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Grüne Woche 2007 in Brüssel


wann: 12. - 15. Juni 2007
wo: Brüssel
was: Grüne Woche
für PROVIEH
dabei:
Sabine Ohm, Büro Brüssel

Bei "Grüner Woche" denkt man zunächst an Berlin, doch findet bereits seit sieben Jahren die größte internationale Veranstaltung zu Umweltstrategien in der Europäischen Union jeweils im Frühjahr in Brüssel statt. Die von der EU Kommission vom 12. bis 15. Juni veranstaltete Grüne Woche stand dieses Jahr unter dem Motto "Lehren aus der Vergangenheit, Herausforderungen für die Zukunft". Sie sollte – anlässlich des 50. Jubiläums der Verträge von Rom - einen Rückblick der Kommission auf 50 Jahre europäische Umweltpolitik gewähren und ein Forum für Diskussionen und Erfahrungsaustausch zwischen VertreterInnen von Regierungen, Wirtschaft, Wissenschaft, internationalen Institutionen und NGOs über mögliche Strategien zur Bewältigung der Umweltprobleme bieten.

Für PROVIEH nahm ich an zahlreichen der insgesamt 22 Konferenzen und Events zu diversen Umweltthemen wie Klimawandel, Verlust an biologischer Vielfalt ("Biodiversität"), nicht-nachhaltige Produktion und Konsumverhalten, Gesundheit und Umwelt sowie konkurrierende Landnutzungen (z.B. Einschränkung der natürlichen Lebensräume von Pflanzen und Tieren durch Bebauung/Straßenbau; Anbau von nachwachsenden Rohstoffen für Biokraftstoffe statt Nahrungsmittelgewinnung) usw. Neben vielen technischen Neuerungen für sparsameren Wasser und Energieverbrauch und bessere Abfallwirtschaft stellten sich auch viele NGOs und Verbände vor, die national und/oder auf EU Ebene Initiativen für nachhaltige Landwirtschaft und Lebensweisen einsetzen.

Leider fand die Aktionswoche kaum Aufmerksamkeit in der Presse, da alle anscheinend noch im Bann des G 8 Gipfels von Heiligendamm und seinen "Ergebnissen" standen. Auch dieser Mangel an Kommunizierbarkeit von Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen kam in den unterschiedlichsten Themenbereichen immer wieder zur Sprache. Zum Beispiel war auch der "Ethical Man" der BBC, Justin Rowlatt, da. Er hatte, ähnlich wie Leo Hickman ("Fast Nackt", siehe PROMA 4/2006) ein ganzes Jahr vor laufenden Kameras mit seiner Familie um eine Reduzierung seines "Carbon Footprints" (der CO2 Menge, die pro Kopf durch das ganz normale Alltagsleben in einem Jahr ausgestoßen wird) gerungen. Die BBC Serie hatte großen Erfolg, da die Menschen auf humorvolle Weise aufgerüttelt, ihnen gute Tipps zur CO2 Einsparung gegeben, aber auch die Grenzen der Belastbarkeit des Einzelnen aufgezeigt wurden. Rowlatts Familie (sie bekamen währenddessen ihr 3. Kind) hatte ihren direkten CO2 Ausstoß um 37 % senken können und ihren Lebensstil auch nach Ablauf des "ethischen Jahres ohne Auto, Flugreisen und Fleisch" (sie lebten vegan) zum Teil nachhaltig geändert. Sie sind aber auch nicht gleich zu Ökofreaks mutiert, leben nun aber bewusster und sparen CO2 ein, wo es sinnvoll und nicht zu schmerzlich ist: Zum Beispiel essen sie wesentlich weniger Fleisch als vorher, seit sie wissen, dass das nicht nur viel gesünder ist (Rowlatt konnte seinen Cholesterinspiegel von 5,5 auf 3,4 kg senken!), sondern auch umweltfreundlich: Bei der industriellen Erzeugung von 1 kg Rindfleisch wird erstens viel CO2, Ammoniak Methangas konzentriert in die Umwelt entlassen und zweitens werden – unter anderem für den Anbau von Futterpflanzen für Kraftfutter – dafür sage und schreibe ca. 10.000 l Wasser verbraucht. Seine ernüchternde Schlussfolgerung aus dem einjährigen Experiment und den Reaktionen im Vereinigten Königreich darauf: Bevor Energie nicht so teuer wird, dass sich das Sparen wirklich lohnt, werden die meisten wohl eher nichts an ihrem Lebensstil ändern.

