"Der Ringelschwanz bleibt ganz"

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Kampagne für intakte Ringelschwänze

In der konventionellen Schweinehaltung wird den Ferkeln wenige Tage nach der Geburt der Ringelschwanz routinemäßig und betäubungslos abgeschnitten (kupiert), obwohl dies in der Europäischen Union seit 1994 verboten ist (Richtlinie 91/630/ EWG). Begründet wird der Eingriff mit dem – bei langen Ringelschwänzen unter derzeitigen Haltungsbedingungen – höheren Risiko, dass sich die Schweine gegenseitig den Schwanz anknabbern („Kannibalismus“) oder Schwanznekrosen entstehen.

PROVIEH-Klage tritt Lawine los

PROVIEH reichte 2009 Beschwerde gegen Deutschland bei der EU Kommission ein wegen der Nichteinhaltung der „Richtlinie zum Schutz der Schweine“ (2008/120/EG), die auch in den meisten anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union missachtet wird. Wir forderten seither die EU-Kommission immer wieder mit Nachdruck zu Verbesserungen bei den Kontrollen der Umsetzung des Kupierverbots und der Bereitstellung von angemessenem Beschäftigungsmaterial auf. In Jahren 2010 und 2011 führte die Veterinärbehörde der EU-Kommission (FVO) deshalb zusätzliche Inspektionen (auch in Deutschland) durch, die die Missstände bestätigten. Deutschland drohte daraufhin eine Strafe in Höhe mehrerer Hundert Millionen Euro, die aber abgewendet wurde, weil es sich um ein sehr weit verbreitetes und auch grenzüberschreitendes Problem handelt. Die EU lässt deshalb auch die Beschwerden gegen Deutschland ruhen und sucht nach alternativen Wegen für eine bessere Einhaltung der EU-Vorschriften zu sorgen.

PROVIEH weist aber nicht nur einfach auf Missstände hin. Wir recherchierten frühzeitig – zum Beispiel in Ländern wie der Schweiz, wo seit 2008 erfolgreich auf das Schwanzkupieren verzichtet wird – um an konstruktiven Lösungsvorschlägen mitarbeiten zu können. Auch in Skandinavien dürfen die Ringelschwänze nicht abgeschnitten werden.

Erste Erfolge

Im März 2013 lud die EU-Kommission PROVIEH dazu ein, bei einem Expertenworkshop in Brüssel einen Vortrag über die Intakthaltung der Ringelschwänze zu halten. 2014 war PROVIEH dann auch als einziger deutscher Tierschutzverein an der Ausarbeitung zweier EU-Leitlinien zur korrekten Umsetzung der „Richtlinie zum Schutz der Schweine“ beteiligt, deren Veröffentlichung sich nach den Europawahlen 2014 zunächst verzögert durch den Kommissionswechsel beziehungsweise den tiefgreifenden Umstrukturierungsprozess der Generaldirektion Gesundheit, die für Tierschutz zuständig ist.

In Deutschland arbeitet PROVIEH zudem eng mit allen Beteiligten zusammen, um die Abschaffung des Schwanzkürzens auch wissenschaftlich und durch Praxisversuche bei Schweinhaltern zu begleiten. Besonders intensiv war in diesem Fall der Austausch mit den Schweinehaltern, Bauernverbänden und den Landwirtschaftsministerien in Nordrhein-Westfalen (NRW) und Schleswig-Holstein, mit großem Erfolg: Mitte Februar 2014 einigten sich das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen (MKULNV) und die Landesbauernverbände (WLV und RLV), auf eine „Gemeinsame NRW-Erklärung zum Verzicht auf das routinemäßige Kürzen des Schwanzes bei Schweinen“. Darin ist ein Etappenplan zum Ausstieg aus dem Schwanzkupieren vorgesehen.

In NRW wird nach dem erfolgreichen Abschluss der Phase II des Ringelschwanzprojekts im Oktober 2016 Bilanz gezogen. Die Ergebnisauswertung zeigt, dass alle wichtigen Risikofaktoren erkannt und weitestgehend beherrschbar sind. Die von Tierschützern und der Wissenschaft geforderten mindestens „97 Prozent Erfolgsquote“ in Bezug auf intakte Ringelschwänze sind erreichbar. Das funktioniert aber nur, sofern die Betriebe keine technischen Pannen in wichtigen, stressrelevanten Bereichen wie der Fütterungsautomatik, den Tränken oder bei der Lüftung haben. Das Projekt zeigte bedeutende Schwachstellen auf, da viele Betriebe derzeit offenbar keinen reibungslosen Ablauf garantieren können.

