Lebendrupf und Stopfleber von Gänsen und Enten in der EU – das Leid nimmt kein Ende

07.04.2011: Trotz rechtlicher Bestimmungen gibt es derzeit keinen effektiven Schutz gegen das illegale maschinelle Daunenrupfen bei lebenden Gänsen. Und die industrielle Stopflebererzeugung breitet sich weiter aus, obwohl sie eigentlich auf Regionen mit „Foie-Gras-Tradition“ beschränkt bleiben sollte.

Seit 20 Jahren kämpft Tierschützer Marcus Müller (Vier Pfoten) für Nutztierschutz. Sein Spezialgebiet war ursprünglich die Stopflebererzeugung. Aber dann kam er auf eine Gänsefarm, wo kurz zuvor Gänse lebend gerupft worden waren. Die Tiere waren nackt und blutig, einige rannten völlig verängstigt in verzweifelter Fluchtabsicht gegen die Stallwände an, so dass nicht wenige bewusstlos am Boden liegen blieben oder starben. Eine Gruppe drängte sich derart panisch in einer Ecke, dass dabei einige Tiere erdrückt wurden. Seither hat er auch der Daunenindustrie den Kampf angesagt.

Vier Mal im Jahr und bis zu 15 Mal in einem Gänseleben müssen Abermillionen Tiere weltweit diese qualvolle Lebendrupf-Prozedur über sich ergehen lassen, bevor sie geschlachtet werden. In einer eindrucksvollen Präsentation legte Marcus Müller am 7. April 2011 in der Intergruppe für Tierschutz im Europäischen Parlament (EP) in Straßburg vor Europaabgeordneten und Vertretern aus Tierschutzorganisationen dar, warum auch in der Europäischen Union (EU) – darunter auch in Deutschland – trotz des Verbotes die Gänse weiterhin solche Qualen erleiden.

Blutfedern aus Tierfabriken bringen hohe Gewinne

Zum einen liegt es am großen Verdienst, der lockt; denn Gänsedaunen bringen 21-25 Euro pro Kilo. Vor allem in mittel- und osteuropäischen Billiglohnländern wie Polen und Ungarn, aber auch in Frankreich und Deutschland lohnt sich das Geschäft – umso mehr, wenn jede bis zu 15 Mal statt nur ein Mal nach seiner Schlachtung gerupft wird.

Längst gibt es kaum noch Kleinbetriebe mit 10 bis 20 Gänsen wie früher, auch vor der Daunenproduktion hat die Industrialisierung keinen Halt gemacht: 5.000 – 10.000 Tiere sind normal, in Ungarn gibt es aber z.B. auch Farmen mit bis zu 100.000 Gänsen. Rupfmaschinen sind eigentlich nur für geschlachtete Tiere konzipiert und zugelassen, werden aber dort und anderswo illegal auch für lebende Tiere verwendet. Die Qualität der von lebenden Tieren gerupften Daunen ist  höher als die von Toten. Wo die Arbeitskräfte billig sind – u.a. auch in Drittländern wie der Ukraine, Russland und China – werden sogenannte Lebendrupfbrigaden eingesetzt. Dort schleppen Arbeiter mehrere Gänse auf einmal („büschelweise“) an den Flügeln gepackt zur Rupfvorrichtung, in der sie fixiert werden. Die Tiere leiden dabei unter großem Stress, manchmal brechen die Flügel. Gänse sind nachweislich viel sensibler als z.B. Hühner, werden aber wesentlich schlechter behandelt als selbst die malträtierten Broiler und Legehennen in Massentierhaltung.

Vorschriften liefern keinen Schutz

Die wahre Hölle ist das „Ernten“ der Daunen. Von der EU ist zwar vorgesehen, dass nur die in der Mauser „reifen“ (sowieso ausfallenden) Federn manuell ausgebürstet werden dürfen, aber das ist pure Illusion und wird nirgendwo eingehalten. Die Mauser tritt nicht einheitlich in der Herde ein und ist außerdem von verschiedenen Faktoren wie dem Wetter abhängig. Die bereits Monate im Voraus gebuchten Rupfbrigaden rücken aber am vorgesehenen Termin an und alle Tiere werden komplett gerupft, egal ob die Federn „reif“ sind oder nicht. Dabei werden auch oft bereits neu nachwachsende Federn mit ausgerissen, da auf den Mauserstatus einzelner Tiere eben keine Rücksicht genommen wird. Das Ausreißen festsitzender Federn führt häufig zu blutenden Verletzungen, so dass wegen des Infektionsrisikos obendrein Antibiotika gegeben werden müssen.

Es gibt zwar Ausnahmeunternehmen, die auf Druck von Tierschützern inzwischen keine Daunen aus Lebendrupf mehr erzeugen oder verarbeiten, sondern nur noch einmal, nach der Schlachtung rupfen. Die sind aber in der Minderzahl. Und gegen die Billigkonkurrenz der mit illegalen Methoden arbeitenden Betriebe können sie sich nur schwer behaupten. Auch PROVIEH sprach mit Daunenverarbeitern in Deutschland. Aber „Blutfedern“ aus Lebendrupf sind eben nicht leicht von den legal nach der Schlachtung geernteten unterscheidbar. Bei Zertifizierungen kann und wird wohl geschummelt. Das erschwere entsprechende Hinweise oder Etikettierungen seitens der Hersteller, hieß es. Der Endkunde merkt und weiß deshalb von alledem nichts – was ist zu tun?

