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Besuch bei Europas größtem Hähnchenschlachter wirft viele Fragen auf

Im Zuge einer Veranstaltung der ISPA (Institut für Strukturforschung und Planung in agrarischen Intensivgebieten Hochschule Vechta) in Zusammenarbeit mit NieKE (Niedersächsisches Kompetenzzentrum Ernährungswirtschaft Hochschule Vechta) zur EU– Agrarpolitik, nahmen ein PROVIEH-Mitarbeiter und ein PROVIEH-Mitglied an einer Exkursion zu verschiedenen Betrieben der Paul-Heinz-Wesjohann-Gruppe (PHW-Gruppe) in Rechterfeld und zu einem Schlachtbetrieb der Erzeugergemeinschaft Osnabrück e.G. (EGO) in Georgsmarienhütte teil.

Die PHW-Gruppe ist Europas größter Hähnchenschlachter, deren bekanntestes Produkt "Wiesenhof"-Hähnchen ist. Sie wirbt ausschließlich mit der Qualität ihres Produktes - das heißt für sie: Gentechnik- und salmonellenfreies Futter, keine antibiotischen Leistungsförderer. Die Haltungsform spielt dabei keine Rolle.

Nach Aussage von Firmenchef P.-H. Wesjohann vermarktet die Gruppe pro Woche 4.000.000 konventionelle Masthähnchen, 8.000 Weidemasthähnchen (den Tieren steht 1 qm Auslauf zur Verfügung) und 500 Bio-Hähnchen (nach EU-Bioverordnung). Den Grund für diese große Differenz begründet Herr Wesjohann alleine mit dem Verkaufspreis, denn das Bio-Hähnchen kostet das Dreifache des konventionellen Hähnchens. Die Eintagsküken für die Mast kommen aus eigenen Brütereien (jährlich werden in fünf Brütereien 230 Millionen Eintagsküken ausgebrütet).

Aus all dem ergeben sich für PROVIEH einige Fragen, die der PHW–Gruppe zugesandt wurden:

  • Sie beziehen einen Großteil Ihres Verdienstes vom Tier. Eine Zucht auf Höchstleistung, insbesondere Brust und Keule, macht dies erst möglich. Bei dieser Zuchtform eilt das Muskelwachstum dem Skelettwachstum voraus, mit den bekannten Folgeerscheinungen: die Tiere sind gegen Ende der Mast sehr schwer; das führt zu Beinschwäche und Gelenkentzündungen, die Tiere bewegen sich kaum noch vorwärts. Bitte nehmen Sie hierzu Stellung.
  • Warum wirbt die Gruppe bei Wiesenhof-Hähnchen mit einer alten Bauernscheune auf grünem Land? Diese Darstellung hat mit der reellen "Erzeugung" nichts zu tun. Dies ist eine bewusste Täuschung des Verbrauchers.
  • Warum wird Besuchern der PHW-Gruppe in Rechterfeld nur die Weidemasthähnchen-"Produktion" gezeigt? Kann sich die konventionelle "Produktion" nicht sehen lassen?
  • Wie erklärt sich der große Preisunterschied bei konventionellen Hähnchen und Bio-Hähnchen? Wir bitten um eine plausible Erklärung bzw. Kalkulation.

PROVIEH fragt – Wiesenhof antwortet

Das Antwortschreiben vom Informationsbüro Wiesenhof c/o Engel & Zimmermann AG in 82131 Gauting:

  • Frage PROVIEH: Sie beziehen einen Großteil Ihres Verdienstes vom Tier. Eine Zucht auf Höchstleistung, insbesondere Brust und Keule, macht dies erst möglich. Bei dieser Zuchtform eilt das Muskelwachstum dem Skelettwachstum voraus, mit den bekannten Folgeerscheinungen: die Tiere sind gegen Ende der Mast sehr schwer; das führt zu Beinschwäche und Gelenkentzündungen, die Tiere bewegen sich kaum noch vorwärts. Bitte nehmen Sie hierzu Stellung.

