"Grünes Licht für Grüne Gentechnik"? Nein, sagt der Papst aus Einsicht. Ja, sagen EU und Deutschland aus Uneinsichtigkeit.

10.12.2010: Während sich der Vatikan von der Agrargentechnik distanziert, finanzieren EU-Kommission und Bundesregierung die GVO-Forschung ungebremst weiter mit Steuermilliarden.

Die Ankündigung des "Positionspapiers Grüne Gentechnik" der "Päpstlichen Akademie der Wissenschaften" ist ein klares Plädoyer für "Grüne Gentechnik" in der Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion, spiegelt aber anscheinend nicht die Meinung von Papst und Vatikan wider, so der Sprecher des Papstes in einem Dementi. Die Studienwoche hatte Mitte Mai 2009 im Vatikan stattgefunden und war bereits damals heftig kritisiert worden. Denn es wurden nur gentechnikfreundliche Wissenschaftler geladen. Kritiker, Zweifler oder gar Gentechnikgegner kamen nicht zu Wort. Die Studienwoche war von Akademiemitgliedern aus der Schweiz und den USA einberufen worden. Beide Länder leisten wegen der großen Wirtschaftsmacht der Konzerne Syngenta (Schweiz) bzw. Monsanto, DuPont/Pioneer und Dow (jeweils USA) der Gentechnik seit den 90er Jahren besonders aggressiven Vorschub, auch auf politischer Ebene.

Im Kommentar zur Vorabveröffentlichung der Ergebnisse der Studienwoche durch den LME/aho-Onlinedienst kann sich die Gentechlobby nur die Hände reiben, denn den Gegnern der Agrargentechnik fehle nun angeblich ein Argument: Gentechnische Manipulation von Pflanzen und Tieren sei aus Sicht der Studiengruppe kein Pfusch in Gottes Handwerk und kein Frevel an der Schöpfung. Stattdessen lesen sich die Studienergebnisse wie eine Werbebroschüre von Monsanto: "Wissenschaftlich haltlose Hürden für die Grüne Gentechnik sollen abgebaut und ihre öffentliche Unterstützung soll ausgeweitet werden, sodass vor allem arme Länder von den Vorteilen der modernen Pflanzenzucht profitieren können." Und im Fazit: "GE-Pflanzen [transgene Pflanzen] können ebenfalls große Bedeutung für Kleinbauern und gefährdete Mitglieder armer Landbevölkerungen, insbesondere von Frauen und Kindern, haben. Insekten-resistente GE-Baumwolle und GE-Mais haben den Einsatz von Insektiziden stark reduziert und vor allem im Kleinbauernsektor verschiedener Entwicklungsländer, wie Indien, China, Südafrika und den Philippinen, zu beträchtlichen Steigerungen der Erträge und Haushaltseinkommen und damit auch zur Verringerung der Armut beigetragen (zusätzlich zu weniger Vergiftungen durch chemische Pestizide)."

Das alles ist erwiesener Maßen falsch. Den Armen und Bedürftigen in dieser Welt kann durch grüne Gentechnik bisher überhaupt nicht geholfen werden. Das belegte schon der Weltagrarbericht (IAASTD) von 2008, der von über 500 anerkannten, wahrhaft unabhängigen Wissenschaftler/innen aus aller Welt ausgearbeitet wurde und eindrucksvoll zeigt, dass verbesserte Bewässerungstechniken und Düngereinsatz sowie der Anbau lokaler Sorten durch kleine und mittlere Landwirtschaftsbetriebe einen viel nachhaltigeren Beitrag zur Bekämpfung des Hungers in der Welt leisten könnten. Die Grüne Gentechnik sei dazu nicht geeignet, denn sie führe zu einer Monopolisierung der Nahrungsmittelherstellung und damit zu einer weltweiten Abhängigkeit der Bauern von ganz wenigen, dafür riesigen Saatgutkonzernen. Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kam auch das "Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag" und eine Studie der Deutschen Bank, die nicht gerade dem Lager radikaler Nachhaltigkeits-Aktivisten zuzurechnen ist. Beide Studien wurden 2009 veröffentlicht. In ihnen wird neben der Erwähnung möglicher Chancen auch viel Kritik an der Grünen Gentechnik geäußert: Die langfristige Auswirkungen seien noch nicht abzusehen, es bestünden Risiken der Resistenzbildung und die Gefahr der Abhängigkeiten armer Bauern von Saatgutfirmen. Trotz dieser Argumente hat Deutschland den angeführten Weltagrarbericht bisher nicht durch Unterzeichnung anerkannt.

