Amazonischer Regen-Urwald in höchster Gefahr

Der amazonische Regen-Urwald und seine Kühlwirkung in höchster Gefahr wegen des Menschen Verlangen nach Billigfleisch


Der amazonische Regen-Urwald ist Jahrmillionen uralt und riesig. Er reicht vom Fuß der Anden bis an den Atlantik. An den Ufern entlang des amazonischen Fluss-Systems wachsen Auwälder, die jährlich bis zu zehn Meter hoch überflutet und durch mitgeführte Sinkstoffe gedüngt werden. Abseits der Auwälder, auf erhöhter Lage vor Überschwemmungen geschützt, befindet sich beiderseits des Amazonas die Terra firme (festes Land), auf der der rund vier Millionen Quadratkilometer große zusammenhängenden Regenurwald wächst mit seinen hohen und sehr hohen Bäumen. Er wächst auf einem extrem unfruchtbaren Boden und beherbergt dennoch einen extrem hohen Reichtum an Pflanzen- und Tierarten. Dieser Gegensatz von extremer Bodenarmut und extremem Artenreichtum zeugt von der ungestörten, Jahrmillionen langen Entwicklung dieses Ökosystems, das nicht einmal von Eiszeiten zerstört werden konnte wegen der Wärme am Äquator. 

Was die Natur in Jahrmillionen nicht zerstören konnte, schafft jetzt der Mensch in Jahrzehnten. Er zerstört den Hochwald der Terra firme systematisch, um das Edelholz seiner hohen und sehr hohen Bäume zu gewinnen und den Rest brandzuroden, um Weideflächen für die Rindermast und Ackerflächen für den Anbau von Soja zu gewinnen. Nach dem Auspressen des Öls aus der Soja-Ernte bleibt Sojaschrot übrig, das durch Röstung zu einem wertvolles Futter für die Massentierhaltung wird. Die Produktion von massenhaft viel Billigfleisch gilt nach wie vor als politisch korrekt nach dem Motto „Wir brauchen Fleisch für die Welt“. Doch von dieser Massenproduktion profitieren vor allem wenige riesige Agrarkonzerne, doch Natur, Mensch und Tier erleiden immer größere Schäden. Die Schadenskosten sind es, die die Produktion von Billigfleisch sündhaft teuer werden lassen. Zu diesen Kosten gehören auch die für die erzeugten Klimaschäden.

Der amazonische Hochwald in der Klimadebatte

Im amazonischen Hochwald sind riesige Mengen an Kohlenstoff gespeichert, die nach der Entwaldung irgendwann zu CO2 oxidieren, ohne dass Hochwald nachwächst. Das ist die eine Sorge in der Klimadebatte. Die andere, oft nicht genannte Sorge handelt von dem Verlust der Kühlwirkung des amazonischen Hochwaldes. In ihm ist es ganzjährig 26 bis 270 °C warm, jahreszeitliche Unterschiede sind kaum ausgeprägt. Die Luft im Wald ist mit Wasserdampf gesättigt, es ist schwül. Auf diesen Wald fallen jährlich über 2.000 Millimeter Regen. Das ist viel. Rund 30 Prozent stammen aus der Verdunstung von Atlantikwasser, die übrigen 70 Prozent stammen vom Regen-Urwald selbst: Die Bäume verdunsten Wasser, das gasförmig aufsteigt. Das tun auch winzige Schwebstoffe, die auch vom Urwald stammen und als biogene Aerosole bezeichnet werden. In den oberen, kühleren Luftschichten kondensiert das gasförmige Wasser an den Aerosolen zu Nebeltröpfchen aus, die sich zu den Wassertropfen von Regenschauern vereinen, die auf den Wald niedergehen und ihm sein verdunstetes Wasser in flüssiger Form zurückbringen.

Die Verdunstung von Wasser kostet Verdunstungsenergie. Dadurch entsteht Verdunstungskühle, wie wir aus eigener Erfahrung wissen. In den oberen, kühleren Luftschichten wird die Verdunstungsenergie als Kondensationsenergie wieder frei und erwärmt die dortige Umgebung. Ein großer Teil dieser Wärme strahlt in den Weltraum ab und ist dann weg von der Erde. So also kühlt der amazonische Hochwald täglich sich selbst und das Weltklima. Jene Wolken, die aus dem Verdunstungswasser des Atlantiks entstehen, werden vom Passatwind in das amazonische Becken hinein bis an die Hänge der Anden geweht, so dass sie spätestens dort ihr Wasser als Steigungsregen verlieren und das amazonische Fluss-System mit viel Wasser speisen. In großen Mengen (über 200.000 Kubikmeter pro Sekunde) fließt das meiste zurück in den Atlantik.

