Die Schrecken der Stallpflicht - Erfahrungsbericht eines Rassegeflügelzüchterszum Aufstallungsgebot

Wenn man die beiden Aufstallungsgebote zur Vermeidung der Vogelgrippe betrachtet, so kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen: Beim ersten Einsperren im Herbst 2005 konnte man noch von einer vorübergehenden Aktion sprechen. Der Sinn war zwar in Frage zu stellen, aber man wusste zumindest, dass die Tiere nur zeitlich begrenzt zu leiden hatten. Gleichwohl erahnten wir bei PROVIEH schon, dass es dabei nicht bleiben würde.

Beim zweiten Einsperren im Frühjahr wuchs die bedrückende Erkenntnis, dass es diesmal ein Martyrium werden würde. Der Sinn war zwar ansatzweise zu erkennen, aber wenn nicht irgendwann das Impfen zugelassen wird, dann wird es kein Ende geben.

Dementsprechend fallen auch die Reaktionen aus: Freilandbetriebe, die sich teils noch beim ersten Mal freuten, mit weniger Aufwand "Freilandeier" produzieren zu können, haben jetzt mit Absatzproblemen zu kämpfen. Viele nicht gewerbsmäßige Halter haben jetzt bereits aufgegeben, der Absatz an Geflügelringen beim Bund deutscher Rassegeflügelzüchter ist dramatisch eingebrochen. Freilanderzeuger, Brütereien (dürfen in Beobachtungsgebieten nicht arbeiten), Zulieferbetriebe, Futtermittelhersteller und die ökologische Nahrungsmittelindustrie werden teils zwangsweise aufgeben müssen.

Das Ergebnis meiner eigenen Erfahrungen nehme ich vorweg:

    Hühner vorher: bis zu 60 Tiere, Eier und Fleischversorgung von Familie, Nachbarn und Freunden.
    Hühner jetzt: 15 Tiere, Freunde und Nachbarn kaufen jetzt woanders
    Puten vorher: ein Hahn, drei Hennen und deren Nachzucht zur Selbstversorgung
    Puten jetzt: keine mehr, Putenfleisch müssen wir demnächst im Naturkostladen kaufen
    Enten vorher: sechs Tiere auf Dauer plus Nachzucht zur Selbstversorgung
    Enten jetzt: noch die sechs Tiere ohne Nachzucht, Entenbraten entfällt ersatzlos

Ein Problem ist naturgemäß, dass man Tiere, für die man vorher nur zum Übernachten Stallkapazitäten vorgehalten hat, nicht auf dem gleichen Raum dauerhaft einsperren kann. Deswegen musste ich gleich zu Beginn viele Hühner schlachten. Zwei meiner Hähne leben jetzt in Nachbarländern, damit bei einer Keulung nicht das gesamte Genpotential verloren geht. Einige Tiere waren vorübergehend bei Bekannten untergekommen.

Zunächst einmal musste ich den Stall so einrichten, dass der Wassernapf nach innen verbracht wurde, ohne dass er abends voller Einstreu war. Der Arbeitsaufwand beim Entmisten stieg stark an, jetzt fällt nicht nur der Nachtkot an, sondern der von 24 Stunden. Die Belüftung musste umgebaut werden, um die Ammoniakbelastung auf ein erträgliches Maß zu senken. Der Futterverbrauch ist angestiegen, es fehlt das selbstgesuchte Beifutter. Problematisch ist die Vitaminversorgung insbesondere mit Vitamin D, welches normalerweise vom Körper aus Sonnenlicht absorbiert wird. Unterversorgung führt dazu, dass Kalk nicht mehr vom Körper umgesetzt wird, es kommt daher zu weichen Knochen und Windeiern.

Mittlerweile verwende ich Multivitamin-Brausetabletten aus dem Humanbereich. Futterkalk, welchen ich vorher nicht brauchte, rühre ich unters Weichfutter ebenso wie kleingehaktes Grünzeug. Durch die Langeweile und durch in die Einstreu verlegte dünnschalige Eier haben meine Hühner mit Eierfressen begonnen, Abhilfe schaffte erst wieder ein Abrollnest.

Inzwischen haben die Hühner blasse Kämme, legen deutlich weniger Eier und die Dotterfarbe ist (da ich keine Farbstoffe füttere) sehr blass geworden. Das Gefieder wird zunehmend struppiger und auf Dauer werde ich das Neonlicht wohl durch den Einbau größerer Fenster ersetzen müssen. Ein Sandbad war wegen der Frostperiode nicht möglich und hat lange Umbaumaßnahmen erfordert, damit der Sand nicht mit der Einstreu vermischt wird.