In der Studienwoche der Päpstlichen Akademie wurde völlig ausgeblendet, dass Tiere, die abgeerntete Gentech-Baumwollfelder in Indien beweideten, erkrankten und vielfach verendeten. Ausgeblendet wurden auch für die vielen negativen Erfahrungen mit GVO in Argentinien: Dort wird seit Jahren massiv Gensoja vom Typ Roundup-Ready angebaut, der resistent gegen das Totalherbizid Roundup ist. Also werden die Soja-Monokulturen mit diesem Totalherbizid besprüht, um alle anderen Pflanzen (Feldblumen, Unkräuter etc) abzutöten. Das führte erstens zu dramatischen Gesundheitsschäden bei Menschen und Tieren, die in der Nähe von solchen (meist durch Flugzeuge) besprühten Gensojafeldern leben. Missbildungen, Fehlgeburten, Allergiezunahmen und verendete Tiere sind nur einige der schweren Schäden, die durch Roundup verursacht wurden (mehr dazu auch im PROVIEH Magazin, Heft 4/2009, S. 29). Zweitens wurden unfreiwillig Superunkräuter gezüchtet, die resistent gegen Roundup sind, so dass man ihrer nicht mehr Herr wird, außer durch den Einsatz von immer mehr und immer giftigeren Herbiziden. Unter beiden Problemen hat auch das weltweit zweitgrößte  Sojaanbauland USA zu leiden, wo der Herbizid- und Pestizideinsatz laut wissenschaftlicher Studie von Beginn des massiven GVO-Anbaus im Jahr 1996 bis 2008 insgesamt um 173.726 Tonnen stieg.

Es ist also völlig falsch, wenn die Päpstliche Akademie der Wissenschaften behauptet: "In geeigneter Weise und verantwortlich angewandt, kann Gentechnologie unter vielfältigen Bedingungen wesentliche Beiträge zur Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität und der Nahrungsqualität leisten – durch Verbesserung des Ertrags und der Nahrungsqualität der Pflanzen, durch verbesserte Resistenz gegenüber Schädlingen wie auch durch Erhöhung der Toleranz gegenüber Dürre und anderen physikalischen Stresssituationen. Solche Verbesserungen sind weltweit dringend erforderlich, um die Nachhaltigkeit und Produktivität der Landwirtschaft zu erhöhen." Denn keine der zugelassenen GV-Pflanzen ist stress- oder dürreresistent oder hat einen höheren Nährwert. Sie alle sind nur schädlings- und herbizidresistent. Ihr Saatgut wird meistens im Doppelpack mit den dazu passenden (von den gleichen Unternehmen hergestellten) Herbiziden verkauft. Das hat den Gentech-Riesen in den vergangenen 15 Jahren einen riesigen Reibach beschert, während gleichzeitig die Zahl der Hungernden auf weltweit auf über eine Milliarde Menschen stieg. In einer Studie im Auftrag des BUND wurde die Gentechnikindustrie 2008 daher der Ernährungslüge bezichtigt.

Aus den angeführten Gründen ist es für den Papst und die katholische Kirche mehr als angebracht, sich von der Befürwortung der Grünen Gentechnik durch die Päpstliche Akademie öffentlich und deutlich zu distanzieren, um der Schöpfung und den Schwachen nicht zu schaden.

Die EU-Kommission dagegen tutet in das gleiche Horn wie die Päpstliche Akademie und leistet den mächtigen Großunternehmen Vorschub, die die Schöpfung und die Schwachen nachhaltig schädigen und nach eigener Aussage das Hauptziel verfolgen, die Weltnahrungsmittelerzeugung zu kontrollieren. In einer Pressemeldung vom 9. Dezember 2010 behauptet die EU-Kommission sogar, "dass es bisher keine wissenschaftlichen Hinweise darauf gibt, dass GVO eine größere Gefahr für die Umwelt oder die Lebens- und Futtermittelsicherheit darstellen als herkömmliche Pflanzen und Organismen". Zur Begründung werden Ergebnisse aus fünfzig Forschungsprojekten angeführt, die zwischen 2001 und 2010 durchgeführt und von der EU (also von unseren Steuergeldern) mit rund 200 Millionen Euro unterstützt wurden. Die Ergebnisse liegen jetzt in Buchform vor.