Die Kühlwirkung des amazonische Hochwaldes erlischt mit seiner Umwandlung zu Weide- und Ackerland, denn niedriger Pflanzenwuchs kann nur relativ wenig Wasser verdunsten und entsprechend wenig Verdunstungskühle erzeugen. Diese Ländereien können tagsüber leicht überhitzen und sind zunehmend auf Regen atlantischen Ursprungs angewiesen. Schwächelt der Passatwind aus jahreszeitlichen oder anderen Gründen, wird der Regen für das amazonische Weide- und Ackerland knapp, und die Sonnenwärme, die den Boden tagsüber aufheizt, kann fast nur noch nachts abgestrahlt werden. Diese Kühlwirkung ist geringer als die, die der Regenurwald schafft 

Dumm und unprofitabel ist die Nutzung von extrem unfruchtbaren Böden als Ackerland

Durch Brandrodung kann der extrem unfruchtbare Boden des amazonischen Hochwaldes kurzfristig an Fruchtbarkeit gewinnen und für den Anbau von Soja profitabel sein. Aber nach wenigen Jahren ist der Boden wieder ausgelaugt und unfruchtbar. Dann hilft auch die künstliche Düngung nicht weiter, weil sie zu schnell aus dem Boden gewaschen wird. Von einer Brandrodung zur nächsten weiterzuziehen, bringt auf die Dauer auch nichts. Was von den verlassenen Flächen schließlich übrigbleiben wird, ist eine unfruchtbare, tagsüber heiße Steppe, wie sich schon jetzt ausbreitet und, zusammen mit der allgemeinen Klima-Erwärmung, die Entstehung von Hurrikanen fördert, die in der Karibik und im Süden der USA verheerende Schäden immer größeren Ausmaßes verursachen. Man kann sich fragen, ob die Kosten für diese Schäden womöglich höher sind als die Gewinne aus der Waldvernichtung. Anscheinend wird diese Bilanzierung politisch kaum beachtet. Siegt womöglich Dummheit über Vernunft? Sind wir sehenden Auges blind geworden für den Ruin, den wir mit unserer Gier nach Billigware erzeugen?

Das amazonische Fluss-System wird jedenfalls nicht austrocknen, solange die Regenwolken atlantischen Ursprungs weiterhin vom Passatwind weiterhin in die amazonische Region geweht werden und sich dort abregnen. So werden auch die Überschwemmungswälder weiterhin gedeihen können. Nur der Hochwald auf der Terra firmewird sich nach seiner Vernichtung kaum noch aus Resten regenerieren können, denn ihm schaden trockene Hitzewellen

Mit politischer Inkompetenz  im Umgang mit BSE hat die EU die Vernichtung des amazonischen Hochwaldes forciert

Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts hat die tödlich verlaufende Rinderkrankheit BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) für helle Aufregung in der EU-Agrarpolitik gesorgt. Es hieß: Würden wir vom Fleisch solcher Rinder essen, könnten wir an einer ähnlichen Hirnkrankheit wie BSE erkranken und sterben. Diesem Schicksal erlag in Deutschland bisher niemand. Damals wurde vermutet, dass BSE werde durch Kannibalismus erzeugt, also durch Verfütterung von Tiermehl, zu dessen Herstellung auch Schlachtreste und Kadaver von Rindern benutzt wurden. Deshalb verbot die EU im Jahr 2001 kategorisch die Verfütterung von Tiermehl an Nutztiere, um uns Menschen vor jeglichem Risiko zu schützen, an einer BSE-ähnlichen Erkrankung zu sterben. Ein Null-Risiko-Leben ist doch gar nicht möglich. Blieb das politisch unbedacht? 

Die EU-Entscheidung führte jedenfalls zu verheerenden Nebenwirkungen, denn als Ersatz für Tiermehl musste Soja angebaut werden. So hat die EU die Vernichtung des amazonischen Hochwaldes mit Macht forciert und hört damit noch immer nicht auf. Mit wissenschaftlichem Namen heißt der Mensch Homo sapiens(weiser Mensch). Das Bekenntnis zur Weisheit ist die beste Möglichkeit für die Mächtigen, Massenproteste gegen die eigene Arbeit zu vermeiden.

Sievert Lorenzen

26.08.2019

Foto: anahi martinez/unsplash