In-Ovo: Geschlechtsbestimmung im Ei. Der goldene Weg aus dem Kükendilemma?

Schon 2015 kündigte der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt den Ausstieg aus dem Kükentöten an und wollte einen Fahrplan vorlegen. Seitdem sind viele Worte gesprochen und geschrieben worden und die Forschung hat erste Verfahren mit finanzieller Unterstützung der Bundesregierung entwickelt. Allerdings sind diese bis zum heutigen Tage noch nicht flächendeckend zum Einsatz gekommen. Gut 90 Millionen Eier müssten jedes Jahr auf ihr Geschlecht bestimmt werden. Würde die Bundesregierung schon heute auf ein Stopp des Kükentötens bestehen, würde die Geflügelwirtschaft von ihrer Drohung Gebrauch machen und die Brütereien ins Ausland verschieben – dort darf nämlich noch getötet werden. Fazit: Es werden in Deutschland immer noch jährlich schätzungsweise 45 Millionen männliche Küken nur aus wirtschaftlichen Gründen kurz nach dem Schlupf getötet.

Seleggt legt Lösung vor

Pünktlich zur EuroTier 2018 in Hannover hat die Firma Seleggt, ein Gemeinschaftsunternehmen der REWE-Group, ihr Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Brutei vorgestellt. Am neunten Bruttag werden die Eier in der dafür vorgesehen Maschine vorsichtig mit Hilfe von einem Laser punktiert (geöffnet) und einige Tropfen aus der sogenannten Allantoisflüssigkeit entnommen. Der Vorgang soll laut Firma den Embryo nicht beeinflussen oder schädigen. Bei weiblichen Bruteiern kann Östronsulfat nachgewiesen werden. Diese Eier werden wieder in den Brutschrank zurücksortiert, die männlichen und unbefruchteten Bruteier werden zu Futtermitteln verarbeitet. Die kleinen Löcher in der Schale sollen sich laut Seleggt wieder schließen.

Seit November 2018 bieten bereits 223 Penny- und Rewe-Filialen in Berlin Eier mit dem Zusatz „ohne Kükentöten“ an. Ab 2019 sollen alle rund 5.500 Rewe- und Pennyfilialen die Eier als Freilandeier mit dem „respeggt“-Logo anbieten können. Offen bleibt die Frage, ob der Embryo am neunten Tag bereits ein Schmerzempfinden hat. Eine zweite Technologie, die ebenfalls von der Bundesregierung gefördert wird und mit Licht arbeitet, ist noch in der Entwicklung. Hier erfolgt die Untersuchung bereits am vierten Tag, wenn ein Schmerzempfinden ausgeschlossen werden kann.

Kritik  von Politik und Geflügelwirtschaft

Renate Künast, Mitglied des Bundestages und Sprecherin für Tierschutzpolitik von Bündnis 90/DIE GRÜNEN, kritisiert die übertriebene Freude des Bundesministeriums für Landwirtschaft: „Die Große Koalition ist der Alptraum der Tiere. Daran kann auch die Einführung der Brückentechnologie zum Ende des Kükentötens nichts ändern. Klöckner macht dies genau einen Tag vor der von ihr gewollten Verlängerung der betäubungslosen Ferkelkastration. Ein Schelm wer dabei Böses denkt.“

Die agrarpolitische Sprecherin der LINKEN, Dr. Kirsten Tackmann, weist darauf hin, dass teure Verfahren, die durch die Bundesregierung gefördert werden, das eigentliche Problem nicht lösen. Das wirtschaftlich motivierte Töten der Eintagsküken ist mit dem Staatsziel Tierschutz nicht vereinbar. Die Lösungen, die u.a. auch die Bruderhahnaufzucht berücksichtigen, wären dem Bundeslandwirtschaftsministerium seit langem bekannt. 

