Serie: Ursachen von Corona und anderen Epidemien – Intensivtierhaltung. Wie kommt der Erreger vom Tier zum Menschen? 

In der Vergangenheit haben wir verschiedene Epidemien tierischen Ursprungs erlebt. Viren haben schon oft die Barriere der Arten überwunden und sind vom Tier auf den Menschen übergegangen. Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sind zweidrittel der menschlichen Infektionskrankheiten tierischen Ursprungs. 

Wie bei dem jetzigen Corona-Virus (SARS-CoV-2) hat die Wissenschaft großes Interesse daran, den Ursprung und die Übertragungswege einer Epidemie nachzuvollziehen. In der Regel stehen Wildtiere im Verdacht als Reservoir für diese Viren zu fungieren. Im weiteren Verlauf können dann domestizierte Tiere als sogenannte Zwischenwirte vom Virus befallen werden. Gerade „Nutz“tiere spielen hier eine große Rolle, da sie durch den sehr engen Kontakt und die extremen Bedingungen, unter denen die meisten „Nutz“tiere gehalten werden, eine schnelle Ausbreitung des Virus ermöglichen. Aus der „Nutz“tierpopulation kann es dann zu einer Übertragung auf den Menschen kommen. 

Beispiele hierfür sind Epidemien wie die Schweinegrippe, das MERS (Middle East Respiratory Syndrome) oder Infektionen mit dem Nipah-Virus. Die Schweinegrippe (H1N1) führte 2009 zu einer Pandemie durch die Übertragung von Schweinen auf den Menschen. Bei MERS sorgte das Dromedar 2012 für den Ausbruch einer Epidemie. Das Nipah-Virus wurde 1999 ebenfalls durch Schweine auf den Menschen übertragen. 

 

 

Welche Rolle spielt die Intensivtierhaltung bei der Entstehung von Epidemien? 

Auch wenn es bei der derzeitigen Corona-Pandemie keine Hinweise darauf gibt, dass bei uns lebende “Nutz”tiere als Überträger eine Rolle spielen, wird bei einem Blick auf vergangene Epidemien deutlich, dass unser Umgang mit Tieren und tierischen Lebensräumen die Entstehung von Epidemien begünstigt. 

Der Virologe Prof. Drosten mahnt: „Die aktuelle Lage sollte jetzt sehr überzeugend sein, notwendige Veränderungen in Angriff zu nehmen. Das Problem ist der Fleischhunger in der sich ausweitenden Gesellschaft.“ Auch der Bielefelder Epidemiologe Oliver Razum fordert, dass künftig weniger Fleisch gegessen wird, aber vor allem, dass die Zahl der Tiere in der Massentierhaltung drastisch reduziert und die Art der Haltung angepasst wird. 

Der hohe Fleischkonsum in den Industrienationen hat globale Auswirkungen. Es ist daher nicht relevant welche Tiere wir hierzulande als „Nutz“tiere halten. Der Mensch nutzt weltweit Tiere und möchte dabei möglichst kostengünstig verfahren. Schnelle Mast mit vielen Tieren pro Fläche und geringen Futterkosten - das hat Folgen:  

 

Viele Tiere auf engem Raum 

Die sogenannte Besatzdichte, also wie viele Tiere pro Quadratmeter gehalten werden, hat großen Einfluss auf die Ausbreitung von Erregern in einem Stall. Besonders viele Tiere auf engem Raum - das sind ideale Bedingungen für Erreger sich schnell auszubreiten. Weil das auch auf bakterielle Erreger zutrifft, ist der Einsatz von Antibiotika in der intensiven Tierhaltung weiterhin in großem Maße unverzichtbar. Die Entstehung von resistenten Keimen wird unter diesen Umständen stark gefördert. Das kann auch bei der Behandlung von Menschen zu großen Problemen führen. Sogenannte Sekundärinfektionen, also Infektionen zusätzlich zur Grunderkrankung, durch multiresistente Keime sorgen für deutlich schwerere Krankheitsverläufe und vermehrte Todesfälle. 

