Alle Jahre wieder: Geflügelpest als Folge industrieller Massenhaltung von Geflügel

Nach Corona wieder die ersten Fälle von Geflügelpest in Norddeutschland. Ende Oktober 2020 wurden in Nordfriesland ein toter Wanderfalke, eine tote Pfeifente und ein toter Großer Brachvogel gefunden, alle drei infiziert mit einem hochpathogenen H5-Vogelgrippe-Virus. Das gleiche Schicksal traf auch einen Mäusebussard, der zur gleichen Zeit tot auf Rügen gefunden wurde. Und da Geflügelpest zuvor, Ende Juli 2020, auch in Südrussland und dem südlich angrenzenden Kasachstan gefunden wurde bei Haus- und Wildvögeln, hieß es beim Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Insel Riems (südlich von Rügen) sogleich wieder: Der Vogelzug habe das AI-Virus aus dem fernen Osten zu uns gebracht nach Art eines Staffellaufs mit AI-Viren als Staffel. Diese Leier spielt das FLI seit 1996 in immer gleicher Weise ab und veranlasst jedes Mal, dass Kreisbehörden in betroffenen Gebieten die Stallpflicht für Freilandgeflügel anordnen.

Ist dieser jährlich wiederkehrende Ritus gerechtfertigt? Oder ist der Ritus schon zu einem Dogma geworden, das einer Festung gleicht zur Abwehr von Kritik von außen? Diese Kritik von außen gibt es. Ihre Waffen sind harte Argumente, die das FLI kennt oder von Amts wegen auch kennen muss, aber dennoch nichts unternimmt für den Versuch, sie durch Gegenargumente zu entkräften. Offenbar gelingt das auch nicht. Einige von ihnen seien hier einmal wieder vorgestellt.

In Geflügelhochburgen mit einem starken Vernetzungsgrad zwischen Brut-, Mast-und Schlachtbetrieben herrscht das mit Abstand größte Risiko, dass sich aus niedrigpathogenen hochpathogene AI-Viren entwickeln können, die dann über Transporte von lebendem Geflügel, von Geflügelschlachtprodukten und von Geflügelgülle (als hochwertiger Dünger sehr geschätzt) über nah und fern verbreitet werden. Durch virushaltige Aerosole und Geflügelgülle können sich Wildvögel mit den hochpathogenen AI-Viren anstecken und sterben, und wenn sie es nicht gleich tun, sind sie zu schwach für den Weiterzug über mehr als tausend Kilometer. In beiden Fällen ist dann Schluss mit der Fernverbreitung der Virenlast. Die Geflügelindustrie ist seit Jahrzehnten nicht nur landesweit, sondern weltweit stark vernetzt, von Fernost bis Westeuropa, Afrika und Amerika.

Aus den Argumenten folgt: Sind Geflügelbetriebe frei von der Vernetzung mit anderen Geflügelbetrieben, sind sie hochgradig geschützt vor dem Eintrag von hochpathogenen AI-Viren. Das gilt auch für Betriebe mit Freilandhaltung von Geflügel. Die Aufstallungspflicht für dieses Geflügel ist also überflüssig und sachlich sinnlos, ja, sogar schädlich für diese Vögel, weil sie unter ungewohnten Überlastungsstress geraten und sich gegenseitig bekämpfen, oft mit Todesfolge, wie oft berichtet wurde.

Warum nimmt das FLI das alles billigend hin? Dafür gibt es nur einen Grund: Die Geflügelhochburgen sollen vor Verlusten geschützt werden, und dafür braucht das FLI die Wildvogelhypothese der Verbreitung von AI-Viren. Sie soll anscheinend von den AI-Problemen abzulenken, die sich die vernetzte Geflügelindustrie selbst erzeugt.

Deshalb fordert PROVIEH schon seit 1996, dass die Geflügelindustrie grundlegend umgestaltet werden muss zum Gesundheitsschutz des Geflügels.

Sievert Lorenzen

 

Anmerkungen:

1) Die Wasservögel, die an norddeutschen Gewässern überwintern, stammen aus dem Nordwesten von Russland und dem angrenzenden Norden von Skandinavien. 2) Die vorgetragenen Argumente stimmen im Grundsatz mit denen überein, die im Aufsatz "Evolution aus Ausbreitung des Vogelgrippe-Virus H5N1 Asia" zusammengefasst und in der Tierärztlichen Umschau Bd. 63 veröffentlicht wurden (Lorenzen 2008). Der Aufsatz und weitere Beiträge zum Thema sind auf der Homepage von PROVIEH verfügbar.