Kaum tierfreundliche Alternativen

Wirklich helfen könnte nur ein wirksam umgesetztes EU-weites Erzeugungs-, Verarbeitungs- und Verkaufsverbot für Blutfedern (aus Lebendrupf) und damit gefertigten Produkten, wie beim Robbenfell. Dafür setzt sich auch PROVIEH ein. Allerdings droht auch da eine Klage in der Welthandelsorganisation. Die kanadische Klage gegen das EU-Robbenfellimportverbot von 2010 wird eine Nagelprobe für künftige Handelsstreitigkeiten, bei denen Ethik und Tierschutzanliegen eine Rolle spielen.

Am besten kauft man in der Zwischenzeit wenn überhaupt nur mit Entendaunen gefüllte Decken oder Jacken, falls man auf solche Produkte nicht verzichten kann/will. Denn Enten werden nicht lebend gerupft, da es jedes Jahr mehr als genug Schlachtenten gibt. Allerdings werden Enten selbst in der EU leider oft ohne Schwimm- oder Bademöglichkeit (bestenfalls noch mit Duschen) gehalten, was diesen Wasservögeln keinesfalls gerecht wird. Aus zertifizierter Ökohaltung sollten Daunenprodukte also schon sein, wenn man ein ruhiges Gewissen haben will - jedenfalls bis ein effektiveres Kontroll- und Sanktionssystem in der EU eingeführt ist. Ein Strafermittlungsverfahren gegen einen norddeutschen Daunenerzeuger mit Lebendrupf wurde vor einigen Jahren nach Zahlung eines Bußgeldes von 1.700 Euro eingestellt – das ist blanker Hohn statt Abschreckung, bei den Verdienstmöglichkeiten! Nichtsdestoweniger ist der Betrieb nun fast pleite, weil durch die Anzeige die Abnehmer aufgerüttelt wurden und nun lieber woanders kaufen. Anzeigen lohnt sich also trotzdem.

Foie Gras ausnahmslos aus Qualproduktion

Gar nicht ohne schlechtes Gewissen geht es laut Marcus Müller bei „Foie Gras“, der Stopfleber von Gänsen und Enten; denn auch bei den angeblich alternativ erzeugten Delikatessen aus nicht manuell oder maschinell gestopften Tiere werden diese auf jeden Fall gequält. Der Grund: Nur eine krankhaft vergrößerte Leber über 500 Gramm kann zur Erzeugung von Foie Gras verwendet werden. Diese Art des unnatürlichen Leberwachstums tritt aber nicht von selbst bei ad libitum gefütterten Tieren auf, da sie sich von allein niemals derart überfressen würden. Um eine Leberentzündung (und damit –vergrößerung) dieses Ausmaßes bei nicht gestopften Tieren hervorzurufen, müssen andere Fisimatenten angewendet werden. Beispielsweise lässt man die Tiere einige Tage lang ohne Futter völlig aushungern, dann stellt man ihnen Unmengen Futter hin, auf das sie sich gierig stürzen. Ein Wechsel von Hunger- und Überfütterungsphasen führt nämlich ebenfalls zu der bezweckten Leberentzündung, die eine für Foie Gras geeignete Fettleber liefert. Da hilft auch kein Ökosiegel, Foie Gras ist und bleibt also immer ein tierquälerisches Produkt.

In der EU erlaubt ist die Produktion angeblich nur in Regionen, wo Foie Gras eine Tradition hat. In Bulgarien sind allerdings Stopfleber-Betriebe zu besichtigen, auf deren Namensschild stolz 1999 als Gründungsjahr prangt. Lokale Tradition? Fehlanzeige! Produziert wird dort vor allem für den Export. Inzwischen gibt es dort geschätzte 2 Millionen Tieren, in Ungarn 3, in Frankreich schon etwa 50 Millionen. Die Produktion sollte sich unseres Erachtens auf Gebiete mit langjähriger Tradition von Produktion und Konsum beschränken, also selbst in Frankreich nicht flächendeckend erlaubt sein. PROVIEH wird sich daher bei der EU für eine strengere Definition der „Region mit Tradition“ einsetzen, sonst kann sich das Unwesen weiter wie bisher ausbreiten.

Europaabgeordnete werden nun den Präsidenten des EP, Jerzy Buzek, dazu auffordern, sich wenigstens für eine Verbannung von Foie Gras aus allen Restaurants und Kantinen des EP einzusetzen. Überhaupt lässt der Vorbildcharakter der EU-Institutionen oft zu wünschen übrig. PROVIEH wird es daher nicht müde, solche wie die o.g. Aktion mit eigenen Briefen zu unterstützen.

Sabine Ohm, Europareferentin