Die technischen Probleme und Anfälligkeiten sollten dringend behoben werden, denn es starten noch 2016 ca. 80 schweinehaltende Betriebe in die letzte Projektphase. Spätestens Ende 2017 sollten alle Betriebe in NRW damit beginnen, auf das Kupieren zu verzichten. In Schleswig-Holstein läuft nach einer Gemeinsamen Erklärung zum Kupierverzicht vom Herbst 2014 ebenfalls der etappenweise Ausstieg. Auch in Bayern und Hessen, wo PROVIEH ebenfalls an den Runden Tischen für Tierschutz sitzt und für intakte Ringelschwänze kämpft, wurden inzwischen Vereinbarungen zum etappenweisen Ausstieg aus dem Schwanzkupieren ausgehandelt. In NRW, wo wir unter anderem im Ringelschwanz-Beirat mitarbeiten, sowie in Hessen wird außerdem massiv in die Betriebsberatung investiert, ohne die die Schweinehalter den Ausstieg nach jahrzehntelangem Schwanzkupieren nur schwer schaffen können.

Vorschläge zur Kostenbewältigung

Damit die Tierhalter nicht auf den Mehrkosten sitzenbleiben, die eine bessere Tierhaltung mit intakten Ringelschwänzen verursacht, schlug PROVIEH zunächst einen Solidarfonds für intakte Ringelschwänze vor (2011). Dies war aber bundesweit nicht umsetzbar. Daraus entwickelte PROVIEH das Konzept für eine Ringelschwanzprämie, die vom Land Niedersachsen seit 2015 an über 100 Betriebe ausgezahlt wird.

Eine Ringelschwanzprämie sollte ursprünglich auch Bestandteil der ebenfalls von PROVIEH mitkonzipierten „Initiative Tierwohl“ (ITW) werden, deren heutige Form leider nur in Teilen unseren Entwürfen entspricht. Die Finanzausstattung der ITW wurde von Beginn an viel zu niedrig angesetzt. PROVIEH bemühte sich um Nachbesserung der Inhalte und der Finanzierung. Die uns vorliegenden vorläufigen Verhandlungsergebnisse bezüglich der Ausgestaltung der ITW von 2018 bis 2020 machen allerdings wenig Hoffnung, dass die ITW einen substantiellen Beitrag für den Ausstieg aus dem Schwanzkupieren in der Breite leisten kann und wird.

Die EU-Kommission macht Ernst

Mit gut eineinhalb Jahren Verzögerung veröffentlichte die EU-Kommission am 8. März 2016 die beiden praxisnahen und einfach formulierten Leitlinien für Schweinehalter (s.o.). Diese haben zwar keinen „Gesetzescharakter“, aber dafür gibt es die Richtlinie 2008/120/EG und die nationalen Gesetze. Interpretationsspielräume existieren Dank der nun veröffentlichten Leitlinien endgültig nicht mehr. Sie sollten zusammen gelesen werden, so sieht es auch die Kommission, denn angemessenes Beschäftigungsmaterial sei ein sehr wichtiger Faktor für intakte Ringelschwänze.

Zudem wurde NRW im Oktober 2016 zu einer Konferenz der EU-Inspektoren mit den Mitgliedsstaaten nach Grange (Irland) eingeladen, um die bahnbrechenden Erkenntnisse im Bereich der Vermeidung von Schwanznekrosen und Schwanzbeißen durch angemessene Fütterung, Tränke, Stallklimamanagement etc. vorzutragen. So können auch in den anderen Mitgliedsländern die Ergebnisse aus Forschung und Praxis den Schweinen schnellstmöglich zugutekommen – und keiner hat mehr eine Ausrede, um weiter den Ferkeln routinemäßig vorbeugend den Schwanz zu kupieren.

Kommissionsvertreter kündigten bereits erste Kontrollen ab 2017 an. Bei Verstößen kann die Kommission auch kurzfristig und ganz ohne Vertragsverletzungsverfahren hohe Strafgelder einfordern. Denn es gilt: Wer Subventionen erhält, wie zum Beispiel die Landwirte, ist dazu verpflichtet, alle geltenden EU-Vorschriften einzuhalten, die auf ihn anwendbar sind, zum Beispiel Tierschutzregelungen. Die zuständigen Überwachungsbehörden in den Mitgliedsländern – die Kreisveterinärämter bzw. Landesministerien – müssen künftig nachweisen, dass sie denjenigen Betrieben die EU-Agrarsubventionen kürzen („Cross-Compliance-Kürzungen“), die weiterhin routinemäßig den Ringelschwanz kupieren und/oder ihren Schweinen kein angemessenes Beschäftigungsmaterial anbieten.

PROVIEH feiert diesen großen Kampagnenerfolg – unsere Beharrlichkeit und unermüdliche Arbeit hat sich ausgezahlt!

 

Stand: Oktober 2016

 

 

Kontakt für weiterführende Informationen:

Prof. Dr. Sievert Lorenzen und Angela Dinter, dinter@provieh.de

 

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