Klonfleisch – ist das ethisch vertretbar?

18.04.2008: Die Hessische Landesvertretung bei der Europäischen Union veranstaltete am 15. April eine Podiumsdiskussion zum Thema "Geklonte Rinder, patentierte Schweine – technischer Fortschritt oder ethische Herausforderung?" mit illustren Gästen, die eine spannende Debatte versprachen.

Zunächst lobte der Hessische Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Volker Hoff, in seiner Begrüßungsrede ausgiebig die Hessische Tierschutzbeauftragte, Dr. Madeleine Martin, mit der auch wir von PROVIEH in enger Abstimmung zusammenarbeiten, für ihr großartiges und fruchtbares Engagement. Er bedauerte (wie auch wir es sehr bedauern), dass sie ab Herbst wieder in Wiesbaden stationiert sein wird. Ihr war auch die Organisation dieser Abendveranstaltung zu verdanken. Außerdem kamen die grüne Europaabgeordnete Hiltrud Breyer; der Landwirt und Vorsitzende der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall, Rudolf Bühler, der sich unter anderem gegen die Patentgier von Monsanto und Konsorten wehrt, Prof. Hilke Haker, Mitglied in der "Europäischen Gruppe für Ethik in Wissenschaft und Neuen Technologien" und der niedersächsische Experte im "Europäischen Beratungsgremium für Tierschutz und Tiergesundheit" bei der EFSA (Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit).

Nach ihren Eröffnungserklärungen wurden auch die rund150 Gäste aufgefordert, in die kontroverse Diskussion einzusteigen. Frau Breyer verwies auf die ablehnende Haltung der Verbraucherinnen und Verbraucher gegenüber Klonerzeugnissen und die hohe Sterberate bei Klon-Embryonen von Nutztieren (derzeit 95-99 Prozent). Zudem sprach sie von den schmerzhaften Missbildungen, unter denen geklonte Tiere litten. Sie meinte, dass es einen Aufschrei in der Gesellschaft gäbe, wenn ein Auto mit einer 95-prozentigen Mängelrate produziert würde, aber beim Klonen keiner dem Treiben einen Riegel vorschöbe. Sie sieht eine klare Missachtung des Protokolls zum EU-Vertrag von Amsterdam, das Tiere als fühlende Wesen anerkennt. Europa sei eine Wertegemeinschaft, die hier auf eine Nagelprobe gestellt würde. Sie äußerte sich enttäuscht über das "vorläufige grüne Licht zum Klonieren von Nutztieren durch die EFSA".

Auch Rudolf Bühler sieht keinen sinnvollen Nutzen der Klonierung für die Nutztierzucht. Er und sein Verband, die das bereits für ausgestorben gehaltene Schwäbisch-Hällische Schwein wieder nachzüchteten, halten klassische Zuchtmethoden wie Selektion und gezielte Anpaarung für den bestmöglichen, jahrhundertelang erprobten Weg zur guten Zuchterfolgen. Auch seien die alten, regionalen, an die jeweils vorherrschenden Bedingungen (Futter, Klima etc.) angepassten Nutztierrassen am ehesten geeignet, den Hunger auch in Zeiten des Klimawandels zu lindern. Auf Hochleistung getrimmte Holstein-Frisian-Milchkühe brächten in Afrika einfach nicht die gewünschten Leistungen, da ihnen dazu die Infrastruktur im weitesten Sinne (inklusive Hochleistungsfutter und Medikamente) fehle. Er rief zur Besinnung auf die Natur und zum Respekt vor der Schöpfung auf und sprach sich im Verlauf der Diskussion immer wieder gegen die Manipulation von Erbgut und die Patentierung von Lebewesen aus (vgl. dazu auch den Artikel in Top Agrar vom März 2008). Er warnte außerdem vor der totalen Monopolisierung von Saatgut und Lebewesen, die Monsanto laut eigenem Geschäftsbericht anstrebe. Um der geballten Marktmacht des amerikanischen Gen-Riesen entgegenzutreten, müsse man diesseits des Atlantiks auf Draht sein. Bühler monierte: Erst wenn ein Patent beim europäischen Patentamt in München angemeldet worden sei, könne man - vorausgesetzt, man hat rechtzeitig von dem Patentantrag erfahren! - gegen eine eingangs zahlbare Gebühr von 2.000 Euro dagegen Einspruch erheben (plus weitere Verfahrenskosten).

Die Vertreter der EFSA und des Ethikrates versuchten den Verdacht von sich zu weisen, sie seien "pro Klonierung". Prof. Haker wies immer wieder darauf hin, dass das von ihrer Gruppe vorgelegte Papier vorläufig sei und sich nicht für das Klonen (wenn auch nicht endgültig dagegen) ausgesprochen habe. Allerdings führte sie auch wieder das im Agrarsektor so oft herangezogene Totschlagargument der Verhandlungen in der Welthandelsorganisation (WTO) an, das gegen ein Verbot von Klonerzeugnissen spräche. Man könne sich dort nicht dauerhaft gegen den Import geklonter Erzeugnisse wehren – hiergegen gab es zahlreichen Widerspruch auf dem Podium und im Publikum. Schließlich muss die EU ja nicht zu allem ja und Amen sagen, was im Rahmen der WTO-Verhandlungen gefordert wird – die Verbraucher in Europa müssen den Politikern ihre Ablehnung nur immer wieder ganz deutlich machen, dann wird hier auch nicht nachgegeben. Einen de-facto-Zwang zur Akzeptanz von Genprodukten oder Klonerzeugnissen gibt es nämlich in der WTO nicht. Jörg Hartung, der sich nicht als "EFSA-Vertreter" verstanden wissen wollte, stellte die pauschale These auf, dass die Menschen zwar bei Befragungen immer sagten, sie wollten tierschutzfreundliche Produkte, bei der realen Kaufentscheidung aber oft anders handelten, und stellte die provokante Frage: "Ist Fortschritt aufhaltbar?"

Meine im Rahmen der Diskussion später gestellte Gegenfrage lautete: Ist es denn ein Fortschritt, Tiere zwecks menschlichem Verzehr zu klonen? Wollen wir wirklich diese Selektion und Reduzierung des Erbmaterials, auf die die Klonierung ja hinausläuft, noch dazu vor allem nach Hochleistungskriterien? Der Schritt zum Klonen von Menschen ist, wenn dies bei den Tieren vollzogen ist, nicht mehr weit, Versuche hat es ja schon gegeben – bei einem Blick in den Spiegel müssten die meisten von uns wahrscheinlich zugeben, dass wir selbst, wenn es wie bei den Tieren nach Hochleistung und vielleicht noch nach Schönheitskriterien ginge, wahrscheinlich nicht zu den "Auserwählten" gehören würden. Für uns von PROVIEH steht fest: Das Klonen von Nutztieren für den menschlichen Verzehr ist unnötig und unethisch, und wir werden alles in unserer Macht Stehende dafür tun, dass diese Technik nicht wider die Verbraucherwünsche in Europa zugelassen wird.

 

Sabine Ohm - Büro Brüssel

 

 

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