Skandal: Schlachtung trächtiger Tiere üblich

17.12.2014: In Deutschland gibt es in den Schlachthöfen bisher keine einheitliche Erfassung der Kühe, die tragend geschlachtet werden. Nach einer Schätzung der Bundestierärtzekammer werden rund 180.000 Kühe im Jahr in Deutschland tragend geschlachtet.   

Untersuchungen, in denen nachgewiesen wurde, dass die tragende Kuh ein höheres Ausschlachtungsgewicht hat, gibt es scheinbar nicht. Tragende Kühe lagern jedoch mehr Wasser im Fleisch ein, das Fleisch ist dadurch wässriger und etwas weicher. Durch den erhöhten Wasseranteil wäre es somit denkbar, dass ein höheres Schlachtgewicht erzielt werden kann. Es besteht die Möglichkeit, dass  junge Färsen aus einer gemeinsamen Haltung mit Bullen, wie es in der extensiven Weidemast vorkommt, versehentlich im Natursprung besamt wurden und es so zur Schlachtung einer tragenden Färse kommt. Auch kann es sein, dass tragende Milchkühe geschlachtet werden, weil der Wert des Kalbes zu gering im Verhältnis zu den Haltungskosten bis zur Geburt ist, beispielsweise bei geringer Milchleistung der Kuh und niedrigem Preisniveau für das Kalb. Ein weiter Grund wären akute Verletzungen des Muttertieres, wie der Verlust einer Zitze oder noch nicht therapierte Krankheiten wie Mastitis. Nach Therapiebeginn verbietet sich das Schlachten in der Regel durch die Wartezeiten der angewendeten Medikamente.

In den letzten Jahrhunderten ging man davon aus, dass die Föten vor der Geburt kaum ein Schmerzempfinden besitzen. Lange Zeit ging man davon aus, dass sich das Schmerzempfinden erst einige Zeit nach der Geburt entwickelt, so dass die Zerstörung der Hornanlagen beim Kalb, die Kastration und das Schwanzkupieren bei Ferkeln kurz nach der Geburt ohne Betäubung durchgeführt werden können. Heute wissen wir, dass auch Föten schon vor dem letzten Drittel der Trächtigkeit, etwa ab der zweiten Hälfte der Trächtigkeit, Schmerzen empfinden. In den meisten Schlachtanlagen liegt eine längere Zeit zwischen dem Töten der Kuh bis zum Öffnen des Bauchraumes. Beim Entbluten der Mutter wird die Blutzufuhr über den Mutterkuchen unterbrochen. Der Fötus erhält keinen Sauerstoff und erstickt in der Gebärmutter, wo er unter Schmerzen und Angst „lebendig begraben“ ist.

Wie Schlachter berichten, überlebt so manches Kalb selbst diese Tortur, so dass der Schlachter es dann mit einem gezielten Stich töten muss, denn aus Gründen der Fleischhygiene darf ein Kalb den  Schlachthof nicht lebend verlassen. Eine Betäubung des Kalbes vor der Schlachtung der Mutter ist nur durch eine Tierärztliche Euthanasiemaßnahme (Einschläfern) möglich. Dann ist aber das Fleisch der Kuh nicht mehr vermarktungsfähig. Der Weg zum Schlachthof ist aus Hygiene-und auch Seuchenschutzrechtlichen Gründen ein Einweg-System. Deshalb darf ein Tier, das im Schlachthof ankommt, diesen nur geschlachtet wieder verlassen. Das gilt somit auch für das aus der Kuh freigeschnittene Kalb, auch wenn es lebensfähig gewesen wäre. Eine erste Kontrolle der Trächtigkeit an der Tötungsbox ist also zu spät. Im europäischen und auch im deutschen Tierschutzgesetz gibt es zum Schutz des ungeborenen Lebens keine eindeutigen Regelungen. In unserem Tierschutzgesetz wird lediglich in Paragraph 1 geregelt „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Bleibt die Frage: Ab wann beginnt ein ungeborenes Kalb ein Tier zu sein?  Ist der Fötus nicht vielmehr bereits ein Tier, sobald er schmerzempfindend ist?

Im letzten Zehntel der Trächtigkeit verbietet die VO(EG) Nr. 1/2005 den Transport von tragenden Tieren. Da aber kaum ein Schlachthof die tragenden Tiere erfasst, und die verantwortliche Kontrollinstanz – hier ist zunächst das Bundesamt für Güterverkehr zuständig – die Trächtigkeit nicht erkennt,  werden solche „Transport-Verstöße“ kaum geahndet.

Wir brauchen ein Annahmeverbot von tragenden Tieren vor der Verladung und dem Transport bereits an der Stalltür. Kühe, die zur Schlachtung verladen werden sollen, dürfen nicht in der zweiten Hälfte der Trächtigkeit tragend sein! Dieses könnte, nach kleinen Modifizierungen, beim Herkunftssicherungs- und Informationssystem für Tiere (HIT) kontrolliert werden. Jedes Tier hat nach Viehverkehrsordnung einen Viehverkehrsschein in der HIT Datenbank. Hier wird schon heute verbindlich die Kalbung in der Datenbank eingetragen. Für Tiere, die vor länger als 5 Monaten gekalbt haben, muss vor der Verladung zur Schlachtung eine negative Trächtigkeitskontrolle vorliegen. Bei Färsen, die noch keine eingetragenen Kalbungen in HIT haben, muss der Landwirt sicherstellen, dass diese nicht tragend sind. Wenn nötig, sollte er auch hier einen Tierarzt konsultieren müssen.

Außerdem benötigen wir im Schlachthof eine verpflichtende Erfassung der geschlachteten, trächtigen Rinder und eine anschließende Meldung auch zur Strafverfolgung an den Amtstierarzt. Der Schlachtung nach einem Abort steht aus ethischer Sicht nichts entgegen. Allerdings sollte vom Gesetzgeber sichergestellt werden, dass eine künstliche Trächtigkeitsunterbrechung  in den letzten Monaten der Trächtigkeit nur mit veterinärmedizinischem Grund eingeleitet werden darf. Unbedingt muss gleichzeitig die „Abtreibung“, um die Kuh sanktionsfrei zur Schlachtung geben zu können, verboten und unter Strafe gestellt werden.

Unser, und das entstehende europäische Tierschutzgesetz sowie die Schlacht -und Transportverordnungen müssen dahingehend geändert werden, dass Tierhalter, die wissentlich oder unwissentlich trächtige Tiere ab Beginn der zweiten Hälfte der Trächtigkeit zur Schlachtung geben, bestraft werden!

Udo Hansen

Foto: PROVIEH