30 Bauernfamilien, 1.000 Kühe und mehr „Zeit zu zweit – für Kuh und Kalb“. Ein Reisebericht von Stefanie Pöpken

Mitte Juli 2019 bin ich für vier Tage nach Baden-Württemberg und Bayern zu den Demeter HeuMilch Bauern gereist, um mir ein Bild von den Höfen und der kuhgebundenen Kälberaufzucht zu machen. Die Kriterien dazu haben wir in den Monaten davor gemeinsam ausgearbeitet. Nun ging es darum zu testen, ob sie umsetzbar sind oder noch abgeändert werden müssen.

Vom Zug in den Stall

Bereits am Anreisetag ging es mit dem Auto direkt zu den ersten fünf Höfen. Ich war sehr gespannt, wen ich dort antreffen und welche Resonanz ich bezüglich der Kriterien bekommen würde. 
Demeter schreibt seinen Bauern vor, dass ihre Kühe Hörner tragen sollen. Das kann ich hiermit bestätigen. Stolze horntragende Kühe, in jedem Stall beziehungsweise auf der Wiese! Auch die eingesetzten Rassen waren andere, als ich aus Norddeutschland kenne. Schwarzbunte Kühe waren hier eher die Ausnahme. Vielmehr finden sich hier Braunvieh, Fleckvieh oder auch alte schwarzbunte Doppelnutzungsrassen.

Die Bauern haben mir ihre kuhgebundene Kälberaufzucht gezeigt und über ihre kleinen und größeren Probleme bei der Umsetzung erzählt. Aber auch berichtet, welche Vorteile sie durch diese (natürliche) Form der Aufzucht haben und wie zufrieden sie letztendlich sind.

Spät abends habe ich am monatlichen Treffen der Heumilchbauern teilgenommen, um dort PROVIEH und seine Arbeitsweise bzw. Leitbild und Vision zu vorzustellen und das weitere Vorgehen des gemeinsamen Projektes zu besprechen. Ich fühlte mich herzlich willkommen und konnte die Aufbruchsstimmung und Aufregung, die kuhgebundene Kälberaufzucht umzusetzen und die Milch als solche gekennzeichnet zu vermarkten, förmlich spüren.

Kälber und Kühe hautnah

So waren denn auch die nächsten zwei Tage voller interessanter Gespräche, guter Verpflegung und zufriedener Tiere. So eine Reise zeigt mir einmal mehr: jeder Hof ist etwas Besonderes, egal ob ökologisch oder konventionell. Er wird durch seine Menschen einzigartig geprägt. 
Highlights waren tatsächlich die Kälber bei den Kühen. Es waren Kälber mit ihren Müttern auf der Wiese, zwei Kälber bei einer Amme, Kälber die ganztägig bei der Kuh waren oder nur einige Stunden täglich ans Euter konnten. Immer jedoch gab es diesen Kontakt zwischen Kuh und Kalb. Etwas, dass in der konventionellen Milchwirtschaft undenkbar ist (mit wenigen Ausnahmen). 

Die männlichen Kälber

Ein großes Problem, das auch in der ökologischen Landwirtschaft immer noch nicht gut gelöst ist, sind die in der Milchviehhaltung geborenen männlichen Kälber. Gerade diese Kälber von milchbetonten Rassen (also Rassen, die eher Milch geben sollen als Fleisch) werden nicht gerne aufgezogen und landen daher 14 Tage nach der Geburt auf einem Transporter, der sie im schlimmsten Falle über längere Zeit in andere EU-Staaten bringt. Dort werden sie dann (konventionell) gemästet und danach geschlachtet. Das Fleisch kommt oftmals wieder in hiesigen Supermärkten in die Frischetheken. Auch die Demeter Kälber unserer Heumilchbauern haben dieses Schicksal in der Vergangenheit geteilt…

Nun sehe ich männliche Kälber, die meist fünf bis sechs Monate auf den Höfen bleiben und zum Teil auch schon direkt dort geschlachtet werden. Kein Transport zu einer ungewohnten Umgebung und der damit verbundene Stress – an sich die beste Weise diese Kälber gehen zu lassen. Es geht nicht darum, den Tod der Tiere blumig darzustellen oder zu verharmlosen. Wir müssen uns einfach eines bewusst werden: auch als milchtrinkender Vegetarier trage ich dazu bei, dass eine Kuh jedes Jahr ein Kalb zur Welt bringen MUSS, damit die Milch fließt. In 50 Prozent der Fälle ist das Kalb männlich – wohin also damit? Würden wir volle Verantwortung übernehmen, bedeutet der Milchkonsum eigentlich auch die artgemäße Aufzucht der männlichen Kälber und später den Verzehr des Fleisches. 

Mein Fazit

30 Betriebe in drei Tagen – das war schon ziemlich anstrengend, aber es war die Reise allemal wert. Wieder einmal wurde mir bewusst, dass wir etwas für die männlichen Kälber in der Milchviehindustrie tun müssen. Die Heumilchbauern haben eine gute Lösung für alle Kälber auf ihren Betrieben gefunden. Auf jeden Fall besitzt das Projekt zur kuhgebundenen Kälberaufzucht eine ähnliche Strahlkraft wie ein Leuchtturm. So ist es Signal und Leuchtfeuer, Hoffnung und Wegweiser zugleich für eine tiergerechtere Milchvieh- und Kälberhaltung. PROVIEH ist stolz und glücklich, dieses Projekt maßgeblich mitzugestalten.