    Anwort PHW-Gruppe: Die PHW-Gruppe betreibt keine Tierzucht. Unabhängig davon treffen Ihre Feststellungen nicht zu.

    Kommentar PROVIEH: Die Unternehmensbroschüre "PHW – Verantwortung für Mensch, Tier und Umwelt" sagt etwas anderes: auf Seite 6 steht u.a. "Geschäftsfelder und Produkte der Unternehmensbereiche: Geflügelspezialitäten und Geflügelvermehrung" oder auf Seite 8 "Alles aus einer Hand ... eigene Elterntierherden, eigene Brütereien ..."
    Dass unsere Feststellungen leider zutreffen, wird immer wieder von wissenschaftlichen Studien belegt (u.a. Butterworth et al 2002, Bizeray et al 2002).

  • Frage PROVIEH: Warum wirbt die Gruppe bei Wiesenhof-"Hähnchen" mit einer alten Bauernscheune auf grünem Land? Diese Darstellung hat mit der reellen „Erzeugung“ nichts zu tun. Dies ist eine bewusste Täuschung des Verbrauchers.

    Antwort der PHW-Gruppe: Das Markenzeichen „Wiesenhof“ ist 40 Jahre alt. Wir haben nicht die Absicht, es zu ändern. Ihren Vorwurf der „bewussten Täuschung des Verbrauchers“ weisen wir zurück.

    Kommentar PROVIEH: Diese Scheune mag besonders schön anmuten, aber auch nach vierzig Jahren wird dadurch der Verbraucher getäuscht.

  • Frage PROVIEH: Warum wird Besuchern der PHW-Gruppe in Rechterfeld nur die Weidemasthühnchen-„Produktion“ gezeigt? Kann sich die konventionelle „Produktion“ nicht sehen lassen?

    Antwort der PHW Gruppe: Es war der von dem "Institut für Strukturforschung und Planung" gewünschte Programmpunkt, nicht der von uns ausgewählte Betrieb. Wir haben bereits vielen Besuchern (auch Journalisten und Fernsehteams) die verschiedenen Stufen der Geflügelerzeugung auch im konventionellen Bereich gezeigt. Dazu gehören auch die Aufzuchtbetriebe unserer Partner und sogar Schlachtereien. Es ist schade, dass Sie diese Politik der "offenen Tür" scheinbar nicht registriert haben. Gerne schicken wir Ihnen Aufzeichnungen von Fernsehsendungen zu.

    Kommentar PROVIEH: Gerne nimmt PROVIEH einen Besichtigungs- und Fototermin in einer konventionellen Hühnchenhaltung der PHW-Gruppe war; wenn die Tiere kurz vor dem Mastende stehen. Eine Terminvereinbarung ist angefragt ebenso die angebotenen Aufzeichnungen.

  • Frage PROVIEH: Wie erklärt sich der große Preisunterschied bei konventionellen Hähnchen und Bio-Hähnchen? Wir bitten um eine plausible Erklärung bzw. Kalkulation.

    Antwort der PHW-Gruppe: Die Preisunterschiede liegen in den Haltungsbedingungen, bei Bioprodukten zusätzlich an dem sehr teuren Biofutter. Wir haben aus Wettbewerbsgründen nicht die Absicht, unsere Kalkulation offen zu legen.

    Kommentar PROVIEH: Das ist falsch. Der größte Kostenfaktor bei Biolebensmitteln liegt im Vertrieb (siehe KT-Freiland-Verband 2001 oder foodwatch Studie 2004). Vertrieb dürfte beim größten Hühnchenschlachter, bei dem "alles aus einer Hand" kommt, weniger das Problem sein. Dass die PHW-Gruppe ihre Kalkulation daher nicht einmal ansatzweise offen legen will, ist bei den geschätzten Gewinnmargen verständlich.