Große Bio-Verbände sagen Nein zum Kükentöten und zur Geschlechtsbestimmung im Ei



Nach Bioland und Demeter erklärte nun auch Naturland, dass die Geschlechtsbestimmung im Ei keine Alternative zum Kükentöten sein kann. Das Unternehmen gab an, stattdessen mit der Bruderhahnaufzucht auf eine ganzheitliche Lösung setzen zu wollen und hat sich zudem wie andere große Bio-Verbände in Deutschland zum Zweinutzungshuhn bekannt. PROVIEH begrüßt diese Entscheidung. 

PROVIEH kämpft seit vielen Jahren für die Etablierung des Zweinutzungshuhns und lehnt die vom Bundeslandwirtschaftsministerium vorangetriebene Lösung der In-Ovo-Geschlechtserkennung ab. PROVIEH befürwortet auch die Bruderhahnaufzucht, allerdings nur als eine Übergangslösung.

Zum Hintergrund:
Die Geflügelwirtschaft ist auf Hochleistung ausgerichtet. In getrennten „Linien“ werden auf der einen Seite Masthühner gezüchtet, die nur für das schnelle Ansetzen von Fleisch „optimiert“ sind und noch vor der Legereife geschlachtet werden. Da sich Fleischansatz und Legeleistung genetisch ausschließen, würden sie aber auch nicht genügend Eier legen. Auf der anderen Seite gibt es eine davon getrennte „Legelinie“, die aber nicht genügend Fleisch ansetzt. Jedes Jahr werden deshalb in Deutschland etwa 45 Millionen männliche Küken der Legelinien kurz nach dem Schlupf getötet.

Im Tierschutzgesetz § 1 steht, dass niemand einem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden ohne einen vernünftigen Grund zufügen darf. Am 13.06.2019 hat das Bundesverwaltungsgericht das Urteil gefällt, dass das Leben der Küken schwerer wiegt als wirtschaftliche Interessen. Übergangsweise dürfen die Küken jedoch noch getötet werden, um den Brütereien eine doppelte Umstellung zunächst auf die Bruderhahnaufzucht, dann auf die Geschlechtsbestimmung im Ei (die präferierte Lösung des BMELs) zu ersparen. Die Bundesregierung will das Kükentöten ab 2022 verbieten und hatte hierzu einen Gesetzesentwurf vorgelegt, den PROVIEH gemeinsam mit anderen Tierschutzorganisationen in einer Stellungnahme kritisch analysiert hat. Als Alternative zum Kükentöten sind in der konventionellen Landwirtschaft vorwiegend die Geschlechtsbestimmung im Ei und die Bruderhahnaufzucht die Mittel der Wahl. 

Doch weder die Geschlechtsbestimmung im Ei noch die Bruderhahnaufzucht gehen die Probleme eines aus dem Ruder gelaufenen Systems an der Wurzel an. Dazu gehören die zuchtbedingten Krankheiten, die bei den Hochleistungsrassen regelmäßig auftreten. Legehennen leiden häufig unter Osteoporose und Brustbeinveränderungen sowie Erkrankungen des Legeapparates. Hinzu kommt, dass aufgrund von Managementfehlern und Langeweile im Stall Verhaltensstörungen und Kannibalismus auftreten können. Masthühner leiden oft unter Beinschwächen, Fußballenentzündungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Diese Probleme können nur behoben werden, wenn nicht mehr die Hochleistung das vorrangige Zuchtziel ist. Zweinutzungshühnern sind robuster, wachsen langsamer und haben eine moderate Legeleistung. Der Mehraufwand der Haltung, die längere Mastdauer und die geringere Eieranzahl der Zweinutzungshühner bedeuten zwar Mehrkosten, aber die Menschen sollten bereit sein, den höheren Preis für deutlich mehr Tierschutz zu zahlen.

Bis sich das Zweinutzungshuhn flächendeckend durchgesetzt hat, wird aber noch einige Zeit vergehen. Eine artgemäße Bruderhahnaufzucht ist aus Tierschutzsicht eine deutliche bessere Alternative zum Kükentöten als die Geschlechtserkennung im Ei.

Mareike Petersen, 27.11.2020

Etwa elf Prozent aller in Deutschland produzierten Eier sind Bioeier. Bioeier sind durch die Ziffer 0 auf der Verpackung und dem Ei gekennzeichnet. Verbraucherinnen und Verbraucher sollten hier zusätzlich darauf achten, dass auch die Bruderhähne aufgezogen werden. 
Die Bio-Haltung von Legehennen ist eines der tierfreundlichsten Systeme der Eierproduktion. Die Hennen haben mehr Platz als in der konventionellen Haltung, es dürfen nur 6 anstatt 9 Hennen je Quadratmeter gehalten werden. Die Gruppengrößen pro Stall sind mit 3.000 Hennen halb so groß wie die konventionellen Haltungen. Zudem ist bei der Bio-Haltung ein Auslauf verpflichtend. Dieser gibt jeder Henne nochmals 4 Quadratmeter Platz zusätzlich. Draußen können die Tiere artgemäß Scharren, Picken, Sand- und Sonnenbaden.