26.01.2012: Ausgerechnet in dem Moment, in dem rund 23.000 Menschen in Berlin gegen Intensivmast und Antibiotika-Missbrauch in der Tiermast demonstrierten, wurden im Allgäu und in der Gegend um Ulm 25 Schweinemastbetriebe gesperrt. Begründung: Im Urin der Schweine fand man Spuren von Antibiotika.
Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) wies im Urin der Schweine Rückstände des Breitband-Antibiotikums Chloramphenicol (CAP) nach. Das Mittel gelangte über Futter aus der Molkerei Ehrmann in die Tiere. Ursache seien unsachgemäß entsorgte Laborabfälle des Molkereibetriebes. Entdeckt wurden die Rückstände bei Routinekontrollen der zuständigen Behörden. Verbraucher seien offiziellen Angaben zufolge nicht gefährdet. Die Sperrung ist inzwischen wieder aufgehoben. CAP darf schon seit 1994 nicht mehr an Schlachttiere verabreicht werden, wird aber offensichtlich noch als Hilfsmittel in der Qualitätssicherung mikrobiologischer Untersuchungen genutzt. Es sei nur „irrtümlich“ ins sogenannte Weißwasser gelangt. Weißwasser fällt bei der Produktion in der Molkerei an und enthält Milchbestandteile. Darum wird es bei Schweinen auch als Futtermittel eingesetzt.
Ein Zuviel an Antibiotika in der Tiermast ist leider üblich, und zwar offenbar in allen Bundesländern. So ergab eine Studie zum Antibiotikaeinsatz in Niedersachsen vom November 2011, dass in rund 77 Prozent der untersuchten Betriebe mindestens drei Tage lang Arzneimittel angewendet wurden. Unlängst legte die Ministerin nun einen Gesetzesentwurf zum verminderten Antibiotika-Einsatz in der Tiermast vor. Demnach soll der Einsatz von Medikamenten auf ein „absolut notwendiges Maß“ beschränkt werden. Doch das neue Gesetz wird erst im März 2012 verabschiedet, bis dahin dürfen in der Tiermast weiter überdimensionierte Antibiotika-Gaben verabreicht werden.
Agrarministerin kündigt Maßnahmen an
Die Ministerin wehrt sich gegen alle Vorwürfe, welche auf der Demo am 21. Januar 2012 in Berlin gegen die Agrarindustrie laut wurden. Ihrer Ansicht nach geht es den Tieren in der modernen Intensivmast heute gut. Die Agrarpolitik konzentriere sich nun auf „kleinere und mittlere Betriebe und fördert artgerechte Haltungsformen". Dem entsprechend kündigt sie in ihrer Charta für Landwirtschaft & Verbraucher Maßnahmen für eine „ökologisch tragfähige, ökonomisch existenzfähige, sozial verantwortliche und Ressourcen schonende Wirtschaftsweise“ an. Agrarexporterstattungen sollen abgeschafft, das Tierwohl soll gestärkt werden.
In ihrer Argumentation klammert die Ministerin das Problem der Soja-Monokulturen in den Ländern des Südens vollständig aus. Soja ist das Hauptfuttermittel in der deutschen Schweinemast. Der Raubbau an Ackerflächen hat zur Folge, dass der Boden den Einheimischen nicht mehr für den Anbau von Nahrungsmitteln zur Verfügung steht. Dem „Welthunger“ kann aber nicht mit Schweinefleisch aus der EU begegnet werden, sondern nur mit Zugang zu Land und Wasser für eine eigene Nahrungsmittelproduktion in den betroffenen Ländern. Die EU-Länder produzieren derzeit zehn Prozent mehr Schweinefleisch als sie selbst verbrauchen, denn die Schweinemast wird in der EU stark subventioniert. Ob es nur bei den Ankündigungen bleibt, oder ob diese auch umgesetzt werden, wird sich bald zeigen. PROVIEH fordert artgerechte Haltungsbedingungen in der Schweinemast. Denn nur so bleiben die Tiere gesund - auch ohne Antibiotika.
Susanne Aigner
PROVIEH-Fachreferat
Weiterführende Quellen:
Frühere PROVIEH-Berichte: