja, wie sie üblicherweise aus Übersee kommt und als Kraftfutter an die Rinder verfüttert wird. Glyphosat schwächt die Darmflora.

PROVIEH: In Maßen verfüttert ist Pflanzenkohle also gesund für Rinder. Mit dem Kot gelangt sie in die Gülle, nimmt an deren Läuterung teil und gelangt mit der Ausbringung der Gülle auf die Felder. Welche Vorteile haben die Felder von der Pflanzenkohle?

Gerlach: Die Vorteile sind vielfältig. Pflanzenkohle adsorbiert Ammoniumkarbonat. Der Komplex dient den Pflanzen als sehr effektiver Depotdünger. Bakterienkulturen siedeln sich an der Oberfläche der Kohle an, vermehren sich und breiten sich kontinuierlich in der Umgebung aus. Das führt zu einer gewünschten Bakterienanreicherung im Boden. Pflanzenkohle kann auch gut Wasser speichern – wie ein Schwamm. Das Zusammenwirken von Tonmineralien, Pflanzenkohle und Huminsäuren bildet die Basis für harmonisches Wachsen und Gedeihen von Leben in und auf dem Boden. Die Bedeutung von Huminsäuren wird in Deutschland leider noch zu sehr verkannt.

PROVIEH: Die von Ihnen befürworteten Methoden wirken sich in der Landwirtschaft sehr positiv aus. Hat die Vermittlung dieser Methoden schon Eingang in die Lehre gefunden?

Gerlach: Zumindest in Schleswig-Holstein werden die Zusammenhänge schon vermittelt in einer Jahresgrundausbildung für konventionell oder biologisch/ökologisch wirtschaftende Landwirte und Quereinsteiger. Hauptthema ist die nachhaltige Bodenentwicklung. Sie fördert die Bodenfruchtbarkeit und damit die Gesundheit der Pflanzen, die auf diesen Böden wachsen, und die Gesundheit von Mensch und Tier, die sich von diesen Pflanzen ernähren. Renommierte Referenten vermitteln in einem drei- bis viertägigen Theoriekurs die Grundlagen, und im Frühjahr (1 Tag), Sommer (2 Tage) und Herbst (2 Tage) wird die praktische Umsetzung der Theorien in Demonstrationsbetrieben besichtigt und besprochen.

PROVIEH: Ein noch ungelöstes Problem in der Haltung von Schweinen sind Nekrosen an Ohren und unkupiertem Schwanz. Welche Maßnahmen würden Sie zur Vermeidung dieser Probleme empfehlen?

Gerlach: Ohrrandnekrosen bei Ferkeln sind mir schon lange bekannt. Bei Koppelung mit Schwanzspitzennekrosen liegt das Symptom einer Intoxikation (Vergiftung) vor. Nach dem Auftreten solcher Nekrosen bei Milchkühen konnten wir als verdächtige Substanz das Glyphosat ermitteln, das in hohen Konzentrationen in deren Urin nachgewiesen wurde. Glyphosat wirkt antibiotisch (ist patentiert), antihormonell (Kühe werden nicht tragend), bindet Mineralstoffe und Spurenelemente, sorgt also für Mangelerscheinungen, und bewirkt Missbildungen bei Kälbern. Zur Vermeidung dieser Probleme muss Futter möglichst frei von Glyphosat sein.

PROVIEH: Herr Gerlach, PROVIEH dankt Ihnen für dieses Interview. PROVIEH wird Sie nach Kräften unterstützen, die Verfütterung von Pflanzenkohle und Sauerkrautsaft an Nutztiere populär zu machen und die Vergiftung von Futter mit Glyphosat einzudämmen.

Sievert Lorenzen