Die EU-Kommissarin für Forschung, Innovation und Wissenschaft, Máire Geoghegan-Quinn, lobte dieses Buch in höchsten Tönen: Mit ihm solle "ein Beitrag zu einer völlig transparenten Diskussion über gentechnisch veränderte Organismen geleistet werden, die sich auf ausgewogene wissenschaftliche Informationen stützt. Wie diese Projekte ergeben haben, haben gentechnisch veränderte Organismen das Potenzial, vor allem in weniger entwickelten Ländern die Unterernährung einzudämmen, die Ernteerträge zu steigern und zur Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel beizutragen." Den vielen Gentechnik-geschädigten Bauern bzw. ihren Hinterbliebenen müssen solche Hochglanz-Sätze wie blanker Hohn erscheinen.

Kein Wunder, dass bei der Bevölkerung in der EU das Misstrauen gegen "die in Brüssel" wächst, denn ihre Bedenken gegen Gentechnik werden offensichtlich nicht ernst genommen. Bei der unter Kommissionsaufsicht stehenden EU-Lebensmittelaufsichtsbehörde (EFSA) herrschen skandalöse Zustände. Ihren wichtigen Entscheidern über Einfuhr und Anbau von GVO in der EU wurden wiederholt Interessenkonflikte nachgewiesen. Doch solche Sünden blieben und bleiben für die Zulassungspraxis praktisch ohne Folgen, das ist ein Skandal.
 
Leider zeigt auch Forschungsministerin Annette Schavan viel ungebrochenen Enthusiasmus für die Agrargentechnik, die sie euphemistisch als Beitrag zur "Bioökonomie" versteht. Sie wirkt unvertraut mit den vielen schrecklichen Erfahrungen, die im Ausland mit dem Anbau von GV-Pflanzen schon gesammelt wurden. Den Sirenengesang der Gentech-Riesen vernimmt sie offensichtlich lieber als das Wehklagen der Geschädigten, die wegen sogenannter Knebelverträge über ihre eigenen Erfahrungen und Ernteergebnisse sogar schweigen müssen. Weiß Schavan überhaupt, dass die "Universitäts-Reformen" der letzten Jahre die Universitäten zwingen, "Drittmittel" aus der Privatwirtschaft einzuwerben? Weiß sie, dass Gentechriesen Monsanto, DuPont/Pioneer und Dow (USA), Syngenta (Schweiz), BASF und BayerCropSience (beide Deutschland) in den vergangen Jahren sehr viel Geld an Universitäten in Form von Stipendien, Spenden, Auftragsforschung o.ä. fließen ließen, so dass es unabhängige GVO-Forschung an deutschen Universitäten kaum noch gibt? Weiß sie, dass Monsanto & Co den Fluss ihrer Gelder dadurch lenken können, dass patentiertes Gen-Saatgut von den Konzernen zu Versuchszwecken erworben werden muss, so dass Gentechnikfans begünstigt werden können und Gentechnikgegner gezielt ausgeschlossen werden können? Kennt sie das Risiko jener Wissenschaftler, die sich kritisch zur Grünen Gentechnik äußern? Der Wissenschaftler Arpad Pusztai jedenfalls wurde über Nacht entlassen, nachdem er seine alarmierenden Ergebnisse über die Fütterung von Ratten mit Genkartoffeln veröffentlicht hatte. Nun warnt er in Büchern und als Konferenzredner vor den Gefahren der "Grünen Gentechnik". Mehr zum Thema ist ab Februar 2011 im Kinofilm "Gekaufte Wahrheit – Gentechnik im Magnetfeld des Geldes" zu erfahren.

Die Bundesregierung ficht das alles nicht an. Laut Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" will sie allein in den kommenden Jahren insgesamt 2,4 Milliarden Euro in die Erforschung von GVO stecken – trotz der mahnenden Worte des Bundesverfassungsgerichtes in seinem Urteil zum Gentechnikgesetz vom 24.11.2010, es bestünde beim Gentechnik-Anbau das "Risiko unerwünschter oder schädlicher, gegebenenfalls unumkehrbarer Auswirkungen, das im Sinn einer größtmöglichen Vorsorge beherrscht werden soll".

Leider müssen sich die Verbraucher und Verbraucherinnen den Vorwurf gefallen lassen, beim Einkauf nicht deutlich genug mit dem Portemonnaie für "Ohne Gentechnik" abzustimmen und am Ende meist doch zu sehr auf den Preis und zu wenig auf den Inhalt zu schauen. Sie spüren noch nicht die Gefahren wie Herbizidresistenzen und Anstieg von Allergien, die mit den GVO aufziehen. Sie können leicht Opfer dieser Gefahren werden. Wenn sie ihr Kaufverhalten nicht bald ändern, werden sie in wenigen Jahren keine Wahl mehr haben.

Warum GV-Pflanzen alles andere als ungefährlich sind, haben wir für sie in einem Mythenblatt übersichtlich zusammengestellt.

Sabine Ohm, Europareferentin


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