Bereits heute graust mir vor der Vermehrung der roten Vogelmilbe im Sommer. Bisher konnten die Milben nur nachts Blut saugen und wurden tagsüber draußen im Staubbad abgeschüttelt. Wenn ich jetzt den Stall reinige und desinfiziere, müsste ich die Hühner mit absprühen und in irgendwelche Kisten stecken, bis die Milben abgetötet sind.

Zunächst hatte ich die Enten, die vorher Tag und Nacht auf meinem Teich lebten, mit in den Hühnerstall verbracht und eine Badegelegenheit aufgestellt. Durch das viele Wasser, welches dabei in die Einstreu geriet, bekamen meine Hühner dann aber Schnupfen.

Nachdem das erste Aufstallen vorbei war, haben wir dann ein 10 qm großes Gewächshaus aufgebaut, in dem zunächst die Hühner und dann doch die Enten untergebracht wurden.

Im Gewächshaus habe ich einen Maurerkübel eingegraben, der täglich mit frischem Wasser befüllt wird, das verplanschte Wasser kann direkt im Erdreich versickern. An eine Vermehrung ist aber nicht mehr zu denken. Die Erpel jagen sich gegenseitig den ganzen Tag, kämpfen miteinander und können sich nicht richtig ausweichen, entsprechend zerrupft sehen sie aus. Ein halbwegs ruhiger Brutplatz ist schlicht nicht vorhanden. Abgesehen davon: Welchem Entenküken möchte man wünschen, in diese Welt hineinzuschlüpfen? Das ist mit meinem Gewissen nicht vereinbar.

Meine Puten waren aus einem extrem krankheitsresistenten Stamm, welcher seit Generationen ohne Putenstarter und Antikokzidiostatika auskam. Auch meine Jungputen sind zwar alljährlich an der Schwarzkopfkrankheit erkrankt, haben diese größtenteils aber ohne Medikamenteneinsatz überstanden und waren danach so fit, dass sie im Sommer wie im Winter irgendwo draußen in den Bäumen übernachtet haben. Unser Puter hat sich auch von Schnee und Kälte nicht davon abhalten lassen, seine Hennen radschlagend anzubalzen.

Diese bunt schillernden majestätischen Vögel, die vorher nur die Freiheit kannten, einzusperren, tat beim ersten Mal schon weh, und sie bauten körperlich auch sehr schnell ab. Sie hatten sich gerade wieder erholt, da kam der erneute Erlass zum Einsperren. Dieses Mal sehe ich auf Grund der real auftretenden Fälle und der dauerhaften Weigerung der Regierung, zu Gunsten einer Exportlobby das Impfen nicht zuzulassen, kein Ende in Sicht. Deshalb habe ich meine Puten sämtlich geschlachtet. Eine Genreserve krankheitsresistenter Vögel ist damit verloren gegangen, was aus meiner Sicht aber besser war, als die einzelnen Tiere leiden zu lassen.

Meinen Kindern hatte ich beigebracht, dass es Quälerei ist, die Tiere morgens nicht rauszulassen, bevor man sich selbst an den Frühstückstisch setzt. Für mich ist es wichtig, meinen Kindern Achtung und Respekt anderen, auch den Mitmenschen gegenüber, mittels Umgang mit den anvertrauten Tieren näher zu bringen.

Sie lieben ihre Vögel intensiver und emotionaler als mancher Politiker seinen Hund. Wie sollen meine Kinder solche Politiker verstehen, die jetzt staatlicherseits anordnen, dass die Tiere gequält werden sollen? Die Zustände, welche sie jetzt erleben müssen, haben bereits so manche Träne gekostet. Von den Kosten (Vitamine, Gewächshaus, Fenster, Abrollnest) einmal ganz abgesehen, Spaß macht auch mir meine Tierhaltung zur Zeit nicht, und wenn ich nicht wüsste, dass es sich lohnt dafür zu kämpfen, hätte ich heute auch schon aufgegeben.

Froh bin ich im Moment nur, dass ich nicht beruflich von der Tierhaltung abhängig bin, denn sonst müsste ich das Leiden ertragen, ohne die Option zu haben, einfach die Geflügelhaltung aufzugeben.

 

Mathias Güthe, Juni 2006

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