 

Zucht auf Hochleistung 

Die Zucht auf möglichst hohe Leistung bedingt eine große Anzahl von Tieren mit sehr hoher genetischer Ähnlichkeit. Hierbei spielen Kriterien wie Fleischansatz, Fruchtbarkeit, Milchleistung oder Legeleistung eine ausschlaggebende Rolle. Bei dieser Selektion auf Leistung geht den Tieren eine andere Eigenschaft verloren. Sie werden weniger robust und anfälliger für Krankheiten. Das Immunsystem korreliert in aller Regel nicht mit Leistungsmarkern, sodass sehr leistungsstarke -im Sinne der Produktion-, aber gesundheitlich schwache Tiere gezüchtet werden. Solche Tiere machen es Erregern leichter eine neue Art zu besiedeln und sich dort zu etablieren. 

 

Futtermittelimporte und Monokulturen 

Monokulturen werden zu einem erheblichen Anteil für Futtermittel der „Nutz“tiere angebaut. Um diese Nachfrage decken zu können, werden immer mehr tierische Lebensräume zerstört. Insbesondere eiweißreiche Futtermittel werden in der EU zu 80 Prozent importiert. Diese Nachfrage hat beispielsweise in Brasilien dazu geführt, dass mehr als eine Millionen Hektar Regenwald für den Sojaanbau abgeholzt wurde. Anhand dieses Beispiels wird deutlich, wie die europäische Milch- und Fleischproduktion andernorts tierische Lebensräume zerstört. Durch dieses Eindringen in bisher unberührte Habitate kann wieder ein neuer Kontakt zu bisher unbekannten tierischen Erregern entstehen und im schlimmsten Fall eine Epidemie ihren Anfang nehmen. Je weiter die Menschheit in den Lebensraum von Tieren vordringt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass neue Epidemien entstehen. 

Durch den weltweiten Handel, insbesondere von tierischen Produkten und lebenden Tieren, aber auch durch Tourismus und internationale Unternehmen, sind nicht nur die Menschen in den betroffenen Regionen gefährdet, sondern alle Menschen weltweit. Das ist spätestens jetzt durch die Corona-Pandemie deutlich geworden.  

Siehe auch https://provieh.de/corona-epidemien/wildtierhandel 

 

Fazit! 

Die Einschätzung der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ist eindeutig. Die Intensivtierhaltung, der Fleischkonsum und der Umgang mit „Nutz“tieren haben einen direkten Zusammenhang mit der Entstehung von Epidemien. Sollten wir diesen Zusammenhang missachten und in einigen Monaten einfach weitermachen wie bisher, ist es nur eine Frage der Zeit, wann das nächste Virus vom Tier auf den Menschen überspringt. Welche Eigenschaften dieses Virus dann haben wird und was das für Folgen für die Menschen haben könnte, kann keiner vorhersagen.  

Wir fordern daher ein schnelles Umdenken im Umgang mit unseren „Nutz“tieren. Wir können uns Turbohühner und Turbokühe nicht mehr leisten. Der Fortschritt liegt in gesunden Zweinutzungsrassen, die länger leben und weniger Futter brauchen. 

 

Das Ziel ist klar:  

  • Weniger Tiere pro Fläche  
  • Artgemäße Haltung 
  • Gesunde und nachhaltig Fütterung 
  • Zucht mit dem Schwerpunkt auf Robustheit und Gesundheit  

All diese Forderungen sind nur umsetzbar, wenn sich der Verbrauch tierischer Lebensmittel drastisch reduziert. An dieser Stelle ist jeder einzelne gefragt seine Gewohnheiten zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern. 

 

Sinja Funke

20.04.2020

© Startbild PORO4D/ Pixabay; oben © Hans/Pixabay