Wohin mit dem Flüssigmist?

Die Wege der legalen und illegalen Entsorgung von Gülle aus der Intensivmast

12.04.2012: Immer mehr Tiere werden in immer größeren Mastanlagen gehalten. Mit der Anzahl der Tiere nimmt aber auch das Volumen ihrer Ausscheidungen zu. Diese werden erst gesammelt und dann auf die Äcker und Felder ausgebracht. Doch der Boden kann nur eine bestimmte Menge an Nährstoffen aufnehmen, ohne das Grundwasser zu vergiften. Darum ist Tierhaltung an bestimmte Flächengrößen gebunden. Zu viele Tiere aber produzieren zu viel Gülle – wohin mit dem Überschuss? Aus diesem Dilemma hat sich ein lukrativer Gülle-Handel entwickelt

Eine gute Landwirtschaft lebt von ihrem Nährstoffkreislauf: Die Tiere scheiden Exkremente aus, die auf den Acker kommen und den darauf wachsenden Futterpflanzen als wertvoller Dünger dienen. Gut wachsende Pflanzen wiederum stellen die hochwertige Nahrung für die Tiere dar. Mist und Gülle bilden als nährstoffreicher Pflanzendünger eine unverzichtbare Basis im Kreislauf ökologischer Nutztierhaltung. Mit Gülle lässt sich sogar Strom in Biogasanlagen gewinnen, was deren Wert noch steigert. Doch in den großen Intensivmastanlagen fällt derart viel Gülle an, dass der betriebseigene Boden sie nicht mehr aufnehmen kann. Darauf wird beim Bau moderner Tierhaltungsanlagen in der Regel keine Rücksicht genommen. So wird Gülle zu Abfall, der entsorgt werden muss.

Zu viel Gülle und zu wenig Land

Laut Gesetz darf ein Hektar Boden die Ausscheidungen von nicht mehr als 2,6 Großvieheinheiten (GVE) pro Jahr aufnehmen (eine GVE entspricht einem ausgewachsenen Rind). Nicht selten aber kippen die Intensivmäster Schweine- oder Rindergülle von fünf bis zehn GVE auf einen Hektar – eine Güllebelastung, die der Boden und das Grundwasser auf Dauer nicht aushalten. Phosphat, Nitrat und Ammoniak sind die begrenzenden Elemente im Flüssigmist. Maximal 80 Kilogramm Phosphat dürfen auf einen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche pro Jahr ausgebracht werden, doch in den großen Tierhaltungsregionen wird weitaus mehr produziert. So leiden vor allem die Landkreise Cloppenburg, Emsland und Vechta mit fast 250 Prozent Überversorgung an Gülle unter einer bedenklichen Phosphatschwemme. Zusätzlich verschärfen Klärschlämme, mineralische Dünger, Gärreste aus Biogasanlagen und importierte Gülle das Gülleproblem. In der Folge sind nahezu 60 Prozent des niedersächsischen Grundwassers zu stark mit Nitrat belastet. Um dieses Problem zu bewältigen, müssten allein aus Cloppenburg und Vechta jährlich rund drei Millionen Tonnen Gülle und Mist in andere Regionen transportiert werden, um die maximal erlaubte Düngemenge nicht zu überschreiten. Ein wahrer Gülletourismus wäre die Folge mit jährlich 130.000 Fahrten in einem Tanklastwagen mit je 25 Kubikmeter Volumen.

Mit Hilfe von Grenzwerten versuchen die Behörden den Anschein zu erwecken, als hätten sie das Gülleproblem im Griff. Doch dieser Schein trügt: Werden die Grenzwerte überschritten, korrigiert man sie einfach nach oben. Auf diese Weise fiel es lange nicht auf, dass fast alle Böden in Deutschland überdüngt sind. Auch sind die Grenzwerte keineswegs verbindlich für alle Länder. So liegt der deutsche Grenzwert für Nitrat bei 50 Milligramm je Liter, der EU-Grenzwert dagegen bei nur 25 Milligramm je Liter. Nitrat schadet dem menschlichen Organismus insbesondere in Form von Nitrit, das zur Bildung krebserregender Nitrosamine führt.