Der Präsident des Zentralverbandes der deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG), Otte Ripke, kritisiert den seiner Meinung nach vorschnellen Vorstoß der Regierung. Es würde die Tatsche vorgetäuscht werden, dass sich eine branchenweite Möglichkeit gefunden hätte, aus dem Kükentöten auszusteigen. Damit das In-Ovo Verfahren praxisreif ist, müssten allerdings täglich 100.000 Eier getestet werden können und nicht 3.500 in einer Stunde, wie Seleggt es zurzeit nur schafft. Ripkes Meinung nach würden nun Existenzen bedroht sein.

Das Zweinutzungshuhn als beste Lösung nicht aus den Augen verlieren

Der Seleggt-Geschäftsführer Dr. Ludger Breloh formulierte das Problem auf der Pressekonferenz zusammen mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner am 08. November 2018 in Berlin folgendermaßen: „[…]Dennoch halte ich die Entwicklung und Förderung des Zweinutzungshuhns nach wie vor für nicht minder wichtig. Bis dahin könnte die Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei die Brückentechnologie sein.“ Auch PROVIEH vertritt die Ansicht, dass die Geflügelzuchtkonzerne die In-Ovo-Verfahren nicht zum Anlass nehmen dürfen, die Zucht von Zweinutzungshühnern ad acta zu legen. Es wird gesellschaftlich erwartet, dass Lösungen gefunden werden, die auch den lebenden Bruderhahn mit umfassen. 

Sie möchten aktiv werden? Wenn Ihnen das In-Ovo-Verfahren nicht ausreicht, empfehlen wir den Kauf von Eiern der folgenden Initiativen:

Haehnlein-Eier

haehnlein Eier sind Bio-Eier von Legehennen, deren „Brüder“ nicht aus mangelnder Wirtschaftlichkeit am ersten Tag vergast werden. Sie wachsen stattdessen unter guten Bedingungen zu stattlichen Hähnen heran. haehnlein-Eier kosten im Vergleich zu anderen Bio-Eiern ein paar Cent mehr. Denn mit dem Kauf dieser Eier unterstützt der Kunde finanziell die Aufzucht der männlichen Tiere – der haehnlein.

www.ez-fuerstenhof.de, Tel: 039971-317220.

Aktion „ei care“

Die Aktion ei care verwendet Zweinutzungsrassen, die sich gleichermaßen für die Vermarktung von Eiern wie auch von Fleisch eignen. Beide Geschlechter werden in kleinen Herden auf Naturland-Höfen aufgezogen. Während die Hennen Eier legen, werden die Hähne gemästet. Das Fleisch und die Eier werden in Bioläden im Berliner und Brandenburger Umland mit angrenzenden Regionen vermarktet. 

www.aktion-ei-care.de, Tel: 030-34806660.

Das Herrmannsdorfer Landhuhn

In den Herrmannsdorfer Landwerkstätten werden ebenfalls Hahn und Henne einer Zweinutzungsrasse genutzt. Die Eier werden abgesammelt, die Küken ausgebrütet und die Junghennen aufgezogen. Die Hähne werden gemästet und geschlachtet – alles auf einem Hof. Die Hühner leben in kleinen Verbänden. Die Herrmannsdorfer Waren werden im Raum München und bundesweit unter dem Biokreis-Siegel verkauft.

www.herrmannsdorfer.de, Tel: 08093-90940.

Bruderhahn-Initiative Deutschland

Bei dieser Initiative werden auch alle  „Brüder“ der Legehennen aufgezogen. Der finanzielle Mehraufwand wird hierbei auf die Eier umgelegt. Der Zuschlag von vier Cent pro Ei sorgt also dafür, dass auch die Brudertiere aufgezogen und vermarktet werden können. Die Hähne wachsen auf Demeter- und Bioland-Höfen auf. Eier und Fleisch sind vorwiegend im Naturkosthandel bundesweit erhältlich.

www.bruderhahn.de, Tel: 04105-58040192.

Stefanie Pöpken

 

Dieser Artikel ist im PROVIEH-Magazin 04-2018 erschienen.

Fotos: Pixabay