Justin Rowlatt war übrigens der einzige andere Teilnehmer, der mehrmals öffentlich auf die Klimaschädlichkeit und anderen Umweltprobleme durch Fleischerzeugung hinwies. Allgemein ist das Bewusstsein über die Zusammenhänge leider noch nicht sehr geschärft…meine wiederholten Fragen an EU-Vertreter, warum seit neuestem der Tierschutz aus dem 6. Umweltaktionsprogramm verschwunden ist, obwohl der Zusammenhang zwischen Wohlergehen der Tiere/nachhaltiger Landwirtschaft und besserer Umweltverträglichkeit eindeutig nachgewiesen wurde, blieben unbeantwortet. Der EU-Umweltkommissar Stavros Dimas - eigentlich sozusagen der Gastgeber der Veranstaltung - stellte sich erst gar nicht den Fragen der Teilnehmerinnen: Trotz Ankündigung zu 2 Veranstaltungen ließ er sich kein einziges Mal blicken, unentschuldigt. Schade eigentlich, denn es kamen sehr viele engagierte Menschen zusammen, die mit ganz konkreten Aktionen wirklich etwas bewegen.

Das Problem, so meinten viele, sei einerseits die verwirrende Informationsflut ohne konkretes Aufzeigen von praktischen Wegen zu umweltfreundlicherem Verhalten, und andererseits die Macht der Gewohnheit, die schwer zu brechen ist. Eigentlich wollen alle "vernünftiger" Leben und dabei helfen, die Umwelt und die Tiere zu schützen - nur wissen die meisten nicht, wie. Eine spielerische Art, mehr darüber zu erfahren, was man so alles an kleineren und größeren Beiträgen leisten kann, bietet ein Ökoquiz der EU Kommission, den Sie unter http://ec.europa.eu/environment/toolkits/jiffy_quiz/jiffy_quiz_de.htm aufrufen können. Ihre Kampagne für bessere Ernährung begleiten die Grünen in Europa unter http://www.eat-better.org/eat-better.php mit einer Auswahl von per Email verssendbaren, peppigen elektronischen Postkarten (darunter drei Tierschutzrelevante mit Rind, Huhn und Fisch).

Enttäuschend war während der Grünen Woche letztendlich vor allem das Auftreten der Vertreter aus Politik und Wirtschaft, die größtenteils voll des Selbstlobes über vergangene Errungenschaften waren, ohne selbstkritisch das Kind beim Namen zu nennen. Statt zuzugeben, dass wir mit unserem Konsummodell in den letzten 30 Jahren so viel ökologischen Raubbau betrieben und Schaden in der Umwelt angerichtet haben, dass es allerhöchste Eisenbahn für eine radikale Wende ist, wurde nur in Nebensätzen erwähnt, wie viel noch im Argen liegt und was man dagegen konkret zu tun gedenkt. So bot man in der Abschlussveranstaltung Roland Vaxelaire, dem Chef von Carrefour (europäische Handelskette mit riesigen Hypermärkten) in Belgien, weidlich Gelegenheit zur "ökologischen Selbstdarstellung", obwohl Anspruch und Realität weit auseinanderklaffen: Trotz aller kosmetischen Verbesserungen (endlich muss man dort jetzt auch für die Plastiktüten an der Kasse etwas zahlen, welch Neuerung!) ist und bleibt das Unternehmen mit seinem schier unendlichen Sortiment an Agrarindustrieprodukten, Verpackungsmüllbergen und der papiernen Werbeflut etc. ein absoluter Großverschmutzer.

Aber während der Grünen Woche bot sich mir auch noch die Möglichkeit, an zahlreichen Informationsständen im Konferenzgebäude Erfahrungen und bewährte Praktiken auszutauschen sowie Kontakte zu Organisationen von Gleichgesinnten im europäischen Ausland zu knüpfen, so dass wir in Zukunft gemeinsam für mehr Nutztierschutz und nachhaltigere Landwirtschaft kämpfen können. Insgesamt also trotzdem ein positives Fazit: Es gibt noch viel zu tun, packen wir es an!

Sabine Ohm, Büro Brüssel
21.06.2007







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