Der Gülle-Handel blüht

Holland leidet besonders unter der Belastung mit Nitrat, Phosphat und Ammoniak: Da die Unmengen an Gülle im eigenen Land nicht mehr entsorgt werden können, wird ein Teil nach Deutschland transportiert. Die aus Holland in den Weser-Ems-Kreis exportierten Güllemengen sind inzwischen genauso groß wie die Güllemengen, die vor Ort produziert werden. So entstehen dort insgesamt 11,2 Millionen Tonnen Gülleüberschüsse pro Jahr. Mit dieser Menge lassen sich 600.000 Hektar düngen – eine Fläche mehr als doppelt so groß wie das Emsland!

Bereits im März 2012 wurden rund 390 Tonnen unbehandelter Hühnerkot in den Westerwald gekarrt. Die ansässigen Behörden wehrten sich schon aus Gründen der Seuchengefahr gegen die importierte Gülle – offenbar ohne Erfolg, denn schon planen auch norddeutsche Betriebe, ihre Gülle im Westerwald zu entsorgen. Eigentlich ist der Landwirt, der Gülle kauft, verpflichtet, sie direkt nach ihrer Ankunft in mindestens 1000 Metern Abstand zur nächsten Geflügelhaltung in den Boden einzuarbeiten. Doch auch durch das Unterpflügen des Hühnerkotes in den Boden bleibt das Risiko bestehen, dass sich Salmonellen, Vogelgrippe-Viren, gegen Antibiotika resistente Darmbakterien und Clostridium botulinum ausbreiten. Oft kann der Kot wegen der ungünstigen Witterung nicht sofort eingepflügt werden und wird erst einmal auf das Feld gekippt. So locken herumliegende Hühnerkothaufen andere Tiere an, die sich infizieren und Krankheiten auf Nutzgeflügel übertragen können.

Gülle auf Reisen

Immer mehr Gülle wird in Tankwagen quer durch Holland und Deutschland gekarrt. Holländische Mäster verkaufen sie an niedersächsische Landwirte. Diese wiederum verschachern ihren betriebseigenen Flüssigmist nach Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Der Handel findet auf so genannten Güllebörsen statt: Der Preis für den Flüssigdung von Rindern und Schweinen beträgt etwa fünf Euro pro 1000 Liter. Der Trockenmist von Hähnchen und Puten ist mit 20 Euro pro 1000 Kilogramm viermal so teuer, da er mehr Nährstoffe enthält.

Zwar gilt für Niedersachsen bereits seit 2004 eine Rahmenvereinbarung über die überbetriebliche Verwertung organischer Nährstoffträge. Doch verpflichtet das Papier die Investoren neuer Mastanlagen keineswegs zu einem Nachweis darüber, wann und wie viel Gülle und Trockenkot sie ausbringen. Seit Herbst 2010 ist in der bundesweiten Verbringungsverordnung wenigstens der Transport von Dünger geregelt: Jeder, der Gülle oder Mist kauft, muss dies den Behörden melden. Dieser Meldepflicht geht aber derzeit nur jeder dritte Betrieb nach. Nun wollen die Behörden dem unkontrollierten Gülle-Handel mit schärferen Kontrollmaßnahmen begegnen. Schon heute müssen Landwirte  laut Düngeverordnung eine jährliche Nährstoffbilanz vorlegen. Neuerdings sollen sie auch den monatlichen An- und Verkauf sowie den Transport der Gülle dokumentieren und Strafe zahlen, wenn sie zugekaufte Gülle nicht den Behörden melden.

PROVIEH rät den Konsumenten, weniger Fleisch zu essen, und den Tiermästern, ihre Tiere auf Stroh zu halten. Denn nur bei sinkender Fleisch-Nachfrage werden weniger Mastanlagen gebaut, und weniger Tiere scheiden weniger Exkremente aus. So bleibt der Verzehr von Fleisch etwas Besonderes, und Fest- und Flüssigmist werden wie früher wieder zu wertvollem Dünger für Acker und Grünland.

 

Susanne Aigner,

PROVIEH-Fachreferat


Weiterführende Quellen:

  • Looden, Silke: Gülle-Sündern droht Geldbuße. In: „Weser-Kurier“ vom  07.03.2012.